Sieben mal finden in Deutschland 2011 Landtagswahlen statt, unter anderem in Sachsen-Anhalt, wo Ministerpräsident Wolfgang Böhmer nicht mehr antritt. Auch für den ein oder anderen weiteren Ministerpräsidenten oder Bürgermeister könnte die Wahl das Ende als Länderfürst sein, doch die Betroffenen können sich trösten, denn ehemalige Länderfürsten haben auch danach noch berufliche Möglichkeiten. Egal ob sie abgewählt wurden, freiwillig oder auch unfreiwillig zurücktraten: Für den einen findet sich ein Plätzchen in Brüssel, der andere nimmt einen Posten in der freien Wirtschaft an – und dann gibt es da noch eine weitere Möglichkeit in der Öffentlichkeit präsent zu sein und Geld zu verdienen, nämlich indem man Bücher veröffentlicht. Viele Politiker und darunter eben auch viele ehemalige Ministerpräsidenten machen von dieser Möglichkeit Gebrauch und sie glauben offenbar, dass sie der Gesellschaft etwas zu sagen haben zu Themen wie Wiedervereinigung, alternde Gesellschaft oder Wirtschaftskrise.
Der mehrfache Späth: Umschwung Ost und der Generationen-Pakt
Zu allem etwas zu sagen hat Lothar Späth, seitdem er vor zwanzig Jahren, nach der Traumschiff-Affäre im Januar 1991, als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurücktreten musste. Zwar hatte er recht bald wieder eine Aufgabe bei der Jenoptik, aber für die ein oder andere Buchveröffentlichung war auch noch Zeit. Zu den von ihm veröffentlichten Büchern zählt das 1998 erschienene Blühende Phantasien und harte Realitäten – Wie der Umschwung Ost die ganze Republik verändert, in dem er sich mit den enttäuschten Hoffnungen auf einen ostdeutschen Aufschwung nach der Wiedervereinigung beschäftigt. Mit Herbert A. Henzler, einem Wirtschaftsprofessor und ehemaligen McKinsey-Mann, fragte Späth in den 90er-Jahren, ob die Deutschen noch zur retten seien. Sind die Deutschen noch zu retten? – Von der Krise in den Aufbruch hieß das Buch. Es ist nur eines von mehreren, das die beiden Herren gemeinsam veröffentlichten und damit ist noch nicht Schluss: Für März ist schon das nächste Werk mit dem Titel Der Generationen-Pakt: Warum die Alten nicht das Problem sondern die Lösung sind angekündigt.
Herbert A. Henzler/Lothar Späth: Der Generationenpakt. Hanser 2011. 208 Seiten. 19,90 Euro.
Henning Scherf und Kurt Biedenkopf: Über das Alter und über den Sozialstaat
Die Auseinandersetzung mit der alternden Gesellschaft ist vor allem auch ein Anliegen von Henning Scherf, ehemaliger Bremer Bürgermeister, der aus freien Stücken aus der Politik ausschied und mit seiner Frau in einer Wohngemeinschaft lebt. Grau ist bunt: Was im Alter möglich ist, Das Alter kommt auf meine Weise: Lebenskonzepte für heute und morgen, Das Leben bleibt bunt oder Gemeinsam statt einsam: Meine Erfahrung für die Zukunft heißen seine allein oder mit anderen veröffentlichten Bücher rund um das Alter. Während Henning Scherf daran liegt, zu zeigen, dass das Leben im Alter lebenswert ist, hat Kurt Biedenkopf die künftige Enkelgeneration im Blick, wenn er sich in seinem Buch Die Ausbeutung der Enkel, Untertitel Ein Plädoyer für die Rückkehr der Vernunft, mit dem Sozialstaat auseinandersetzt, dessen Neuordnung er fordert. Wohl in die gleiche Richtung, so lässt der Titel vermuten, zielt sein Buch Wir haben die Wahl – Freiheit oder Vater Staat, das im März 2011 erscheinen wird.
Henning Scherf: Grau ist bunt. Herder 2008. Taschenbuch, 192 Seiten. 9,95 Euro.
Henning Scherf: Gemeinsam statt einsam. Herder 2009. Gebundene Ausgabe, 220 Seiten. 18,95 Euro.
Kurt Biedenkopf: Die Ausbeutung der Enkel. List 2007. Taschenbuch, 223 Seiten. 8,95 Euro.
Heide Simonis und Reinhard Höppner: Die Finanzkrise und ein Wunder
Wie man den oben genannten Beispielen entnehmen kann, suchen sich Politiker gerne Themen aus, die gerade angesagt sind, so hat sich Heide Simonis im vergangenen Jahr mit der Finanzkrise auseinandergesetzt und das Buch Verzockt! Warum die Karten von Markt und Staat neu gemischt werden müssen veröffentlicht. Vermutlich war es nicht nur das gerade aktuelle Thema, Simonis dürfte sich auch für ausreichend kompetent gehalten haben, um sich mit dem Thema zu beschäftigen, war die studierte Volkswirtin doch vor ihrer Zeit als Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein auch einmal Finanzministerin und dürfte ihre Erfahrungen mit dem Verhältnis von Markt und Staat gesammelt haben. Auf eigene Erfahrungen kann auf jeden Fall Reinhard Höppner, ehemaliger Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt, zurückblicken: Als Ostdeutscher erlebte er den Zusammenbruch der DDR und den Weg zur deutschen Einheit und so erschien rechtzeitig zum 20. Jahrestag des Mauerfalls 2009 sein Buch Wunder muss man ausprobieren: Der Weg zur deutschen Einheit.
Heide Simonis: Verzockt! Vandenhoeck & Rupprecht 2010. Gebundene Ausgabe, 160 Seiten. 17,95 Euro.
Reinhard Höppner: Wunder muss man ausprobieren. Aufbau 2009. Gebundene Ausgabe,148 Seiten. 14,95 Euro
Heide Simonis‘ Kindheit am Rhein und Erwin Teufels kulinarische Streifzüge
Manchmal allerdings widmen sich ehemalige Landespolitiker auch privaten Themen. Heide Simonis, die mit ihren beiden Schwestern Dodo und Barbara im Rheinland aufwuchs, brachte gemeinsam mit den beiden 2008 das schmale Büchlein Drei Rheintöchter: Eine Kindheit am Rhein nach 1945 unter die Leser, Henning Scherf berichtete vor einigen Jahren über Eine Weltreise à la Scherf: Gast bei fremden Freunden. Erwin Teufel, der 2005 als Ministerpräsident von Baden-Württemberg zurückgetreten war und Platz für den jüngeren Günther Oettinger gemacht hatte, veröffentlichte 2009 seine Autobiografie Gewissen für das Ganze: Ein politisches Leben. Wie auch einige andere Länderfürsten, veröffentlichte Teufel das ein oder andere Buch bereits während seiner Ministerpräsidentenzeit, zum Beispiel gemeinsam mit seiner Gattin Edeltraud das Kochbuch Baden-Württemberg. Kulinarische Streifzüge. Es enthält 69 Rezepte, mit denen man der Wirtschaftskrise und den Problemen der Wiedervereinigung oder der alternden Gesellschaft nicht beikommen kann, aber zu erfahren, wie man bei Teufels und anderswo im Ländle einen leckeren Braten zubereitet, ist ja auch nicht schlecht.
Heide Simonis: Drei Rheintöchter. Bouvier 2009. Taschenbuch, 151 Seiten, 15,90 Euro.
Erwin Teufel: Gewissen für das Ganze. Herder 2009. Gebundene Ausgabe, 320 Seiten. 19,95 Euro.
