Vorwurf der Kunstzensur gegen Hessischen Rundfunk

Kunst hinter dem Vorhang beim HR  in Frankfurt - Annegret Soltau
Kunst hinter dem Vorhang beim HR in Frankfurt - Annegret Soltau
Die Ausstellung der international renommierten Darmstädter Künstlerin Annegret Soltau in einem Saal des Hessischen Rundfunks wurde verhüllt.

Ausgerechnet in Frankfurt am Main, der Stadt der Paulskirche und Sinnbild der frühen Demokratie in Deutschland, soll der Hessische Rundfunk, also einer der Demokratie, Aufklärung und Kulturförderung in besonderem Maße verpflichteten Rundfunkanstalt, eine Kunstausstellung zensiert haben. So der Vorwurf zahlreicher Künstlerinnen und Künstler.

Wie in Diktaturen - Ausstellung zensiert?

Dabei hat die im HR ansässige und organisatorisch vom HR betreute - Marielies Hess-Stiftung zu der Ausstellung "GENERATIV" selbst eingeladen. Dennoch wurden, so die Künstlerin gegenüber Suite 101, ihre Werke mehrfach und den Angaben verschiedener Besucher zufolge, sogar tagelang verhüllt. Angeblich wurden zu diesem Zweck extra große blaue Stoffvorhänge beschafft, um die großformatigen Werke "verhüllen" zu können. Eine zur Ausstellung gehörige Videoarbeit der Künstlerin sei lediglich am Eröffnungsabend gezeigt worden und bleibe seit dem ausgeschaltet.

Erst den Kunstpreis verliehen, dann die Ausstellung verhüllt

Annegret Soltau ist eine "Collagekünstlerin der Bodyart". Ihr exemplarisches und nicht exhibitionistisches Medium ist der Körper, ihr eigener sowie der ihrer Nächsten.." so steht es in der offiziellen Einladung der Marielies Hess-Stiftung, die nicht nur ihren Sitz im Haus des HR hat, sondern auch von damals leitenden Mitarbeitern des Senders gegründet wurde. Zum Zwecke der Kunstförderung. Die am 28. Mai 2011 feierlich eröffnete Ausstellung war verbunden mit einer weiteren Ehrung der Künstlerin. Sie erhielt den erstmals verliehenen Marielies Hess-Kunstpreis. Gezeigt - beziehungsweise schon bald nur noch hinter blauem Tuch versteckt wurde ein, wie es in der Einladung heißt "repräsentativer Überblick des Oeuvres der renommierten Darmstädter Künstlerin." So weit das Lob der HR-Stiftung.

Proteste von Iranern, Chienesen und einem Kirchenchor gegen die Bilder?

Annegret Soltaus Thema ist die Körperlichkeit. Sie zeigt Fotos mit nackten Körpern, auf denen ganz bewusst auch die Geschlechtsmerkmale sichtbar sind. in ihren "Vernähungen" verändert sie diese Körper. Sicherlich keine leichte Kost, sondern Kunstwerke die auch provozieren können. Doch genau diese Kunst wurde von der HR-Stiftung zunächst ausgewählt, mit dem Preis geehrt, ausgestellt und wieder verhüllt.

Ausschlaggebend für dieses Verhalten waren angeblich Proteste von Mitgliedern eines iranischen und eines chinesischen Vereins sowie eines Frankfurter Kirchenchors. Diese drei so unterschiedlichen Gruppierungen verbindet neben einem möglicherweise leicht gestörten Verhältnis zu der im Grundgesetz garantierten Freiheit der Kunst auch der Umstand, dass sie für ihre eigenen Veranstaltungen einen an den Ausstellungsraum angrenzenden und wohl nur über diesen Raum zu erreichenden großen Saal gemietet hatten. Sie mochten - warum auch immer - ihren jeweiligen Mitgliedern und Gästen "die Ausstellung nicht "zumuten" . Der Sender reagierte prompt und verhüllte die Werke der Künstlerin, statt so etwas wie Rückgrat zu zeigen und die Freiheit der Kunst so zu verteidigen, wie es von einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt erwartet wird.

