Von Sansibar nach Saint-Tropez - eine Tür geht auf die Reise

Saint-Tropez: Suahelitür aus Sansibar - Foto: Eva Bambach
Saint-Tropez: Suahelitür aus Sansibar - Foto: Eva Bambach
Eine kunstvoll geschnitzte Tür aus Sansibar bezeugt die glorreiche Vergangenheit von Saint-Tropez als Handelsstadt.

Nicht weit vom Hafen und vom Laufsteg der Reichen und Schönen in Saint-Tropez entfernt thront eine wenig beachtete exotische Schönheit über der Place de l’Hôtel de Ville. 1874 importierte der Kapitän Justin Cerisola für den ehemaligen Handelsherrn Annibal Bérard eine Suahelitür von der Insel Sansibar.

Prominenz und Exotik am Rathausplatz

Eingebaut wurde die weitgereiste Tür an prominenter Stelle, vis-à-vis dem Rathaus, just in dem inzwischen Privathaus gewordenen Gebäude, in dem Napoleon im Jahr 1802 eine hydrographische Schule zur Ausbildung von Kapitänen und Offizieren der Schifffahrt eingerichtet hatte. Es war nicht nur der gerade sehr im Trend liegende Geschmack am Exotischen, der den ehrwürdigen Annibal Bérard bewog, sich so ein ausgefallenes Portal zu leisten. Denn dieser kannte die Bedeutung der Tür aus Sansibar sehr wohl, schließlich war er selbst Vertreter einer Handelsgesellschaft auf der ostafrikanischen Insel gewesen.

Eine Suahelitür als Statussymbol?

Der Handel im Indischen Ozean hatte seit dem Mittelalter die Angehörigen verschiedener Völker an die ostafrikanische Küste gebracht, darunter auch arabische Händler. Mit ihnen kam die Tradition der geschnitzten Holztüren: In den holzarmen Gebieten Arabiens galten sie als besonderes Statussymbol - die Haustür zeigte allen Nachbarn und Passanten den Rang ihres Besitzers an. In Ostafrika mit seinem Reichtum an Edelhölzern gewann der kunsthandwerkliche Charakter der Suahelitüren dann weiter an Qualität. Örtlich – sei es in Sansibar, in Siyu oder Lamu - bildeten sich jeweils eigene Traditionen heraus. So dürfte das besondere Souvenir des Monsieur Annibal Bérard von ihm mit Bedacht ausgewählt und platziert worden sein.

Saint-Tropez als Schauplatz der Geschichte

Saint-Tropez wird gern als ehemaliges Fischerdorf bezeichnet, das seine Bedeutung als Yachthafen erst in den 1950er Jahren durch den Tourismus erlangte. Das Städtchen hat in der Geschichte der Seefahrt jedoch eine weit größere Rolle gespielt, als ein bloßer Vergnügungshafen für Begüterte zu sein. Bis zum Bau der Zitadelle über der Stadt um 1600 war die Stadt Angriffen von Piraten immer wieder ausgeliefert. Später waren es die Kriegsschiffe der Spanier und der Engländer, die Saint-Tropez bei jedem Konflikt aufs Neue bedrohten. Seit dem 16. Jahrhundert war der Hafen aber auch Ausgangsort für den Küstenhandel von der italienischen Küste bis nach Spanien. Sie handelten mit Wein, Kastanien und Holz aus der Region und brachten Weizen dafür mit.

Händler, Offiziersanwärter und prächtige Dreimaster

Die glanzvollste Zeit erlebte Saint-Tropez allerdings im 18. Jahrhundert, als die Stadt sich in den Handelsdienst des Osmanischen Reichs stellte und man für den Sultan zum Beispiel Holz, Seife, Baumwolle und Pilger transportierte. Die Bedeutung des Hafens wurde dann von Napoleon als so groß angesehen, dass er hier seine Schule für die Seefahrt einrichtete. Sie existierte immerhin bis 1914 und bildete Offiziere für die Seefahrt aus, die die ganze Welt besegelten. Am Hafen von Saint-Tropez, genau auf dem Terrain, auf dem heutige Müßiggänger ihre Yacht-Ausrüstung ergänzen und ihre Autos parken, gab es noch im 19. Jahrhundert eine der größten Werften der gesamten Küste. Hier wurden vor allem Dreimaster aus Holz gebaut. Eine ferne Erinnerung an solch vergangene Zeiten erwecken heute nur noch die historischen Segelschiffe im Hafen von Saint-Tropez – reduziert zum Statussymbol.

Quelle zur Suaheli-Kultur:

Die Zeit - Welt- und Kulturgeschichte, Hamburg 2006, Band 11, S. 311-326

Eva Bambach 2011, Eva Bambach

Eva Bambach - Seit 1995 freie Autorin und Redakteurin für verschiedene Verlage, unter anderem für Brockhaus, Harenberg, Meyer, Duden; ...

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