
- Malen - S. Hofschlaeger / www.pixelio.de
Die Waldorfschule wird in der Gesellschaft oft auch als eine Reformschule verstanden. Dass sie aber eine Schule mit einer eigenen Weltanschauung ist, wird meist übersehen. Prof. Dr. Ullrich, Erziehungswissenschaftler an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, schreibt dazu, dass die Waldorfschule mit ihrer besonderen pädagogischen Prägung dadurch gekennzeichnet ist, dass sie sich nach außen nicht als Weltanschauungsschule preisgibt. Offiziell wird Anthroposophie nicht unterrichtet, dennoch fühlt sich die Mehrheit der Waldorflehrer zu Rudolf Steiners Lehre hingezogen. Nun stellt sich die Frage: Wie wird innerhalb der Waldorfschulen mit anthroposophischen Gedanken umgegangen?
Die Rolle des Klassenlehrers
Rudolf Steiner spricht hierbei von einer „geliebten Autorität“ und meint eine sinnstiftende und richtungsweisende Persönlichkeit, die den Schüler führen soll. Der Klassenlehrer soll kein Spezialist sein, sondern ein breites Wissen haben und dieses vermitteln. Daher ist es in den Freien Waldorfschulen so, dass er seine Klasse vom ersten bis zum achten Schuljahr in fast allen Unterrichtsfächern belehrt.
Neben die Anforderung, ein umfassendes Wissen zu haben, tritt die Aufgabe der Temperamenterziehung. Das Temperament der Schüler ist die Grundlage sämtlicher Maßnahmen im Unterrichtsgeschehen. So werden die Schüler etwa nach ihrem Temperament sortiert und zusammengesetzt. Steiner gibt dazu an, dass die Phlegmatiker und die Choleriker außen zu sitzen haben, die Melancholiker und die Sanguiniker innen. Die Arbeit mit den Temperamenten äußert sich dann im Unterricht, wenn der Lehrer eine Temperamentgruppe nach der anderen dran nimmt und ihnen entsprechende Impulse liefert.
Das Ziel der Temperamentserziehung ist es, das seelische Gleichgewicht des Kindes zu wahren. Damit sollen Erkrankungen vorgebeugt werden, die aus Vereinseitigungen entstehen. Steiner betont stets die Wichtigkeit der Bildarbeit. Das heißt, dass der Klassenlehrer und andere Lehrer an der Grundidee der Bildhaftigkeit festhalten sollen, um so die freien Bildkräfte der Kinder zu kultivieren.
Schreiten die Schüler in ihrer Ausbildung voran, so ändert sich auch das jeweilige Lernmotto, unter welchem der Klassenlehrer seinen Unterricht gibt. Ein Motto ist etwa „Die Welt ist schön“. Alle Tätigkeiten, die der Lehrer unter diesem Motto vollzieht, sollen schön sein. Sei es die Art, wie er spricht oder wie er an die Tafel schreibt. Mit dem zunehmenden Alter bekommt der Realismus immer mehr Bedeutung. Der Klassenlehrer durchläuft mit seinen Schülern die Abfolge der Erzählstoffe von Märchen zu den Legenden, hin zu den Fabeln über nachweisbare Historie und Biographien bis zu wissenschaftlichen Ausformulierungen der westlichen Zivilisation.
Die leistungsorientierte Aufgabe des Klassenlehrers ist es, Zeugnisse auszugeben. Dabei stehen die Gesamtcharakteristik des Kindes und die Berichte der einzelnen Fachlehrer im Vordergrund. Die Schüler werden nicht an Sachnormen oder an den Leistungen der Mitschüler gemessen, sondern es findet eine sehr individuelle Bewertung statt. Die Angaben über die Entwicklung des Schülers, über seine Persönlichkeitsentfaltung, stehen im Zentrum der Zeugnisgestaltung. Für diese Bewertung wird natürlich ein Maßstab benötigt. Dieser Maßstab ist die anthroposophische Menschenkunde, vor allem die Lehre der vier Temperamente.
Das Lehrgebäude
Ein Lehrgebäude kann unterschiedlich gedeutet werde. Man kann darunter das Gebäude, also die Schule, meinen oder aber die Grundprinzipien des Lehrens und Lernens eines bestimmten Bildungssystems. Die Waldorfschule verbindet beide Betrachtungen. Das ganzheitlich orientierte Bildungsprogramm, welches in erster Linie die Charakterentwicklung der Kinder ins Auge fasst, ist auch in der Gestaltung der Schule zu finden.
Der Lehrplan an sich stellt keinen festen Fixpunkt dar, der Stück für Stück bestimmte Stoffgebiete vorschreibt und nur locker in Beziehung zu den Schülern steht. An den Waldorfschulen hat der Lehrplan die Aufgabe über Jahre hinweg den vom Klassenlehrer geschaffenen Zusammenhang der Lehrstoffe zu gewährleisten. Das Ziel, welches damit verfolgt wird, ist die ganzheitliche Betrachtung der Welt durch den Schüler. Das Kind soll die Welt nicht in einzelne Wissensgebiete unterteilen, sondern als geordneten Vorstellungskreis erleben.
Der Lehrplan, der nach menschheitlichen Kulturstufen strukturiert ist, soll zu diesem Weltbild verhelfen. Der Kulturstufenlehrplan soll die Lebensalterstufen des Kindes mit den Entwicklungsstufen der Menschheit in einen Zusammenhang bringen. Der Weg geht vom magischen, über das religiöse hin zum wissenschaftlichen Denken.
