Vor 30 Jahren in der Danziger Werft: Streik um Freiheit und Würde

Der Bau des Denkmals für die Opfer von 1970 - Gazeta Wyborcza
Der Bau des Denkmals für die Opfer von 1970 - Gazeta Wyborcza
Vor 30 Jahren begann in der Danziger Werft in Polen ein Streik. Er brachte einen Prozess ins Rollen, der sowohl Polen als auch Deutschland veränderte.

Am 14. August 1980 traten die Arbeiter der Danziger Werft, die damals noch den Namen Lenin-Werft trug, in Streik. Zehn Jahre früher wurde hier ein Arbeiteraufstand blutig niedergeschlagen. Diesmal beschlossen die Streikenden, die Fabrik nicht zu verlassen. Um den Provokationen vorzubeugen, stellten sie am Eingangstor und an den Mauern eigene Wachposten. Dieser Streik führte zur Entstehung der ersten unabhängigen Gewerkschaft im kommunistischen Block und brachte einen Prozess ins Rollen, an dessen Ende die Mauer in Berlin fiel.

„Hört ihr mich?“

Zuerst kämpften die Protestierenden um eine Frau: Anna Walentynowicz, die am Laufkran arbeitete. Sie wurde soeben für ihre oppositionelle Tätigkeit entlassen. Obwohl sie in fünf Monaten in Rente gehen sollte. Außerdem forderten die Streikenden eine Lohnerhöhung und ein Denkmal für die Ermordeten vom Dezember 1970. Die Gespräche mit dem Chef der Werft und später mit den Vertretern der Regierung führte der damals 36-jähriger Elektriker Lech Walesa, der 1976 aus gleichen Gründen seine Arbeit verloren hat. Er verlangte gleich die Übertragung der Verhandlungen über die betriebliche Funkzentrale, damit alle Streikenden zuhören könnten. Aus dem BHP-Saal (BHP – Sicherheit und Hygiene der Arbeit) fragte er dann: „Hört ihr mich? Gebt mir ein Zeichen durch Beifall“. Dieses Ritual wiederholte sich bis zum Ende des Streiks.

Im Dezember 1979 stand Walesa noch vor dem Tor der Werft und hielt - wie einige seiner Mitstreiter - eine Rede. Jedes Jahr versammelten sich dort illegal diejenigen, die der Opfer von 1970 gedenken wollten. Zugehört hatte damals auch ein Spitzel der polnischen Stasi; er hielt jedes Wort fest. Im erhaltenen Rapport ist eine Ankündigung von Walesa nachzulesen: „Niemals wieder werden uns die Machthaber ungestraft verhaften. Sonst öffnen wir die Gefängnisse. Falls ich nächstes Jahr hier nicht erscheinen sollte, kommt und holt mich raus. Sollte einer von euch fehlen, werde ich ihn herausholen.“

Postulate auf Sperrholzplatten

In den Medien tauchten vorerst keine Berichte über das Ereignis auf. Die Zensur verhängte wie immer in solchen Fällen eine Informationssperre. Da sich aber die Geschehnisse nicht im nahen Kreis leugnen ließen, sickerten einige Details durch und gelangten an die Lokalpresse. Es funktionierte überdies ein oppositionelles Netz. Inzwischen breitete sich der Streik aus. Es entstand das Zwischenbetriebliche Streikkomitee. In seiner ersten Entscheidung verbat es den Alkoholkonsum. Die Gastronomie im Danziger Raum übernahm dieses Verbot freiwillig.

Die Forderungen der Streikenden wuchsen zu 21 Postulaten. Sie wurden auf zwei großen Sperrholzplatten aufgeschrieben. Im ersten Punkt verlangten die Arbeiter nach unabhängigen von der Partei und Arbeitgebern Gewerkschaften. Ferner forderten sie unter anderem das Recht auf Streik, Befreiung der politischen Häftlinge, Abschaffung der Zensur, Auswahl der Leitungskader ausschließlich nach Qualifikationen und nicht nach Parteizugehörigkeit, höhere Löhne und Wiederherstellung der Rechte von Studenten und Arbeitern, die wegen ihrer Überzeugungen den Arbeits- oder Studienplatz verloren haben. Seit 2003 gehören die Postulate zum Kulturerbe „Gedächtnis der Menschheit“ der UNESCO.

Sehnsucht nach Würde

Nach über zwei Wochen, am 31. August 1980, ging der Streik zu Ende. Die Arbeiter haben ihre Hauptziele vorübergehend erreicht: „Solidarnosc“, die unabhängige Gewerkschaft, wuchs in kurzer Zeit zu zehn Millionen Mitgliedern. Im Dezember des gleichen Jahres wurde vor der Werft das Denkmal für die Opfer von 1970 enthüllt.

Die Gründe für den damaligen Erfolg sieht man im Nachhinein in einer günstigen Konstellation von verschiedenen Faktoren: Der kommunistische Staat erreichte seine wirtschaftlichen Grenzen und seine Macht bröckelte. Die ausgebeuteten Arbeiter ließen sich bei den Protesten auf eine Zusammenarbeit mit den Intellektuellen ein. Und dem polnischen Papst Johannes Paul II. gelang es während seines Besuchs 1979, die Sehnsucht nach Würde in den Menschen wachzurufen.

„Hymne über die Freiheit“ am 31. August

Das runde Jubiläum wird in den nächsten Monaten mit vielen Ausstellungen, Veranstaltungen, Konferenzen und Filmen gefeiert. Am 31. August zeigt in Danzig der amerikanischer Regisseur Robert Wilson ein zweistündiges Open-Air-Spektakel „Hymne über die Freiheit“. Darin erinnert er an die symbolträchtigen Personen der Geschichte von Solidarnosc wie Anna Walentynowicz, Johannes Paul II. und Lech Walesa.

Quelle und Foto: "Gazeta Wyborcza" - größte Tasgeszeitung in Polen

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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