
- Der Burgtorturm Rothenburg T. - A. Poljasevic
Die Begriffe 'Mittelalter' und 'mittelalterlich' müssen heute für so manches herhalten, was in den Denk- oder Verhaltensweisen als "rückständig“ aufgefasst wird. Zumindest außerhalb der Fachsprache trifft dies zu. Obwohl sich niemand gern als rückständig gibt, übt gerade dieser Abschnitt der Zeitschreibung eine große Anziehungskraft aus. Alles, was sich im Zusammenhang mit Mittelalter vermarkten lässt, ist heute gefragt und hat eine feste Anhängerschaft, die ständig größer wird. Als sehne man sich nach einfachen und ursprünglichen Lebensweisen zurück.
Das Mittelalter – von wann bis wann es wirklich bestand
Zur Klarstellung vorneweg: Nicht alles, was heute als rückständig gilt, hat mit dem Mittelalter zu tun. Das Mittelalter belief sich – je nach Schwerpunktsetzung gibt es verschiedene Angaben – von 500 bzw. 600 nach Christus bis etwa 1500. Es teilt sich in drei Hauptphasen ein:
- Frühmittelalter (6. Jahrhundert bis Anfang 10. Jahrhundert), die Epoche der Merowinger und Karolinger
- Hochmittelalter (Anfang 10. Jahrhundert bis ca. 1250), Blütezeit des Rittertums und des römisch deutschen Kaiserreichs
- Spätmittelalter (ca. 1250 bis ca. 1500), die Zeit des aufsteigenden Bürgertums und der immer mächtiger werdenden Kirche.
Oft wird vom 'finsteren Mittelalter' gesprochen – was steckt dahinter
Das Mittelalter wird gemeinhin gern als 'dunkles Zeitalter' (aetas obscura), als eine finstere Epoche bezeichnet. Allgemein kann gesagt werden, dass sich der Begriff 'Mittelalter' mit tendenziell abwertender Bedeutung etabliert hat. Zu viel an Dunklem und Schrecklichem ist in dieser Zeit geschehen, besonders im Spätmittelalter. Stichwort: Pest, Seuchen, kleine Eiszeit. Dazu ein Volk des Lesens und Schreibens weitgehend unkundig. Und über all dem die Allmacht der römischen Kirche, mit fatalen Auswirkungen. (Inquisition, Ketzerverfolgung, Machtgelüste, Drohungen dem ungebildeten Volk mit dem Fegefeuer).
So etwas bietet einen guten Nährboden für finstere Mächte. Wo auch immer sie sich versteckt gehalten haben mochten. Dämonenglauben und die Ankündigung des Jüngsten Gerichts bereits auf Erden gewann an Boden. Ein willkommenes ein Betätigungsfeld für Magier, Alchemisten, Wahrsager, Quacksalber. Man unterstellte diesen Personenkreisen Verbindungen zu höheren Mächten. Das Volk glaubte an ihre Wundermittelchen und vertraute ihren Prophezeiungen, die bessere Zeiten verhießen, und ließ es sich etwas kosten. War die Gegenwart doch hart genug und reich an Entbehrungen. Der Aberglaube trieb wilde Blüten.
Das Betätigungsfeld der Magier und Co. ist weggefallen – das Mittelalter entzaubert
Alchemisten und Magier gibt es heute nicht mehr, ihr Bestätigungsfeld hat sich erübrigt. Die Menschen sind aufgeklärt und gebildet. Die Wissenschaft hat beide überflüssig gemacht und ihre Künste entzaubert. Den mittelalterlichen Alchemisten hat der Chemiker von heute ersetzt, und aus dem einstmals viel bewunderten Magier ist ein gewiefter Unterhaltungskünstler geworden. Aber hat der Mensch der Neuzeit, zusammen mit der Wissenschaft alles entzaubert, was es an Geheimnissen zu entzaubern gibt, seien sie aus dem Mittelalter oder aus welcher Epoche auch immer? Anscheinend nicht ganz. Sonst wäre das Interesse an diesem Zeitalter nicht so groß.
