Der Wahn ist eine Fehlbeurteilung der Wirklichkeit. Für Angehörige von Menschen, die sich in Wahnvorstellungen „flüchten“ ist es nicht leicht, zu akzeptieren, dass das sonderbare und absurde Verhalten eines älteren Familienmitglieds ein ernst zu nehmendes Krankheitsbild ist. Jede Wahnvorstellung ist ein unbewusster psychischer Überlebensmechanismus und nicht die Bösartigkeit eines Menschen, der so seine Umgebung manipulieren will.
Welche Art von Wahnvorstellung/Psychose ein betroffener Mensch zeigt, hängt also zum einen von den Ursachen und Auslösern ab. Aber auch die Lebensweise und persönliche Erfahrungen der Betroffenen prägen die Ausformung eines Wahns.
Überblick über die Formen von Wahnvorstellungen
- Beeinträchtigungswahn oder auch Verfolgungs- und Bedrohungswahn: Alle Ereignisse und Vorkommnisse sind gegen den Betroffenen gerichtet. "Meine Kinder wollen mich ins Heim abschieben, weil sie es auf meine Wohnung abgesehen haben, der Nachbar über mir hört mich ab, das Klinikpersonal gehört einer geheimen Organisation an …“. Ganz alltägliche Ereignisse werden uminterpretiert in Bedrohungsszenarien.
- Bestehlungswahn: Alles, was nicht mehr gefunden oder vergessen wird, gilt als gestohlen. Das ist besonders bitter für Angehörige oder Pflegepersonal, die dann des Diebstahls beschuldigt werden.
- Eifersuchtswahn: Häufig bei Männern und meist in Zusammenhang mit Alkoholismus. Sie glauben dann, ihre Partnerin sei ihnen untreu. Auch hier werden "Indizien“ passend konstruiert.
- Liebeswahn: Häufig bei Frauen. Unbedeutende Blicke und Gesten eines Menschen (Arzt, Heimleiter, Pfleger) werden umgedeutet in eine Beziehung, die "nach außen nicht sichtbar ist“.
- Sexueller Wahn: Häufig bei Frauen, die dann verbreiten, sie seien sexuell belästigt oder sogar vergewaltigt worden. Traumatische Erfahrungen wie Vergewaltigungen führen oft erst im Alter zu dieser Art "wahnhafter Verarbeitung“.
- Größenwahn: Die eigene Bedeutung wird in Bezug auf die Umgebung oder die Möglichkeiten stark überschätzt: Der Betroffene ist ein großes unerkanntes Talent, hat eine umwälzende Erfindung gemacht, rettet die Welt durch eine besondere Einsicht in bestimmte Dinge, steht in enger Beziehung zu prominenten Persönlichkeiten.
- Kleinheitswahn: Ein großes Schuldgefühl prägt diesen Wahn. Man ist für das Leid dieser Welt oder der Angehörigen verantwortlich, hat sich versündigt, muss bestraft werden, keiner kann einem in dieser Not helfen, man muss verhungern, verarmen.
- Körperbezogener Wahn: Körperliche Funktionen und Empfindungen stehen im Vordergrund. Der Betroffene ist überzeugt, dass er aus Haut oder Körperöffnungen unangenehm riecht oder dass sein Körper von Parasiten oder Insekten befallen ist.
- Hypochondrischer Wahn: Alle Körperwahrnehmungen werden als Anzeichen von Krankheiten interpretiert, alle Diagnosen, die "Gesundheit“ bescheinigen, werden nicht akzeptiert.
So können Angehörige helfen
Weil wahnkranken Menschen jede Fähigkeit fehlt zur Einsicht in ihr Leiden, führt der Versuch, sie ärztlich untersuchen zu lassen, nicht selten zum Kontaktabbruch. Deshalb müssen Angehörige, Nachbarn, Pflegende lernen, auf ganz besondere Weise mit den "im Wahn“ lebenden älteren Menschen umzugehen, ihr Vertrauen zu gewinnen und zu erhalten:
- Probleme ernst nehmen und auf ihren Wahrheitsgehalt untersuchen. Manchmal mischen sich reale Probleme (Geräusche in der Nacht) mit wahnhaften Umdeutungen.
- Nicht den Wahn ausreden wollen. Im schlimmsten Fall kann dies dazu führen, dass auch der Helfer in den Wahn eingebaut, Teil der großen Verschwörung und somit abgelehnt wird.
- Mitgefühl zeigen. Die Belastungen und Gefühle, die der Wahnkranke hat, sind real. Wer zu verstehen gibt, dass die Bedrohungen ängstigen können, gewinnt Vertrauen und einen besseren Zugang.
- Wahnvorstellungen nicht bestärken, das Wahnthema nicht von selbst ansprechen und sich ihm gegenüber neutral verhalten. Wenn dann vorsichtig andere Deutungsmöglichkeiten ins Spiel gebracht werden, kann der Betroffene sie eher akzeptieren.
- Selbstvertrauen ausstrahlen. Wer sich selbst durch die vermeintliche Bedrohung nicht beunruhigen lässt, erreicht damit, dass auch der Betroffene sich beruhigt.
- Maßvoll den Kontakt pflegen: Wenn Wahnkranke isoliert leben, dann helfen ihnen Kontakte. Sind sie allerdings zu häufig, können sie aber auch überfordern und Ablehnung hervorrufen.
- Hilfe bei Alltagsproblemen geben, sinnvolle Gestaltung des Tagesablaufs finden, Aufbau von sozialen Kontakten unterstützen.
Sobald der Wahn dafür sorgt, dass die Betroffenen ihren Alltag nicht mehr bewältigen können, sich vernachlässigen, hungern, zu wenig trinken und verwahrlosen, sollten sich Angehörige an einen geriatrischen Fachdienst wenden, damit entsprechende psychosoziale Hilfen organisiert werden können.
