Wandern auf Madeira

Die Blumeninsel im Atlantik bietet Levadas und grandiose Ausblicke

Madeira ursprünglich - Blick von der Paúl da Serra - Nina Hawranke
Madeira ursprünglich - Blick von der Paúl da Serra - Nina Hawranke
Madeira ist ein einziges Naturschauspiel: Launisch, wildromantisch und immer ein Hingucker, hält sie für den Wanderer leichte wie anspruchsvolle Touren bereit.

Als einen Ort voller Dynamik hat ein Reiseleiter Madeira einst beschrieben, und tatsächlich scheint die portugiesische Insel weit draußen im Atlantik ein kleines bisschen lebendiger zu sein als andere Ecken der Welt. Das liegt nicht nur an der artenreichen Tier- und Pflanzenwelt, sondern auch an dem das Klima beeinflussenden Passat, der von Norden gegen das Eiland drückt. Wetterwechsel im Minutentakt sind gerade im Zentralgebirge keine Seltenheit – etwas, auf das der Wanderer vorbereitet sein sollte.

Als wettertechnisch sicherste Jahreszeit gilt die Periode von Mai bis Ende September, wobei das Klima ganzjährig mild ist und die Temperaturen, außer im Gebirge, selten unter 15 Grad Celsius sinken. Die Nordseite ist allgemein regenreicher und rauer als die Südseite; ganz im äußersten Südwesten, in einem Streifen, der ungefähr von Ponta do Pargo bis Calheta reicht, dürfte man dafür auch in den Wintermonaten Glück mit dem Wetter haben.

Einfache Levadas, anspruchsvolles Zentralgebirge

Als anfängerfreundlicher Einstieg in das Wanderabenteuer Madeira eignet sich besonders das Wegenetz entlang des inseltypischen Bewässerungssystems. Diese Levadas genannten Mini-Kanäle schlängeln sich mit einer Gesamtlänge von über 2.000 Kilometern über die Insel. Bis auf den Auf- und Abstieg wandert man ohne jede Steigung immer parallel zum Wasserlauf.

Dem gegenüber steht das wandertechnisch anspruchsvolle Zentralgebirge mit den drei Hauptgipfeln Pico Ruivo (1.862 m), Pico do Arieiro (1.818 m) und Pico Grande (1.654 m). Zwar sind die Wanderwege vorwiegend gut ausgebaut, doch was bei vielen Touren an Höhenmetern zu bewältigen ist, erfordert eine gute bis sehr gute Kondition und Schwindelfreiheit.

Ausrüstung: Möglichst flexibel und alpintauglich

Dementsprechend sollte die Ausrüstung des Wanderers geartet sein. Mit Turnschuhen mag man die Levadatouren bewältigen können, doch wer sich das Gebirge vorgenommen hat, sollte alpintaugliche Wanderschuhe mit gutem Profil besitzen. Eine wasserdichte Membran empfiehlt sich aufgrund des bereits angesprochenen häufigen Wetterumschwungs.

Das so genannte „Zwiebelprinzip“ ist bei der Bekleidung von Vorteil. Leichte, wasserdichte oder zumindest wasserabweisende Materialien sind wegen der auch in Höhenlagen relativ milden Temperatur (Mai bis September/Oktober) von Vorteil. Planen Sie ein, dass die zu bewältigenden Höhenmeter (bis zu 800!) Sie ordentlich ins Schwitzen bringen werden – eine dicke Jacke ist also selbst bei gemäßigteren Temperaturen kaum notwendig. Selbst wenn es nicht regnet, ist Feuchtigkeit immer einzuplanen – sei es durch einen den Weg schneidenden Wasserfall oder den Passatnebel, der beispielsweise die Tour vom Encumeada-Pass zum Pico Ruivo begleiten dürfte.

Gerade bei steilen Abstiegen sind Wanderstöcke eine Erleichterung für die Gelenke. So manche Tour führt durch einen Tunnel, weshalb eine Taschen- oder Stirnlampe im Gepäck nicht fehlen sollte. Ein Sonnenschutz und eventuell Sonnencreme empfehlen sich in höheren Lagen, selbst an bedeckten Tagen. Und da viele Touren den Wanderer durch einsame Gebiete führen, ist ein wenig Erste-Hilfe-Ausrüstung – inklusive Mobiltelefon für den Notfall (es gilt die europäische Notrufnummer 112) – von Vorteil.

