Warum beten christliche Menschen?

Warum beten Christen? Foto Holzschnitt nach Dürer - Astrid Treumann
Warum beten Christen? Foto Holzschnitt nach Dürer - Astrid Treumann
Beten ist die wichtigste Ausdrucksform des Glaubens. Beim Gebet erfahren Christen Hoffnung, Veränderung und Gemeinschaft.

Das christliche Gebet ist ein wirklicher Umgang des Menschen mit Gott. Ein meditativer Akt, der die intime Begegnung mit einem fordernden und zugleich verheißenden Gott bietet. In der Frühzeit der Hebräischen Bibel gab es keinen allgemeinen Begriff für das Beten. Es wurde von “rufen, flehen und loben” gesprochen. Verschiedene Gebetshaltungen, die situationsabhängig eingenommen wurden.

Traditionelle Formen des Betens

Zwei Arten des Betens übernahm das Christentum aus jüdischen Traditionen. Einerseits das persönliche Beten, ein intimes Anvertrauen an ein göttliches Gegenüber. Für das persönliche Beten forderte Jesus im Rahmen seiner Bergpredigt, die Öffentlichkeit zu meiden. Ein Beten “im Verborgenen zu deinem Vater” (Matthäus 6,6), still mit eigenen Worten formuliert.

Weiterhin spricht Jesus gleichzeitig auch das zentrale Gebet der Christenheit an, das Vater Unser. Hervorgegangen aus dem jüdischen Achtzehn-Bitten-Gebet. Vorformulierte Gebete haben im Gegensatz zu dem persönlichen Beten das Ziel, eine Gemeinschaft zwischen den Betenden zu schaffen. So lässt der gemeinsame Text als objektivere, überpersönliche Form die Menschen spüren, dass sie Gott zusammen mit Gleichgesinnten gegenüber treten.

Die Gestalt des christlichen Gebets

Im Beten findet sich die grundlegende Form des christlichen Glaubens. Beim Beten entsteht das Bewusstsein, in diesen Momenten Gott besonders nahe zu sein. Sich ihm denkend und nachdenkend zuzuwenden, mit ihm zu sprechen. Sein Herz zu öffnen, eine spirituelle Verbindung suchend. Dabei geht es nicht um die “richtigen Worte”, sondern um die innere Einstellung. So ist im Christentum das Beten weniger eine Angelegenheit des Sprechens. Vielmehr ist es die meditativen Hinwendung zu Gott.

Martin Luther verstand unter Gebet “alles, was die Seele in Gottes Wort schafft: zu hören, zu reden, zu dichten, zu betrachten usw.”. Es entstanden im Christentum immer wieder Gebetssammlungen. Sie unterteilten den Tagesablauf in bestimmte Gebetszeiten und bieten Gebete für besondere Gelegenheiten. Das aufrichtige Beten kann den Beter verändern. Es reinigt sein Denken. Durch das Gebet wird dem Betenden oft sehr deutlich, was zu tun ist. So könnte man sagen, dass der Glaube im Gebet zur Tat drängt.

Beten als wichtigste Ausdrucksform

Im Christentum ist Beten in vielen Gebetsformen bekannt. Im Gottesdienst gehört es als freies und vorformuliertes Beten in den Ablauf für die Gemeinde. Auch in christlichen Familien wird auf gemeinsames Beten Wert gelegt, beispielsweise Tischgebete oder Nachtgebete für Kinder. Auch das Bibeltextbeten, welches Psalmen oder Briefe aus der Bibel verwendet, gehört zu den gebräuchlichen Formen.

Zunehmend entwickelt sich das E-Mail Beten als Form, um jeden Christen der Gemeinschaft eine Anbindung an die gemeinsame Besinnlichkeit des Tagesgebetes zu bieten. Für das einzelne Beten gibt es ein großes Spektrum. Vom traditionellen Vater Unser bis zur täglichen Zeit der Stille, um vorformuliert oder völlig frei zu beten. Dabei hat sich das Falten der Hände als Geste entwickelt, um die völlige Konzentration auf das Beten zu symbolisieren. Auch das Pilgern wird als Form des “Betens mit den Füßen” verstanden. Formen des Betens können so individuell verschieden sein, wie die Menschen selbst.

Die Heilkraft des Betens

Die gesundheitsfördernde Wirkung des Betens wird seit Jahren in wissenschaftlichen Studien nachgewiesen. Das überhaupt mit wissenschaftlichen Methoden der Frage nach der Wirksamkeit des Betens nachgegangen wird, beweist die zunehmende Verdrängung der Spiritualität. Früher war Menschen der helfende Effekt des Gebets selbstverständlich. Doch auch in der rationalisierten Gegenwart kann die therapeutische Wirkung des Betens durch experimentelle Befunde nachvollzogen werden.

Insbesondere die heilende Wirkung von Fürbittegebeten, bei denen räumlich getrennt für die Gesundung Erkrankter gebetet wird, versetzt die Wissenschaft immer wieder in Erstaunen. Nach der Sichtweise Gesundheit und Krankheit für rein körperliche Zustände zu halten, ist die heilende Wirkung des Betens nicht begreifbar. Nur im Verständnis der ganzheitlichen Verflechtung von Körper und Geist, der Individualität mit dem kollektiv Unterbewussten wird die Wirksamkeit des Betens weniger befremdlich.

Der Autor K.M. Meyer-Abich beschreibt in seinem Editorial (Klassische Naturheilkunde) zur Wirkkraft des Betens: “Eine Einwirkung Gottes auf das Weltgeschehen ist für mich nur vorstellbar, wenn er selbst die Welt zusammenhält, auch durch Naturgesetze. Sich mit dem Göttlichen wieder zu verbinden (religio) heisst dann: die Kraft in uns (wieder) vordringlich werden zu lassen, aus der wir leben, weben und sind. Anders gesagt: den Atem der Natur ganz durchzuatmen. Es ist das Geheimnis der Stellvertretung, dass man dazu im Mitsein auch einem Dritten helfen kann.”.

Quelle: Ralph Ludwig, Christentum - Alles, was man wissen muss, 2007, Stuttgart, Verlag Kreuz GmbH, 192 Seiten, 16,95 Euro, K.M. Meyer-Abich, Editorial, Forschende Komplementärmedizin - Klassische Naturheilkunde, Essen, 2003,veröffentlicht durch S.Karger GmbH, Freiburg,

(karger.com)

Astrid Treumann, Astrid Treumann

Astrid Treumann - 1967 in Berlin geboren, habe ich dort als berufliche Grundlage Kunst und Germanistik studiert (Hochschulabschluss 1991). Meine berufliche ...

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