Die Ganzheitlichkeit wird nicht nur mit dem Lehrplan vermittelt, sondern findet im gesamten Schulleben Anklang. Die Idee der Waldorfpädagogik ist nicht nur im Lerninhalt, sondern auch in der Räumlichkeit zu finden. Steiners Architektur, die auch im „Goetheanum“ zu finden ist, zeichnet die Waldorfschulen aus. Ganz im Sinn der Anthroposophie sind die Räume nach der Wesensgliederung des Menschen sortiert. Sie sind als Kopf, Herz und Hand gestaltet. Darüber hinaus sind rechte Winkel selten bis gar nicht zu finden. Eine Bauform, die an eine Metamorphose erinnern soll, ist für die Schüler als entwicklungsgemäßer Lern- und Lebensraum gedacht. Die Eingangshalle einer Waldorfschule ist besonders groß und festlich gestaltet.
Im gesamten Schulbau sind Proportionen, die Akustik, die Farbgebung, Bildmotive, Lichteinfälle und die Himmelsrichtungen berücksichtigt worden, um im Sinne der Anthroposophen Kinder und Jugendliche zu erziehen.
Das Unterrichten
Das Lehren soll schülerorientiert und ganzheitlich sein. Es geht stets um ein erlebendes Lernen. Gedanke und Gefühl sollen Hand in Hand gehen. Durch entsprechende didaktische Gestaltung des Unterrichts sollen die Schüler die Phänomene der Welt einerseits verstehen, das heißt rational wahrnehmen und anderseits soll über die Erscheinungsformen der Welt die Imaginationskraft des Kindes erhöht werden, damit es in einen lebendigen Zusammenhang mit der Natur treten kann. Die Kinder sollen sich so nicht als getrennt von ihrer Umwelt wahrnehmen. Das Besondere am Naturkundeunterricht ist daher die Betonung der Ganzheit und die emotionale Einfühlung in die Naturphänomene. Die Grundlage dieser Naturkunde ist die morphologische Naturanschauung Goethes, auf welche Steiner in seiner Weltanschauung zurückgegriffen hat. Eine weitere Eigenheit dieser Unterrichtskonzeption ist, vor allem in der Mittelstufe, das bewusste Auslassen von experimentellen Vorgehensweisen und quantitativen Erfassungen.
Ganz nach Goethe sollen die Schüler die Naturphänomene als „natura naturata“ betrachten und aus diesen Erscheinungen auf die dahinter liegenden Prozesse schließen.
Die Schulleitung
Die Lehrerschaft leitet die Schule selbst. Die Grundlage für die Leitarbeiten ist eine kollegiale Verfassung. Die Lehrer tagen in wöchentlichen Konferenzen und entscheiden in allen Angelegenheiten selbst. Allein diese Vorgehensweise verlangt ein hohes Maß an Kooperationsfähigkeit, da vor dem Hintergrund solcher Freiheiten Konfliktsituationen entstehen können. Dies liegt unter anderem auch daran, dass kaum formale Vorgaben existieren und es daher schwer ist, einem „roten Faden“ zu folgen. Die Idee für dieses Vorgehen liegt in Steiners „Lehrer-Republik“. Die Autonomie, die auf diese Weise praktiziert wird, entspringt der Gedankenwelt der Anthroposophie.
Die Freiheit der Waldorfschule
Wenn man von der Waldorfschule spricht, so gehen einem viele Gedanken durch den Kopf. Allen voran wahrscheinlich der Gedanke an die übergroße Freiheit der Schüler. Doch was genau hat es mit dieser Freiheit auf sich? Dient sie nur der freiheitlichen Erziehung, oder kann man mehr dahinter vermuten?
Zum einen ist die Freiheit, die an Waldorfschulen gegeben wird, die pädagogische Voraussetzung für die freiheitliche Erziehung der Schüler, zum anderen ist es aber auch eine anthroposophische Verwirklichung einer kosmisch-menschheitlichen Sicht auf die Welt. Die Freiheit dient der Befreiung des „höheren“ Geistes aus der Knechtschaft der „niederen“ politischen, sozialen und wirtschaftlichen Zwecke.
Fazit
Es bleibt festzuhalten, dass die Meinung, die Waldorfschule sei eine einfache Reformschule, nicht zutreffen kann. Es handelt sich zwar um eine Reformpädagogik, aber die zugrundeliegende Idee ist weitergreifend als ein rein reformpädagogischer Ansatz. Es handelt sich um eine Schule im anthroposophischen Geist. Der wohl größte Unterschied zu anderen pädagogischen Ideen ist die große Bedeutung der Spiritualität, was ganz im Sinne der Anthroposophie ist. Ritualisierung und „Spiritualisierung“ sind die zwei Hauptcharakteristiken der Waldorfpädagogik. Wenn man überlegt, dass Waldorfschulen mit einer geschlossenen Weltanschauung Kinder erziehen und dabei stets die Freiheit betonen, so ist das ein Widerspruch, den es weiter zu diskutieren gilt.
Literaturangabe
Marc Roberts: Das neue Lexikon der Esoterik. Berlin: Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, 2005.
Heiner Ullrich: Die Freie Waldorfschule. Ein anthroposophisches Schulmodell aus erziehungswissenschaftlicher Sicht. In: Andreas Fincke (Hg.): Anthroposophie, Waldorfpädagogik, Christengemeinschaft. Beiträge zu Dialog und AuseinandersetzungBerlin: Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsaufgaben, 2007, S. 31-53.
Hier geht es zum Artikel über die Grundlagen der Waldorf-Pädagogik.
