Warum Andreas Rebers anders ist

Eintrittskarte - Kerstin Völling
Eintrittskarte - Kerstin Völling
Der Niedersachse wettert im Programm "Ich regel das" als schlesischer Religionserfinder gegen Links. Wer's ganz verstehen will, muss Hausaufgaben machen

Kennste die Bitocken? Nee? Kannste auch nicht. Andreas Rebers hat sie erfunden. Sie sind seine „Glaubensgemeinschaft“: „Teilzeitjuden, Gelegenheitsmoslems, Ein-Euro-Christen“, sagt er. Und kennste Boblowitz? Nee? Solltest du aber. Boblowitz gibt’s nämlich wirklich. Der Ort ist heute polnisch und heißt „Boboluszki“. Er liegt im Süden Schlesiens. Daher sagen Schlesier, die sich mit den bestehenden Grenzen nicht abfinden können, auch heute noch gern „Boblowitz“. Nicht alles, was fiktiv klingt, ist es auch.

Der "Große Mompel" ist gar nicht so (aber-)witzig

Während Andreas Rebers in seinem Programm "Ich regel das" in der Rolle des schlesischen Klerikal-Faschos „Reverend Rebers“ aufgeht, behauptet ein echter Schlesier im Publikum, dass sich der Kabarettist für sein Alter Ego keinen besseren Migrationshintergrund hätte aussuchen können: „In Schlesien würfelt man sich die eigene Religion in der Tat so zurecht, wie man sie braucht“, sagt der „Echte“. Wenn Rebers, der „Falsche“ – denn eigentlich ist er gebürtiger Niedersachse - also für einen „Großen Mompel“ (Mompel = Moschee + Tempel) in seiner „Heimat“ Boblowitz wirbt, ist das wohl nicht so (aber-)witzig wie es klingt. Doch wissen das alle? Man hat im Grunde nur eine Wahl: Entweder man verfügt über ein gutes Gedächtnis, über megabreites Allgemeinwissen oder aber - die wahre Güte der Rebers-Show geht an einem vorbei.

Die Bigotterie der Linken

„Onkel Andi“ ist nicht umsonst in die Rolle des oberlehrenden Reverenden geschlüpft. In den Augen des 53-Jährigen hat Bigotterie um sich gegriffen. Besonders in der Gutmensch-Abteilung: „Die Grünen sind zwar für mehr öffentliche Verkehrsmittel, aber gegen Bahnhöfe“ stellt er fest. Und auch an seiner pferdekopfgeigespielenden, grünen Nachbarin Sabine Hammer, geborene Sichel, lässt „Reverend Rebers“ kein gutes Haar. Sabine Hammer besucht den VHS-Kurs „Frauen atmen“. Sie schwört auf „Bio-Wildlachs“ und „Holzofenbrot“ (man achte auf die Widersprüche in den Wörtern!) und zieht ihr „Hammer-Kind“ Konrad allein groß. Am Ende wird sie auch noch von der 800-Kilo-Batterie eines E-Autos zerquetscht. Doch die „zweite Angriffswelle in der Toskana“ hat nicht sie und ihr Selbsterfahrungserfahrungskurs zu verantworten. Die „zweite Angriffswelle in der Toskana“, so „Reverend Rebers“, ist längst vollzogen. Durch Politiker wie Gerhard Schröder oder Oskar Lafontaine.

Ausflüge in die (Zeit-) Geschichte: Bloß Hausaufgaben machen!

Das haben einige U30-Jährige im Publikum nicht verstanden. Wer von denen soll auch schon die „Toskana-Fraktion“ kennen? Anfang der 90er spukte dieser Begriff durch die Presse. Er wurde speziell für Ex-Jusos und sonstige ehemalige Revoluzzer entwickelt, die nunmehr lieber dem Dolce Vita in der italienischen Provinz frönten als sich um die Probleme dieser Welt zu scheren. Bleibt noch zu klären, wie das mit der ersten Angriffswelle in der Toskana aussah. Denn dieses schöne Stück Italiens war schon seit Karl dem Großen heiß begehrt und dementsprechend umkämpft, nicht erst seit Napoleon. Hier kommen nun auch die älteren Jahrgänge ins Straucheln. Ebenso wie bei der Anspielung auf Kara Mustafa. „Der hat die ersten Beitrittsverhandlungen der Türkei zur EU eingeläutet“, sagt Rebers. Schöner Sarkasmus, wenn man denn weiß, dass Kara Mustafa unter der Regentschaft von Sultan Mehmed IV als Großwesir des Osmanischen Reiches der Oberbefehlshaber bei der Zweiten Belagerung Wiens zu Beginn des Großen Türkenkrieges war. Puuuh. „Onkel Andi“ lässt uns googeln. Bloß Hausaufgaben machen! Er ist wahrhaftig ein Lehrer. Anders als die anderen.

Sprüche und die Sache mit den Massenmedien

Bevor das gemeine Publikum aber zu sehr an seinem Intellekt zweifelt, streut Rebers Plattheiten zum Durchatmen ein. „Ersatzdienstkackeputzer“ nennt er Zivildienstleistende und rollt dabei das „R“ wie der Österreicher, der das Dritte Reich erfand. Sprüche sind weitere Aufpepper. „Der Opa war noch Arier, die Mama Vegetarier“ oder „Brot für die Welt - die Wurst bleibt hier“ sind zwar alt, aber gut platziert, und schließlich darf ein Schlesier dieser Art ja auch nicht zu hip sein. Ein besonderer Genuss: „Onkel Andis“ "Arbeiterlieder". Am Keyboard und mit Schifferklavier. Da gibt es den „Song für RWE, Vattenfall und Osram“: „Elektrika, Elektrika schon bei der Geburt war an deinem Nabel - ein Kabel.“ Oder die „Kanzlerinnendämmerung“. In Grönemeyer-Manier singt Rebers: „Sie ist wieder gut geknöpft.“ Beim „Amoklauf bei Tengelmann“ zielt er mit dem Refrain ‚Bad news are good news and good news are bad news“ auf die Massenmedien ab, die seiner Meinung nach „bestimmen, welche Sau durchs Dorf getrieben wird und wie lange.“ An dieser Stelle wird er ungenau. Wen meint er denn mit "Medien"? Sind es die Vereinigten Redakteure? Sind es die Vereinigten Verleger? Sind es die Vereinigten Intendanten? Oder sind diese Vereinigungen eher fiktiv? Produzieren die Medien nicht vielmehr das, was ihre Geldgeber und/oder Konsumenten wollen? Wär doch schön, Reverend, wenn du etwa mal durchleuchtest, wer welche Medien finanziert, um bestimmte Säue auf bestimmte Zeit durch bestimmte Dörfer zu jagen und warum. Nur mal so. Als Anregung.

Kerstin Völling, Kerstin Völling

Kerstin Völling - Schreiben jenseits der Lau-Duscherei, die allerorts so überhand nimmt - ein Traum. Mal sehen, inwieweit das hier möglich ist.

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