Wahrheit und Wirklichkeit im Dokumentarfilm

Die Erfindung der filmischen Dokumentation

Dsiga Wertows Blick  - common license
Dsiga Wertows Blick - common license
Woher kamen die Ideen zu den ersten filmischen Dokumentation? Wer waren die ersten Filmemacher und welche Aufgabe hat ein Dokumentarfilm?

Die Idee einer filmischen Dokumentation ist wahrscheinlich zuerst in Russland aufgekommen. In den zwanziger Jahren gehörte Dsiga Wertow zu den führenden Film-Theoretikern in seinem Land.[1] Der junge Dichter und Filmcutter produzierte seit der Oktoberrevolution 1917 die Kinonedelja (Filmwoche) und Kino-Prawda (Film-Wahrheit). Er vertrat die Auffassung, dass die Kamera das wirkliche Leben einfangen müsse – die stilisierte Fiktion des bürgerlichen Kinos lehnte er hingegen ab. Mit seinem bekanntesten Werk Der Mann mit der Kamera gelang Wertow eine Genre-Mixtur, die ihrer Zeit weit voraus war. Einerseits glorifiziert der Film das moderne russische Leben, legt aber andererseits den Weg von der Aufnahme zum Schneidetisch offen: Ein frühes „Making-Of“ des Propagandafilms.

Kreativer Umgang mit der Wirklichkeit

Auf die Frage nach der ersten Verwendung des Wortes "Dokumentarfilm" antwortet die Filmhistoriographie mit einem präzisen Datum: dem 8. Februar 1926. An diesem Tag erschien in der New York Sun eine Besprechung des Films MOANA von Robert J. Flaherty. Autor der Besprechung war ein gewisser John Grierson. Er attestierte Flahertys Film „documentary value“ und lobte „the creative treatment of actuality“.[2] Griersons Definition vom „kreativen Umgang mit der Wirklichkeit“ sollte sich als derart einflussreich und haltbar erweisen, dass sie klassische Geltung erlangt hat.

Definition Dokumentarfilm

Die allgemeine Beschreibung, ein Dokumentarfilm gehe mit der Wirklichkeit kreativ um, bleibt aber weitere Erklärungen schuldig. Die lexikalische Definition des Wortes „Dokumentation“ ist aufschlussreicher: „(die) Sammlung, Ordnung und Nutzbarmachung von Dokumenten“. [3] Um der Sache weiter auf den Grund zu gehen, muss hier noch gezielter nach dem Begriff des Dokumentes gefragt werden. Das Fremdwörterbuch definiert diesen Begriff einerseits als Urkunde, Schriftstück aber auch als Beweismittel.

Der Beweis der Wirklichkeit

Der Dokumentarfilm hätte demnach die Aufgabe, einen filmischen Beweis abzuliefern. Aber was beweisen Bilder, Töne und die Kombination aus beiden im Film eigentlich wirklich? Und zu welchem Zweck? Welchen Sinn macht in diesem Zusammenhang der kreative Umgang mit der Wirklichkeit? Entfernt sich das filmische Dokument damit nicht wieder von der zu beweisenden Wirklichkeit? Soll ein Dokumentarfilm nicht einfach die Realität zeigen, so wie sie ist? Der dokumentierte Beweis tut sich schwer, hat er doch bereits in die Realität eingegriffen: allein durch die Präsenz des Filmteams – durch die neue Interviewsituation – durch Inszenierung – durch Drama – durch den aktuellen Blick auf Vergangenes.

Ein Dokumentarfilm möchte aber noch mehr erfüllen als im einzelnen Filmbild zu erkennen ist: den Wunsch zu wissen wie es in Wirklichkeit war, ist und sein wird. Dokumentarfilm bedeutet aber auch Erlebnis: Wie mag es sein, zusammen mit den Inuit, im arktischen Grönland-Winter zu überleben? Oder im deutschen Mittelalter die Machtkämpfe zwischen Kaiser und Papst zu erleben? Oder das Schicksal einiger auf der Straße gestrandeter osteuropäischer Opernsänger zu ertragen? Der dokumentarische Blick ist mitverantwortlich für unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit. Auch wenn ein Zuschauer am Ende nur stiller Betrachter bleibt.

Lesen sie weiter... Entwicklung des dokumentarischen Blicks - Von den Ansichten der Gebrüder Lumière zu den Visionen Flahertys (Tipp der Redaktion!)

Filme als lizenzfreier Download: Der Mann mit der Kamera (1929)

Quellen

[1] Michael Rabiger: Dokumentarfilme drehen, Frankfurt am Main, 2000

[2] Martin Loiperdinger: Die Erfindung des Dokumentarfilms durch die Filmpropaganda im Ersten Weltkrieg, in: Die Einübung des dokumentarischen Blicks, Marburg, 2001

[3] Der Duden - Deutsches Universalwörterbuch , Dudenverlag 2003

Marco Breddin, Freier Autor & Journalist, Marco Breddin

Marco Breddin - Sein Studium nutzte der Dipl.-Designer für die Produktion eigener Dokumentarfilme. Nach einem Abstecher in die Film/TV Postproduction ...

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