
- Schadet Schalenwild wirklich dem Wald? - Michael Voigt
Die griffige Parole Wald vor Wild bezeichnet eine umweltpolitische Entwicklung, bei welcher dem Baumbestand eines Waldes Vorrang vor dem Schutz der Waldtiere eingeräumt wird. Hintergrund sind die Baumschäden, welche Waldtiere auf Nahrungssuche oder durch anderweitige Einwirkungen verursachen. Angestrebt wird daher eine starke Dezimierung der Wildtiere durch höhere Abschussquoten, verkürzte Schonzeiten und Fütterungsverbote. Befürworter und Gegner dieser These lassen sich allerdings nicht in altbekannte gesellschaftliche Muster wie konservativ oder ökologisch-alternativ unterteilen. Vielmehr sind die ideologischen Grenzen fließend, und es entstehen bisweilen merkwürdige Allianzen.
Die Befürworter: Politiker, Forstwirtschaft und ein Jagdverband
Die Verfechter der Idee Wald vor Wild verlangen natürlich nicht grundsätzlich die Ausrottung aller Waldtiere. In ihr Zielvisier ist jedoch im wahrsten Wortsinn das so genannte Schalenwild geraten. Die waidmännische Sprache bezeichnet so Rotwild, Rehe und Wildschweine. In ein entsprechendes (Jagd)horn stieß beispielsweise der sächsische Landtagsabgeordnete Tino Günther (FDP). Der forstpolitische Sprecher seiner Landespartei sah vor einigen Jahren die Problemlösung darin, einfach mehr Wildfleisch zu konsumieren.
Ebenfalls in Sachsen verlangten grüne Politiker, den Wildbestand zum Schutz des Waldes drastisch zu reduzieren. In weiteren Bundesländern arbeitet die grüne Partei nach Angaben des Magazins Ökojagd (Februar 2011) bereits eifrig an einer Änderung der Jagdgesetzgebung oder fordert dies zumindest. Eine Anfrage an die Pressestelle von Bündnis 90 / Die Grünen hinsichtlich des Tierschutzes bei Wald vor Wild blieb übrigens unbeantwortet.
Doch zu den Befürwortern gehören nicht nur Politiker aus weiten Teilen der bundesdeutschen Parteienlandschaft. „Schützenhilfe“ erhalten sie beispielsweise vom Ökologischen Jagdverband (ÖJV), einer 1989 gegründeten Vereinigung. Der ÖJV positioniert sich klar für die These Wald vor Wild und spricht von "zielorientierter Bejagung", lehnt aber die Jagd auf Wölfe ab. Kritiker werfen ihm eine gewisse Nähe zu kommerziellen Interessen der Forstwirtschaft vor.
Die Gegner: Jäger setzen sich für den Tierschutz ein
Genau dies ist auch ein Hauptargument der Gegner von Wald vor Wild. Sie glauben, dass eine derart ausgerichtete Politik lediglich ökologisch bemäntelter Lobbyismus für Forstwirtschaft und Holzindustrie ist. Deren Erträge steigen schließlich, wenn die Bäume weniger Wildschäden aufweisen. Der Schutz dagegen könne jedoch auch auf mechanische oder biochemische Weise erfolgen. Dies wäre für die Forstwirtschaft natürlich aufwändiger und weniger rentabel als die Bejagung. Hinterfragt wird von Kritikern zudem die Konstellation Baum und Tier. Durch das Schlagwort Wald vor Wild kann immerhin der Eindruck entstehen, dass allein das Schalenwild für die Waldschäden verantwortlich ist. Kaum Beachtung würden dagegen andere Einflüsse finden: Unachtsame Spaziergänger, Industrie, Unwetter oder Straßenbau.
Zu den Kritikern der Idee Wald vor Wild zählt neben Privatpersonen der Deutsche Jagdschutzverband DJV. So paradox es klingen mag: Ausgerechnet dieser traditionsreiche Verein engagiert sich für den Tierschutz. Denn anders, als die landläufige Meinung es suggeriert, sind die im DJV organisierten Jäger in der Regel keine schießwütigen Tiermörder. Zu ihren Aufgaben gehören vor allem die Hege und Beobachtung der Wildtiere. Daher verfügt der DJV auch über die staatliche Anerkennung als Naturschutzverein. Hinsichtlich der Problematik Wald vor Wild verwahrt er sich dagegen, Jäger als Erfüllungsgehilfen der Politik zu missbrauchen.
Cui bono oder: Was ist die Wahrheit?
Andererseits trifft der Vorwurf, Wald vor Wild diene allein der Holzindustrie, ebenfalls nicht uneingeschränkt zu. Auch aus den Reihen grüner Politiker sind Mahnungen zu vernehmen, die Wälder nicht als Rohstofflager zu missbrauchen und die Schonzeiten des Jagdwildes zu verlängern. Die Debatte um Wald vor Wild wird also recht leidenschaftlich geführt. Manch einer schwingt im Eifer sogar die berüchtigte „Nazikeule“: Weil das heutige Jagdrecht angeblich auf einem durch Hermann Göring 1934 erlassenem Gesetz beruht, müsse es unbedingt (im Sinne von Wald vor Wild) geändert werden.
Soviel Polemik erschwert natürlich die Unterscheidung zwischen ökologischer Wahrheit und lobbyistischem Interesse. Gutachten und Statistiken sind ebenfalls keine verlässlichen Hilfen, denn sie werden selbstverständlich meist im Sinne ihrer Auftraggeber ausfallen. Im Prinzip kollidieren bei Wald vor Wild also die gegensätzlichen Interessen von Forstwirtschaft und traditioneller Jagdhege. Die Argumente beider Seiten sollten daher stets anhand der bekannten, lateinischen Formel „Cui Bono“ (Wem nützt es?) geprüft werden. Ansonsten besteht die Gefahr, dass es bei dieser Debatte nur einen Verlierer geben wird: Den Wald mit seinen Tieren, denn beide gehören zusammen.
Weitere Quellen:
Argumentation gegen Wald vor Wild
Bund Naturschutz in Bayern e.V.
„Ökojagd“ Magazin des Ökologischen Jagdverbandes, Ausgabe Februar 2011
Internetauftritt des Ökologischen Jagdverbandes