Entzaubert oder nicht – Mittelaltermärkte haben regen Zulauf
Der Begriff 'Mittelalter', und alles was sich um diesen etabliert hat, eignet sich bestens zum Vermarkten. So hat sich ein florierender Markt gebildet. Man denke nur an die Mittelaltermärkte, die allenthalben veranstaltet werden. Historische Stadtkerne, Burgen und Schlösser bieten den idealen Rahmen für solche Veranstaltungen. Es hat seinen ganz besonderen Reiz, einem mittelalterlichen Markt – ob er sich nun Jacobimarkt nennt oder Martinimarkt – beizuwohnen oder selbst aktiv mitzuwirken. Die Nachahmung dieser Märkte versetzt die Beteiligten in vergangene Zeiten, die sie irgendwie faszinierend finden. Auch wenn nur eine Seite dieser alles andere als leichten Zeiten widergespiegelt wird. Eben die, die sich lukrativ vermarkten lässt.
Auf Märkten wie dem Michaelismarkt bot sich dem mittelalterlichen Volk, das weit verstreut übers Land in ihren einsamen Dörfern und Weilern hauste, ein wahres Kontrastprogramm. Für einige Tage bildete ein solcher Markt den Nabel der Welt. Auf ihm wurden die neuesten Nachrichten ausgetauscht, fremdländische Waren bestaunt und erworben. Vielleicht ließ sich ein Reichsgraf oder gar Fürst blicken. Neben betuchten Kaufleuten von überall her, tummelten sich Wahrsager, fahrendes Volk und weitere Geschäfte witternde Lichtgestalten und boten ihre Dienste feil. Einen Markt dieser Art mit gaffendem Volk und bunten Treiben, schreibt man heute einen romantischen Touch zu.
Neben den Mittelaltermärkten, die übers ganze Jahr verteilt sind, sind auch Ritter- und mittelalterliche Turnierveranstaltungen recht beliebt. Ursprünglicher Träger der Turniere war die Ritterschaft. In Einzelkämpfen werden Schwertkampf, Bogenschießen oder das Lanzenstechen vorgeführt. Die Orte, wo diese Turniere ausgetragen werden, sind meist Burgen, vornehmlich Ritterburgen, mit zum Teil noch vorhandenen Turnierplätzen.
Mittelalterliche Essgelage – Gehabt Euch wohl!
Sehr beliebt sind mittelalterliche Essgelage. Die Teilnehmer geben gern etwas mehr Geld aus, um einmal das tun zu dürfen, was sonst beim Essen verpönt ist: Etwa mit den Händen in die Fleischtöpfe greifen und die Finger anstatt Besteck benutzen. Nach Herzenslust schmatzen, schlürfen und rülpsen. Vielleicht die Magd, die die überquellenden Fleischtöpfe und -platten heranschleppt, in den Hintern kneifen. Die abgenagten Knochen in die nächstbeste Ecke werfen, und die Hände am Tischtuch abwischen. Den Rahmen für so ein Gelage bieten Räumlichkeiten wie urige Kellergewölbe, wo Gaukler und Spielleute zur Unterhaltung zotige Lieder aufbieten. Mittelalterliche Essgelage oder Ritteressen, wie sie genannt werden, werden überall angeboten. Ein Blick ins Netz , und schon ist eines in der Nähe ausfindig gemacht.
Mittelalterliche Klänge – und was sonst noch an Mittelalterlichem beliebt ist
Die Musik der Mittelalterszene und die auf den Mittelaltermärkten ist nicht authentisch mit der Musik des echten Mittelalters. Vielmehr richtet sie ihr Augenmerk auf den Unterhaltungswert der Marktbesucher. Der Spaß steht im Vordergrund, und die Musiker nehmen sich viel künstlerische Freiheit, was zur Herausbildung ganz neuer Klänge und Musikstilrichtungen geführt hat. Typische Instrumente für mittelalterliche Musik sind: Drehleier, Fidel, Harfe, Schalmai, Laute, Flöte.
Zu erwähnen wären auch noch die Mittelaltershops, die ebenfalls übers Netz leicht ausfindig gemacht werden können. Hier finden Liebhaber alles, was ihr Herz begehrt. Von Trinkhörnern über Jungfernkränze bis zum Totenkopf. Für mittelalterliche Gewandung, die auch in solchen Shops erworben werden kann, gibt es aber auch ganz spezielle Läden, die sich ausschließlich auf mittelalterliche Kleidung spezialisiert haben und diese entweder verkaufen oder lediglich verleihen.
Zum Schluss noch ein paar mittelalterliche Namen, die sich bis heute gehalten haben: Bernhard, Jacob, Jörg, Martin, Lucas. Bei den weiblichen Margret, Anna, Katherina, Barbara, Christine.
Gehabt Euch wohl! - Diese alte, schöne und viel genutzte Grußformel bedeutet soviel wie: Lasst es Euch gutgehen und sorgt dafür, dass es auch den anderen gut geht.