Auf Madeira unterwegs: Besser Proviant einpacken

Da die Einkehrmöglichkeiten im Gebirge wie auch entlang der Levadas spärlich gesät sind, empfiehlt es sich, den Tagesproviant in Rucksack oder Hüfttasche mitzunehmen, insbesondere ausreichend Getränke. Zwar gibt es an vielen Orten Trinkwasserquellen, doch sind diese nicht immer als solche ausgewiesen und ohne „Insider“ an der Seite schwer zu identifizieren. Innerorts, auch in kleineren Ansiedlungen, finden sich meist Snackbars mit angeschlossenem „Mini-Mercado“. Entlang der Levadas gerade im Ostteil der Insel haben viele Bauern Stände aufgebaut, an denen man gegen eine „Spende“ neben Pflanzensamen und -knollen auch die typischen kleinen Madeira-Bananen und in einem Wasserbehälter gekühltes „Coral“, das Inselbier, bekommt. Und wer behauptet, Bananen und Bier schmeckten nicht zusammen, der kennt nicht die Madeira-Varianten dieser beiden „Grundnahrungsmittel“!

Die Hauptwanderrouten sind mit rot-gelben Wegzeichen markiert, und oft weisen Schilder an Toureneinstiegen auf die zu bewältigenden Kilometer hin. Allerdings ist die Wegemarkierung oft dürftig und lässt den Wanderer an so mancher Abzweigung im Stich, weshalb man auf jeden Fall eigenes Kartenmaterial in einem ausreichend übersichtlichen Maßstab mitführen sollte (mindestens 1:40.000; z.B. „Madeira Tour and Trail Map“ von David Brawn, Discovery Walking Guides Ltd. 2009, ISBN: 978-1904946526).

Mietwagen, Bus oder Taxi: Wie komme ich wohin?

Wer über keinen Mietwagen verfügt, der ist zumeist auch mit dem preiswerten madeirensischen Bussystem gut bedient. Nahezu alle Wandereinstiege können mit dem Bus erreicht werden. Da die Busse allerdings gerade im entlegenen Westteil der Insel nicht allzu häufig fahren, sollte man für Wanderungen in diesem Gebiet eventuell doch auf einen Mietwagen zurückgreifen oder mit einem Taxiunternehmen günstige Konditionen aushandeln – viele Taxifirmen bieten auch preiswerte Inseltouren an. Eine relativ aktuelle Übersicht über die Streckenführung der einzelnen Buslinien und Fahrpläne bietet die Karte „Madeira Bus and Touring Map“, ebenfalls von David Brawn (Discovery Walking Guides Ltd. 2009, ISBN 978-1904946410). Allerdings empfiehlt es sich, die aktuellen Busfahrzeiten noch einmal vor Ort zu erfragen, entweder an den Ticket-Verkaufshäuschen der verschiedenen Buslinien entlang des östlichen Abschnitts der Avenida do Mar e das Comunidades in Funchal, parallel zur Promenade, oder aber direkt in der Touristikinformation „Direcção Regional do Turismo”, Av. Arriaga, 18 – 9004-519 Funchal, Tel. (0351)291 211 900, www.madeiraislands.travel, wo man auch kostenlose Stadtpläne sowie Auskunft über Autovermietungen und Taxiunternehmen erhält.

Sehenswertes und Kraftorte: Madeira von Ost nach West erwandern

Madeira hält eine ganze Bandbreite verschiedener Szenarien und Naturschauspiele bereit. An dieser Stelle hat nur eine kleine Auswahl Platz: Das vielleicht bizarrste madeirensische Schauspiel ist das Ostende, die Halbinsel São Lourenço. Die wüstenartige, zerklüftete Mondlandschaft ist bei jedem Wetter spektakulär, und das Atlantik-Panorama ist einzigartig. Die Tour ist kurz und anspruchslos.

Unerlässlich, was den Ausblick angeht, und ebenfalls relativ einfach ist die Wanderung von Machico über den Boca do Risco die Nordküste entlang bis Porto da Cruz – bei Sonnenschein nimmt das Meer zur Rechten ein geradezu überirdisches Blau an; allerdings sollte man für diese Tour schwindelfrei sein.

