
- Soldanelle - Adele Sansone
Sehnsüchtig warten die Wanderer auf den schmelzenden Schnee, um endlich wieder in die Berge gehen zu können. Aber nicht nur die Erwartung der herrlichen Aussicht treibt den alpinen Wanderer in die Höhe, sondern im Frühjahr vor allem der Blick auf die ersten hochalpinen Blumen, die wahren Überlebenskünstler der Berge. Im März und April ist es noch zu früh, aber ab Mai kann man sie bereits entdecken, die ersten alpinen Blumen.
Die alpine Flora in geologischen Zeiträumen
Die Eiszeiten, die etwa vor 800.000 Jahren begannen und vor 12.000 bis 15.000 Jahren endeten, waren für unsere heutige Pflanzenwelt von enormer Bedeutung. Die Gletscher der Alpen verschmolzen zu einer riesigen Eiskappe. In Mitteleuropa blieb nur ein winziger in west-östlicher Richtung verlaufender Streifen eisfrei, einzelne Bergspitzen, so genannte Nunatakker (etwa das Matterhorn) ragten ebenfalls aus der Eiskappe heraus. Manche Pflanzenarten hatten gelernt in den unwirtlichen Bedingungen zu überleben und überdauerten in den eisfreien Gebieten. Überreste dieser alten Flora finden sich in einigen Bereichen, endemische (nur dort vorkommende) Arten, wie die Innsbrucker Küchenschelle. Andere Arten wiederum sind von weit her eingewandert, wie das Edelweiß.
Die klimatischen Probleme, mit denen die Alpenblumen zu kämpfen haben
Temperaturunterschiede zwischen sonnenarmen Nordhängen und sonnenreichen Südlagen, die Sonnenstrahlung, die mit zunehmender Meereshöhe intensiver wird, die dünner werdenden Luftschichten, Winde, welche die Wärme rasch wieder fort blasen, nährstoffarme Böden, all dies macht den Pflanzen zu schaffen. Austrocknung und Frostschutz sind die vordringlichen Gefahren, denen es zu trotzen gilt. Pro 100 Meter Höhenzunahme sinken die Durchschnittstemperaturen jeweils um 0,5 ° Celsius, die Wachstumszeit verkürzt sich ebenfalls um zwei Wochen, ein Wettrennen gegen die Zeit beginnt. All dies beeinflusst das Pflanzenwachstum. Dadurch ergeben sich auch mit fortschreitender Höhe die verschiedenen Vegetationsstufen:
- Hügelstufe (colline Stufe)
- Bergstufe (montane Stufe)
- subalpine Stufe
- alpine Stufe
- Schneestufe (nivale stufe)
Überlebensstrategien der alpinen Flora
Die extrem harten Lebensbedingungen in Fels und Eis erfordern, auch durch die kurze Vegetationszeit, ausgeklügelte Strategien um sich zu behaupten.
- Zwergwuchs (Nanismus): Durch die starke Strahlung und die niedrigen Temperaturen wird das Wachstum gehemmt, durch die Bodenähe wird aber die Wärme besser genutzt und der Wind kann nicht so greifen.
- Mehrjährigkeit: Keimen, Heranwachsen, eine Blüte bilden und Samen heranreifen lassen, geht sich in der kurzen Vegetationsperiode selten aus. Nur knappe fünf Prozent sind einjährige Pflanzen, in Tallagen etwa zwanzig Prozent.
- Verlängerte Vegetationszeiten durch Mittel, wie immergrüne Blätter, die meist auch noch nadelartig sind, wie bei der Schneeheide (Erica herbacea) oder fleischig, wie bei der Fetthenne. Vielen Pflanzen genügt bereits das Sonnenlicht unter einer dünnen Schneedecke zur Assimilation. Da unter der Schneedecke der Boden kaum gefroren ist, leben die Pflanzen also auch im Winter weiter. Blütenknospen werden bereits im Herbst oder im Winter herangebildet und entfalten bei den ersten Sonnenstrahlen nach der Schneeschmelze ihre Blüten.
- Blattschutz, wachsig oder behaart, um die Pflanze vor Austrocknung zu schützen. Das fleischige Blatt (Sukkulenz) schützt vor Verdunstung, auch das Einrollen eines Blattes. Die Behaarung wirkt zusätzlich wie eine Isolierschicht und schützt die Blattoberfläche vor Auskühlung.
