Im November 1918 ist das Deutsche Reich nicht mehr kriegsfähig - vor allem aus zwei Gründen: Zum einen hat sich die Armee in dem vier Jahre dauernden Waffengang aufgerieben; es fehlt an Munition und erfahrenen Soldaten. Zum anderen ist der Kriegswille im Volk gebrochen. Die demokratische SPD ist an die Macht gekommen und muss um diese mit zur Revolution bereiten Kommunisten kämpfen.
Also sucht das Reich den Frieden mit den Alliierten. Die Auswahl der Verhandlungs-Kommission ähnelt dem Kartenspiel Schwarzer Peter. Die Oberste Heeresleitung will für die Niederlage nicht gerade stehen. Also müssen die frisch gekürten, aber noch nicht legitimierten demokratischen Kräfte ran. Schließlich leitet Matthias Erzberger die Kommission. Für die Ergebnisse wird er später verantwortlich gemacht und gehasst. Am Ende zahlt er mit seinem Leben.
Rache für 1870/71
Das Wort Verhandlungen beschreibt die Ereignisse nicht treffend. Denn eigentlich wird ein Diktat verlesen. Vor allem Frankreich zeigt sich rachsüchtig, wofür es mehrere Gründe gibt: Der Krieg fand zu einem großen Teil auf französischem Boden statt, die Schlacht um Verdun verlief gnadenlos und dann war noch die Niederlage von 1870/71 - für die mehrere Generationen von Franzosen Rache nehmen wollten.
Die Unterzeichnung des Waffenstillstands fand im Wald von Compiègne statt, in einem Eisenbahnwaggon. Alles war so inszeniert, dass es den Verlierer Deutschland demütigen musste. An der Spitze der Alliierten stand Marschall Ferdinand Foch, der „Held von Verdun“. Er forderte, die deutsche Armee müsse sich unverzüglich aus Frankreich zurückziehen. Dazu zählte für Foch auch Elsaß-Lothringen, das 1871 in deutschen Besitz ging.
Mainz, Köln und Koblenz besetzt
Die Ergebnisse gingen weit über diese faktische Niederlage hinaus: Die deutsche Armee musste innerhalb von vier Wochen alle linksrheinischen Gebiete räumen; Mainz, Köln und Koblenz wurden von den Alliierten besetzt. Die Truppe musste 5000 Kanonen, 25 000 Maschinengewehre und 1700 Flugzeuge an die Sieger abtreten, sämtliche Kriegsgefangenen sofort freilassen und die Flotte unter Aufsicht der Alliierten abrüsten.
Der Waffenstillstand griff ins zivile Leben ein. Die deutschen Häfen blieben weiter unter Blockade, deutsche Kriegsgefangene wurden nicht entlassen und das Reich musste innerhalb eines Monats 5000 Lokomotiven, 150 000 Eisenbahnwagen sowie 5000 LKW an die Alliierten liefern. Im Osten musste sich das deutsche Heer hinter die Grenzen von 1914 zurückziehen und den Siegertruppen Zugang zur Stadt Danzig gewähren.
Auftrieb für Monarchisten
Die deutsche Öffentlichkeit reagierte geschockt auf diese Ergebnisse. War die Monarchie im November 1918 als „Altes und Morsches“ für Tod erklärt worden, erlebten deren Anhänger jetzt wieder ihren ersten Auftrieb. Später sollten sie den Waffenstillstand und den folgenden Versailler Vertrag als Verrat hinstellen und somit die Demokratie denunzieren.
Doch welche Alternative hatte die Delegation? In Deutschland drohte der Verfall, eine kommunistische Revolution wie ein Jahr vorher in Russland. Das Heer war auch ohne dies nicht mehr wehrhaft. 1,8 Millionen Soldaten waren in den vier Jahren gefallen, so viele wie bei keiner anderen Nation. Der Verbündete Österreich hatte aufgegeben. Und Marschall Foch drohte klipp und klar: Wenn die Deutschen nicht unterzeichnen, geht der Krieg einfach weiter.
Adolf Hitler hat während seines gesamten Aufstiegs immer wieder „die Männer vom 9. November“ attackiert. Nicht nur gegen sie zeigte er unversöhnlichen Hass. Als Deutschland im Zweiten Weltkrieg Frankreich überrannte, bestimmte er, wo die Franzosen die Kapitulation unterzeichnen sollten: in einem Eisenbahn-Waggon, im Wald von Compiègne.
