War Poetry - Englische Soldaten melden sich zu Wort

Die Gräben - www.firstworldwar.com
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Der erste Weltkrieg besticht durch seine Grausamkeit. Zwei Seiten werden von englischen Soldaten selbst in fesselnden Gedichten zum Ausdruck gebracht.

Zu Beginn des ersten Weltkrieges (1914-18) herrschte in nahezu allen beteiligten Staaten eine enorme Kriegsbegeisterung vor – es bestand die Hoffnung, durch den Krieg die vorherrschende Unzufriedenheit über Bord zu werfen und neu anfangen zu können. Doch nachdem der Krieg viel länger als gedacht dauerte – man rechnete Juli 1914 schließlich damit, dass die Soldaten spätestens Weihnachten wieder bei ihren Familien sind – schlug die Kriegsbegeisterung in Kritik am sinnlosen Abschlachten von Millionen von Menschen um.

Englands Kriegseintritt und die aufkommende Propaganda

Eine recht interessante Betrachtungsweise dieses „Great War“, der in anderen Ländern als Deutschland zu meist als der geschichtsträchtigere und schlimmere der beiden Weltkriege angesehen wird, ergibt sich, wenn man die englische Lyrik hierzu näher betrachtet. Natürlich muss hierbei ein Perspektivenwechsel vorgenommen werden, schließlich ist der Umgang mit solch dramatischen Ereignissen von Nation zu Nation aufgrund der verschiedenen Rollen, die sie spielen, unterschiedlich. Dennoch kann man sich recht gut in die Perspektive der Briten hineinversetzen.

Die frühen Kriegsgedichte und ihre Propagandawirkung

Zu einem der bekanntesten Lyriker seiner Zeit ist wohl Rupert Brooke (1887-1915) geworden. Dieser junge Mann, der sich recht kurz nach Kriegseintritt Englands als Soldat gemeldet hat, war begeistert, hat in diesem Krieg Hoffnung für eine bessere Zukunft Englands und der Welt gesehen. Er selbst hatte zudem gute Kontakte zu wichtigen politischen Persönlichkeiten wie Winston Churchill.

Der junge Lyriker, der ebenfalls die Bekanntschaft von Schriftstellern wie Virginia Woolf und Henry James genoss, wurde in England durch seinen auf das Kriegsgeschehen bezogenen Sonettzyklus 1914 bekannt, dem die fünf Sonette Peace, Safety, The Rich Dead, The Dead und The Soldier angehören. Sie wurden alle in der Zeit zwischen 1914 und Januar 1915 verfasst. The Soldier ist wohl das bekannteste und prototypischste der vier Gedichte und soll etwas näher betrachtet werden:

Brooke lässt einen Soldaten sprechen, der in den Krieg zieht, um für sein Vaterland zu kämpfen. Der mögliche Tod wird in diesem Falle verharmlost bzw. als ein Gewinn für das eigene Land dargestellt, wenn das lyrische Ich sagt „If I should die, think only this of me: / That there's some corner of a foreign field / That is for ever England.“ (The Soldier, V.1-3). Es wird verdeutlicht, dass der Tod im Krieg ein nobler Grund ist zu sterben. Außerdem schwingt ein für das kolonialistisch geprägtes England typischer Ton mit, indem ausgedrückt wird, dass der tote Körper des Soldaten das Stückchen Erde, auf dem er liegt, zu England werden lässt und gar das englische Gedankengut in dieser Fremde zurücklässt. Zudem wirkt das Gedicht pastoral; es beschreibt den Tod sowie den Krieg gewissermaßen als idyllisch und gerade der Schlussvers des Sonetts „In hearts at peace, under an English heaven.“(The Soldier, V.14) unterstützt diesen religiösen Beigeschmack, der sicherlich zu einer noch größeren Propagandawirkung dieses Gedichts beigetragen hat.