- Das Verhältnis Blüte zu Stängeln und Blättern wird extrem gefördert. Zur Blütezeit sind bei manchen Pflanzen die Blätter noch gar nicht heran gebildet, so fokussiert die Pflanze alle Kraft auf die Blütenbildung. Die starke Lichteinstrahlung und die großen Temperaturunterschiede von Tag und Nacht fördern die Leuchtkraft und das üppige Blühen. Durch die starke Sonnenstrahlung wird eine hohe Zuckerkonzentration im Zellsaft möglich, diese wiederum fördert die intensiven roten, blauen und violetten Farbstoffe und wirkt gleichzeitig als Frostschutzmittel.
- Kissen- und Polsterwuchs schützt die Pflanzen besonders gegen den Wind und vor Austrocknung. Eine lange Pfahlwurzel versorgt die Pflanze mit Feuchtigkeit und verankert sie standfest. Bei einer Wuchshöhe von nur 5 cm kann so manche Pflanze 50 bis 60 Jahre alt werden. Bis zur ersten Blüte vergehen oft 10 Jahre. Die jedes Jahr neu entstehenden Blatt- und Blütentriebe ersetzen alte Blätter, die im Inneren absterben, aufs Neue. Die abgestorbenen Reste werden zu Humus. Diese Kissen können viel Wasser zurückhalten, deshalb gedeihen sie auch an extrem trockenen Standorten.
- Pflanzen im Felsschutt werden oft mit dem Geröll fortgerissen. und zugeschüttet. Aus ruhenden Vegetationspunkten, den schlafenden Augen, können sie aber rasch am neuen Standort wieder austreiben. Biegsame Kriechtriebe wiederum geben den Bodenbewegungen nach, ohne zu reißen. Andere Pflanzen wiederum wachsen unterirdisch und schieben nur während der kurzen Wachstumszeit einige Blätter und Blüten über die Erdoberfläche.
- Durch die geringe Zahl an Insekten wird die Selbstbestäubung gefördert, manche Samen sind auch ohne Befruchtung keimfähig. So genannte "Wintersteher" reifen die Samen erst im Winter aus und verstreuen sie dann mit der Schneeschmelze (Frostkeimer). In den höchsten Lagen übernimmt der Wind die Verbreitung der Samen.
Wer sind nun die ersten blühenden Bergblumen? Ende April, Mai und Juni geht es los.
- Frühlings-Krokus (Crocus vernus), Schwertliliengewächse, weiß bis zartlila, bis 15 cm hoch, typisch der leuchtend gelbrote Griffel, der früheste Blüher.
- Echtes Alpenglöckchen (Soldanella alpina), Primelgewächse, bis 15 cm hoch, Blätter rundlich, zartlila-farben gefranste Glöckchen.
- Aurikel (Primula auricula), Primelgewächse, bis 30 cm hoch, typisch die wie mit Mehl bestäubte mattgrünen fleischigen Blätter, die Blüten goldgelb, im Schlund weiß.
- Leim-Primel (Primula hirsuta), Primelgewächse, bis 10 cm hoch, helle klebrige Drüsenhaare, die Blätter kurz gestielt und gezähnt, die Blüten kräftig rosafarben, Kronzipfel tief ausgerandet, Schlund weiß.
- Mehlprimel (Primula farinosa), Primelgewächse, bis 20 cm hoch, die Blätter oberseits grün, unterseits weiß, Blütenfarbe rosa mit einem gelben Schlund.
- Silberwurz (Dryas octopetala), Rosengewächse, rasenbildender Zwergstrauch, Blätter immergrün, eiförmig und gezahnt, Unterseite weißfilzig, Blüten weiß mit godenem Schlund, acht Kronblätter - typisch sind auch die Früchte mit dem fedrigen silberglänzenden Griffel, die wie ein kleiner Haarschopf aussehen.
- Frühlings-Enzian (Gentiana verna), auch "Schusternagerl" genannt, Enziangewächse, bis 10 cm hoch, grundständige Blattrosette, Blätter lanzettlich, spitz, Stängel aufrecht, einblütig, Krone tiefbla.
- Frühlings-Anemone oder Küchenschelle (Pulsatilla vernalis), Hahnenfußgewächse, bis 15 cm hoch, behaart, die neuen Grundblätter erscheinen erst nach der Blüte, Blüte einzeln, innen weißlich, außen zartviolett, Früchte mit zottig behaartem Griffel (Petersbart).
Quellen: Alpenblumen der Ost- und Westalpen,Gondrom Verlag, 2002; Der BLV Pflanzenführer, BLV Buchverlag, 2008; Strasburger Lehrbuch der Botanik, Spektrum 2008
Wer sein Herz an die alpinen Blumen verloren hat, wird bei den Alpenblumen fündig.