Deutliche Worte von Künstlern

In einem Schreiben der Darmstädter Künstlerin Karina Wellmer-Schnell heißt es: "Eine selbst ausgerichtete Ausstellung zu verhüllen ist kein Ausdruck für Gradlinigkeit, sondern eher für Opportunismus..." Auch Werner Schaub, Vorsitzender des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK), fand in einem - von zahlreichen - offenen Briefen an den Intendanten des HR, Dr. Helmut Reitze, deutliche Worte: "Dass der Hessische Rundfunk die Verleihung dieses Preises zum Anlass nimmt, der Künstlerin Annegret Soltau in seinen Räumen eine Ausstellung einzurichten, macht deutlich, dass der Sender als öffentliche Einrichtung auch seinen kulturellen Auftrag ernst nimmt. Umso bedenklicher ist es, dass nun einige Exponate aus der Ausstellung entfernt oder verhängt wurden und dass eine Videoarbeit, die Teil der Ausstellung ist, nicht mehr gezeigt werden darf. Wenn unsere Informationen zutreffen, ist diese Maßnahme der Intervention eines iranischen Vereins geschuldet..."

Verstoß gegen das Grundgesetz

Im BBK-Brief heißt es weiter: "Diese Handlungsweise ist ein eklatanter Verstoß gegen das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, das die Freiheit der Kunst garantiert. Dieses Gesetz haben alle zu respektieren, die in diesem Land leben oder es besuchen. Vor allem aber haben sich Menschen an diesem Grundgesetz zu orientieren, die wie Sie Verantwortung tragen in einer öffentlichen Einrichtung..." Ähnliche Briefe und zahlreiche Emails erreichten den HR-Chef vor allem von Darmstädter und hessischen Künstlerinnen und Künstlern. Protestiert haben außer dem BBK-Bundesverband auch der Landesverband Hessen, der Deutsche Künstlerbund in Berlin sowie die Darmstädter Sezession, einer 1919 gegründeten regionalen Künstlervereinigung.

Der HR wiegelt ab

Es dauerte fast eine Woche, bis der HR eine Anfrage des Autors beantwortete. Aber auch die in Frankfurt erscheinenden Zeitungen FAZ, FR sowie die Frankfurter Neueste Nachrichten haben die Kunst-Verhüllung bisher mit keinem Wort erwähnt. In der Stellungnahme des HR heißt es:

"Von Zensur in Zusammenhang mit der zeitweisen Verhüllung zu sprechen, ist falsch. Die Ausstellung ist während der angegebenen Öffnungszeiten in der Goldhalle frei zugänglich und war es auch bis zum Ende der Ausstellung am 26.06.2011. Die Ausstellung hat zu intensiven Diskussionen über die Objekte geführt und dies ist gut so. Der hr hat sich bewusst für die Vergabe der Goldhalle entschieden und dies zeigt unsere Offenheit der Kunst bzw. Ausstellung gegenüber. Insofern „schämen“ wir uns nicht, sondern präsentieren gerade auch provozierende Kunst und ermöglichen damit kontroverse Auseinandersetzungen.." Bestätiigt wird in der Stellungnahme, dass die zeitweise " Verhüllung nur bei wenigen Abendveranstaltungen auf ausdrücklichen Wunsch der Mieter des Sendesaales außerhalb der Öffnungszeiten der Ausstellung erfolgt" sei. Dem widersprechen allerdings Besucher, die die Ausstellung auch während der Öffnungszeiten verhüllt vorfanden.

Quellen: Internet, eigene Recherche

Helmut Lorscheid ,  Foto: Yvonne Szallies

Helmut Lorscheid - Ich bin Journalist aus Überzeugung, obwohl es sicherlich Berufe gibt, in denen man deutlich mehr verdient. Ich befasse mich mit ...

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