Im Nachhinein wirken Brookes Sonette sehr propagandistisch und seine Ansichten recht kriegsverherrlichend. Jedoch darf auch nicht vergessen werden, dass Brooke selbst die wirklich grausamen Seiten des Krieges, wie den Stellungskrieg, das Leben in den Gräben und die Massen an Toten gar nicht mehr mitbekommen hat, da er bereits 1915 auf der Schiffsreise nach Gallipoli gestorben ist – nicht an einer Verletzung, sondern an den Folgen eines Moskitostichs. Er hatte also nie die Chance seine Ansichten zu revidieren und war von dem kriegsbegeisterten Zeitgeist, der bis Anfang 1915 noch vorherrschte, gewissermaßen abhängig.

Die Schattenseite des Krieges

Ein wenig anders verhält es sich mit späteren „War Poets“, die erst während des Krieges zum Stift gegriffen haben, um mit dem Schrecken und Elend, das sie täglich erfahren haben, umgehen zu können. In dieser Art von Gedichten gibt es keine Beschönigungen mehr, es wird eine neue, schnörkellose Sprache entwickelt, durch die das Grauen des Grabenkrieges zum Ausdruck gebracht werden soll. Wichtige Poeten in diesem Sinn sind Siegfried Sassoon (1886-1967), Isaacc Rosenberg (1890-1918) und Wilfred Owen (1893-1918).

Von ihm stammt auch das Gedicht Dulce et Decorum Est, welches er zwischen Oktober 1917 und März 1918 während seiner Soldatenzeit verfasst hat. Hierin wird das Soldatendasein beschrieben, äußerst anschaulich auch die Panik bei einem Gasangriff, von denen der erste 1915 in der Schlacht von Ypern angewandt wurde. Diese Angriffe waren äußerst tückisch und die meisten Soldaten sind qualvoll an ihnen erstickt. Owen macht die Angst und die Hilflosigkeit, die die Soldaten bei einem solchen Angriff überkam, in der zweiten Strophe des Gedichts vor allem durch die gewählte Sprache deutlich: Typisch für Kriegsgedichte dieser Art sind die kurzen abgehackten Sätze, teilweise im Befehlston, sowie häufig Wörter, welche Ekel im Rezipienten auslösen. In der letzten Strophe geht wird von Owen noch einmal der Staat angeklagt (ebenfalls ein Motiv, das häufiger in diesen Gedichten auftaucht): „My friend, you would not tell with such high zest / To children ardent for some desperate glory, / The old Lie; Dulce et Decorum est, / Pro Patria mori.“ (Dulce et Decorum est (1917/18), Owen). Es wird schwer davon abgeraten, unschuldige Kinder durch Propaganda zu Schlachtvieh im Krieg zu machen. Owen appelliert hier an die Moral der staatlichen sowie familiären Institutionen, zumal zu diesem Zeitpunkt durchgedrungen sein muss, dass dieser Stellungskrieg einen sicheren Tod bedeutet, der viel zu viele Menschenleben gekostet hat.

Weitere Gedichte, die in eine ähnliche Richtung verweisen wie Owens – kritisch gegenüber dem System, das den Krieg erlaubt hat, gegenüber der Propaganda sowie gegenüber der Blindheit vieler Daheimgebliebener – sind beispielsweise Attack und Counter-Attack von Siegfried Sassoon, Break of Day in the Trenches und Dead Man's Dump von Isaac Rosenberg, sowie Strange Meeting, ebenfalls von Owen. Nicht zu vergessen sind natürlich auch die Gedichte, welche von den Frauen an der „home front“ verfasst wurden. Beispiele hierfür wären Women at Munition Making von Mary Gabrielle Collins und Munition Wages von Madeline Ida Bedford.

Wer sich für den ersten Weltkrieg interessiert und diese schrecklichen Ereignisse einmal aus einer etwas anderen Perspektive betrachten möchte, findet in dieser „war poetry“ eine gute Möglichkeit dazu.