Von Wasser und Wölfen: Beatrix Langner über Brandenburg

Beatrix Langner skizziert die Mark Brandenburg als ein Land "zwischen Museumspark und Zukunftswerkstatt". Eine ganz eigene Liebeserklärung in Buchform.

Rainald Grebe hat für Brandenburg eine inoffizielle Hymne geschrieben, die unverfänglicher ist als das Stück „Märkische Heide, märkischer Sand“. Was daran liegen mag, dass Grebes Lied ebenso wahr wie versponnen ist. „In Berlin bin ich einer von drei Millionen, / in Brandenburg kann ich bald alleine wohnen“, heißt es da, und: „In Berlin kann man so viel erleben, / in Brandenburg sollen wieder Wölfe leben.“ Freilich hat schon Heinrich von Kleist vermutet, dass Gott beim Weltschöpfen die Mark Brandenburg übersehen habe. So berichtet es Beatrix Langner, die sowohl in Berlin als auch im Fläming-Dorf Wiesenburg lebt und das Land, in dem die deutsche Hauptstadt eingebettet ist, kenntnisreich und liebevoll porträtiert.

"Aus Kalau wird berichtet ..."

Brandenburg hat die Wahl-Berlinerin zuerst in Gestalt von Niemegk kennengelernt. Langsam hat sie sich diese und andere Regionen des vor allem landschaftlich reizvollen, mit 85 Bewohnern pro Quadratkilometer eher dünn besiedelten Bundeslandes angeeignet und, wie ihr Zweitwohnsitz zeigt, auch lieben gelernt. Das Land hat sie ganz durchmessen: von der Prignitz im Norden bis zum Spreewald im Süden, von Brandenburg im Westen bis Frankfurt im Osten. Wölfe hat sie zwar noch nicht gesichtet, aber viel Geschichte und Gegenwart.

Für Brandenburg ist nicht nur der berühmte märkische Sand charakteristisch, sondern auch das Wasser. Also ist auch ein Kapitel enthalten, das den Flussläufen von Dahme, Havel, Oder und Spree folgt. Günter Eich, Klabund und Richard Dehmel haben die Ströme in ihren Gedichten besungen. Daneben sind es die hier ebenfalls vorgestellten Heinrich von Kleist aus Frankfurt/Oder, Theodor Fontane aus Neuruppin, Erwin Strittmatter aus Spremberg und Ehm Welk aus dem uckermärkischen Dorf Biesenbrow im Oderbruch, die tief in märkischer Erde wurzeln. Einmal literarisch unterwegs, unternimmt die Autorin auch einen Abstecher nach Calau. Ob der Kalauer, also der sogenannte Flach- oder Plattwitz, seinem Namen der Stadt aus der brandenburgischen Niederlausitz verdankt, ist hier nicht zu klären; wohl aber hatte seinerzeit die Satirezeitschrift „Kladderadatsch“ eine Rubrik, die „Aus Kalau wird berichtet ...“ hieß.

Es ist jedoch hierzulande nicht alles witzig. Denn man liest in dem Buch auch Sätze wie diese: „Innerhalb von zwanzig Jahren ist die Mark Brandenburg zurückgefallen zu einem agrar-industriellen Entwicklungsland.“ Das ist zwar etwas verquer formuliert, aber faktisch richtig. Denn wirtschaftliche „Leuchttürme“ wie sie die Freistaaten Thüringen und Sachsen, aber auch das nicht eben als Wirtschaftsmotor bekannte Sachsen-Anhalt aufzuweisen haben, finden sich in Brandenburg nicht in gleichem Maße. Und so sieht Beatrix Langner die Mark Brandenburg derzeit eingespannt „zwischen Museumspark und Zukunftswerkstatt“.

Wo Wölfe noch lange nicht "Gute Nacht" sagen

Der Autorin ist gewiss beizupflichten, dass „Bautz’ner Senf“ ein sehr erfolgreiches Marketing-Produkt ist – aber keines aus Brandenburg, wie sie meint, sondern noch immer aus Sachsen. Und natürlich wird die Landeshauptstadt in einem eigenen Abschnitt vorgestellt. Am Beginn dieses Kapitels meldet sich bei Langner sofort ein „ästhetisches Hungergefühl“, weil nämlich der an sich pittoresken Stadt Potsdam etwas Entscheidendes fehlt: eine architektonische Mitte.

Alles in allem nährt die Lektüre dieses um Aufklärung und Unterhaltung bemühte Büchlein von Beatrix Langner den Wunsch, das weite märkische Land zwischen Heide und Sand, wo sich die Wölfe noch lange nicht „Gute Nacht“ sagen, näher kennenzulernen oder zu entdecken.

Beatrix Langner: Mark Brandenburg. Hoffmann und Campe, Hamburg 2011. 127 S., geb., 15,- €.

Kai Agthe, Barbara Braun (Berlin)

Kai Agthe - Ich bin freier Journalist und Literaturwissenschaftler. Meine Stärken liegen im Feuilleton. Meine Vorlieben sind die bildende Kunst ...

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