Direkt oberhalb von Funchal verläuft eine der malerischsten Levadas der Insel – die Levada dos Tornos. Der Einstieg zu diesem von blauen und weißen Agapanthus-Lilien gesäumten Pfad durch aromatischen Eukalyptuswald mit berückendem Blick auf Funchal findet sich nordöstlich der Seilbahnstation von Monte, kann aber auch von Funchal aus erklettert werden (steil, aber wildromantisch; Einstieg in der Nähe des Jardim Botánico). Gerade der erste Abschnitt wird begleitet von Rinnsalen und Wasserfällen, die dem Felsmassiv links der Levada entspringen. Verpassen Sie an der Levada dos Tornos nicht die Einkehr ins „Hortensia Gardens Tea House“, das seine Gäste inmitten eines kultivierten Dschungels mit frischen Scones und Apple Pie verwöhnt – und Tigerkatze „Tammy“ freut sich über jeden, der ihr den üppigen Bauch krault.

Der Pico Ruivo, der höchste Berg Madeiras, ist ein echtes Highlight

Die vielleicht anspruchsvollste Tour, bei der es besagte 800 Höhenmeter zu überwinden gilt, ist die vom Encumeada-Pass über den Pico Topeiro und Boca das Torrinhas zum Pico Ruivo, dem höchsten Berg Madeiras – im wahrsten Sinne eine Gradwanderung durch Felsenklüfte und Nebelmeere. Oft schwappt der Passat von Norden über den Kamm, reißt unversehens auf, um sattgrüne Tiefen preiszugeben, und schluckt den Wanderer dann wieder, um die Landschaft in eine mystische Sagenwelt zu verwandeln.

Die Hochebene Paúl da Serra westlich des Encumeada-Passes wiederum betört durch ihre Weite inmitten des Himmels. Hier verläuft die einzige gerade Straße Madeiras. So profan das klingt – wer je auf Madeira Auto gefahren ist, weiß diese Gerade zu schätzen. Ein Abstecher in die Bar „Jungle Rain“ lohnt sich wegen des interessanten Interieurs in Regenwald-Optik. Was die vier deutschen Gartenzwerge vor dem Gebäude zu suchen haben, bleibt ihr Geheimnis.

Geheimnisvoll geben sich auch die Lorbeerwälder von Fanal. Einen wahrhaft magischen Moment erlebt, wer die knorrigen Bäume mit ihren langen Flechtenbärten ins Nebelgewand des Passats gehüllt vorfindet, aber auch bei Sonnenschein ist dieses ursprüngliche Stück Natur ein wahrer "Kraftort".

Falken, Adler, Wasserfälle

Den Leuchtturm von Ponta do Pargo, der das westlichste Ende der Insel markiert, erreicht man durch einen Abstecher von der Levada Nova. Von der natürlichen „Loge“ unterhalb des Leuchtturms aus wird man von der blauen Endlosigkeit des Atlantiks unwillkürlich hinaus in die Ferne gezogen – ein Ort, der einen „saudade“ lehrt.

Und dann ist da noch der abgelegene „Miradouro“ unterhalb von Fajã da Ovelha, am alten Pflasterweg hinunter nach Paúl do Mar. Auch er betört durch Einsamkeit und Weite - und Falken, die über dem Abgrund ihre Kreise ziehen. In Paúl do Mar kann man übrigens auch noch Ende Oktober im glasklaren Atlantik baden, ohne zu bibbern – um dann anschließend in der kleinen Bar am östlichen Ende des Ortes kurz vor dem Friedhof bei einem Galão, dem portugiesischen Milchkaffee, von der Promenadenmauer aus den Anblick der Brandung zu genießen.

Und sonst? Nun: Adlerfelsen, Cabo Girão, Risco-Wasserfälle, 25 Fontes und, und, und ... Oder auf den Punkt gebracht: Madeira bietet keine Highlights – Madeira ist eines.

Weiterführende Literatur

Empfehlenswert und übersichtlich sind u.a „Madeira – Die schönsten Levada- und Bergwanderungen“ von Rolf Goetz (Rother Wanderführer 2009, ISBN: 978-3763342747) sowie „Wandern auf Madeira“ von Harald Pittracher (Dumont 2008, ISBN: 978-3770147748). Beide Bücher geben neben den detailliert beschriebenen Wandertouren mit Kartenausschnitten auch eine kurze Einführung in Fauna und Flora, Kultur und Geografie.

hawranke, hawranke

Nina Hawranke - Nina Hawranke ist Übersetzerin, Journalistin und Zen-Übende. Sie ist gern an Orten, deren Dach allein der Himmel ist. Dort ...

rss