Wall-Street-Besetzer – Kinder der Französischen Revolution?

Es begann in der Wall Street - Rainer Sturm / pixelio.de
Es begann in der Wall Street - Rainer Sturm / pixelio.de
Die Politiker fürchten sie, die Bürger sehen in ihnen das letzte Mittel gegen die eigene Ohnmacht: die Massenproteste auf den Straßen.

Nach der facebook-Revolution in den arabischen Ländern, nach den andauernden Demonstrationen gegen Sparmaßnahmen in Griechenland formiert sich eine neue Massenbewegung im Übersee: Occupy Wall Street. Zuerst wurden die Wall-Street-Besetzer entweder ignoriert, oder ausgelacht. Das hat sich ziemlich schnell verändert: Die Medien verfolgen mit wachsendem Interesse den Verlauf der Proteste: Der Druck der Straße zwang sie dazu. Inzwischen protestieren Zigtausende nicht nur in New York, sondern in vielen anderen amerikanischen Städten, unter anderem in Boston, Chicago und Philadelphia. Die Bewegung breitet sich nach Europa aus: In Deutschland rüsten sich die Aktivisten für die am 15. Oktober 2011 angekündigten Demonstrationen in Berlin, Köln und Frankfurt am Main. Die Bewegung spiegelt sehr breites Spektrum der Gesellschaft wider. Arbeitslose, Studenten, Lehrer, Rentner, Jung und Alt – alle sind dabei. Die Kritiker bemängeln vor allem die fehlenden konkreten Forderungen.

Kinder der Französischen Revolution und Neufeudalismus

Die Wut der Bürger sieht in den Zeiten der Globalisierung trotz unterschiedlicher Geschichte ähnlich aus. Das heutige Europa wurzelt in der Französischen Revolution, die das feudale System wegfegte. Die alte Ordnung bevorzugte nur wenige; die neue sollte die Gleichheit für alle bringen. Auf eine ironische und treffende Weise charakterisierte einst den Feudalismus Vasile V. Poenaru, ein Germanist aus Toronto (ein Kommentar vom 16.09.2009 auf nrhz.de) folglich: „Kaiser, Könige und Fürsten waren es früher, die den Reichtum verwalteten, oder besser gesagt oft einfach nur an sich rissen und bei Gelegenheit nach Gutdünken weitergaben. Wer ihnen ans Herz wuchs, wurde belohnt und/oder bekam schwere Geldbeutel – die Vorläufer der Boni. Wer nicht, musste leer ausgehen“. Die Beliebigkeit des alten Systems erkennen viele in der heutigen Realität wieder und sprechen über den Neufeudalismus, der – wie sein Vorgänger – die maßlose Ausnutzung der breiten Massen ermöglicht und den einfachen Bürger mit seiner Wut zurücklässt.

Das Leistungsprinzip in Frage gestellt

Das Leistungsprinzip bestimmt die Verteilung und Bewertung für individuelles und soziales Handeln in den modernen Gesellschaften (wirtschaftslexikon.net). So will die Theorie. Die Praxis unterscheidet sich zu sehr von der Theorie, argwöhnen viele enttäuschte, wütende und protestierende Bürger. Eine spektakuläre Bestätigung der Vorwürfe liefert ein Fall aus der neuesten Geschichte: die Plagiatsaffäre des Freiherrn von und zu Guttenberg. „Guttenberg verhöhnt das Leistungsprinzip“, behauptet Meike Fries im gleichnamigen Artikel auf zeit.de: „Schmücke Dich mit fremden Federn, und es hilft Dir, ganz nach oben zu kommen. Leistung lohnt sich nicht, Du kannst es auch einfach haben“. Dass sich die Leistung nicht lohnt, lernen hierzulande jeden Tag schon die Kinder. Der Erfolg hängt nach wie vor von der Geldbörse der Eltern ab. Über die gleichen Chancen dürfen die Kleinen dann in der Märchenstunde weiter träumen.

Wo die Demokratie schwächelt...

Wenn die Bürger sich nicht mehr ernst genommen und den Herrschern ausgeliefert fühlen, dann wächst die Wut. Wo die Demokratie schwächelt, leidet das Volk. Zwar haben die Bürger die Möglichkeit, durch die Wahlen im gewissen Masse an den Mehrheitsentscheidungen teilzunehmen. Für eine funktionierende Demokratie genügt das nicht: „Sie braucht ein feingesponnenes Netz von Institutionen und Kontrollmechanismen – schreiben Thomas Apolte und Marie Möller auf faz.net - welche tief in der Gesellschaft verankert sind. Nur so können neue Herrscher unter die Kontrolle demokratischer Regeln gebracht werden“. Funktioniert dieses Netz nicht, ersetzt es die Straße. Die Wall-Street-Besetzer bilden eine bunt gemischte Gruppe. Wonach die Demonstranten verlangen, lässt sich jedoch in einem Wort ausdrücken: Gerechtigkeit. Die gleiche friedliche Forderung ertönte in den arabischen Ländern (anders als in den am 9.10.11 ausgebrochenen religiösen Kämpfen in Kairo). Und in Griechenland. Der Sinn für die Gerechtigkeit scheint dem Menschen angeboren zu sein.

Bildnachweis: Rainer Sturm / pixelio.de

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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