
- Sozialneid und Antisemitismus - S. Fischer Verlag
"Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem Herrn Opfer brachte von den Früchten des Feldes; und Abel brachte auch von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer; aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr, und seine Gebärde verstellte sich... Da redete Kain mit seinem Bruder Abel. Und es begab sich, da sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot." (1. Buch Mose, Das 4. Kapitel)
Das Teuflisch-Böse lässt sich nicht vom Menschlichen-Allzumenschlichen separieren
In dieser Geschichte des Alten Testamentes sieht Götz Aly die Quintessenz seines Buches "Warum die Deutschen? Warum die Juden?". Neid, Eifersucht, Minderwertigkeitsgefühl und Gleichheitssucht waren die Ursachen des ersten Verbrechens der Menschen und wenn man Götz Aly folgen darf, dann waren sie auch Mitursachen des größten Verbrechens der Menschheit. "Die Todsünde des Neides, kollektivistisches Glücksstreben, moderne Wissenschaft und Herrschaftstechnik ermöglichten den systematischen Massenmord an den europäischen Juden." (Aly, Seite 301). Die Schoah zu verstehen verlangt demnach, das Menschliche-Allzumenschliche zu berücksichtigen. Der Versuch, eine Mauer um das Teuflisch-Böse zu errichten und die Katastrophe dort einzuschließen, um die Menschheit für alle Zeit davon zu befreien, führt nicht zu einem tieferen Verständnis des Geschehens.
Der Antisemitismus war ubiquitär
Die Ermordung von Millionen Juden durch die Nationalsozialisten wäre nicht möglich gewesen, wenn der Antisemitismus nicht tief in der abendländischen Kultur und in der deutschen Bevölkerung verwurzelt gewesen wäre. Der Antijudaismus des Christentums ist allgemein bekannt und Aly geht nicht weiter darauf ein. Er konzentriert sich auf die Besonderheiten der deutschen Judenfeindlichkeit, insbesondere des 19. und des 20. Jahrhunderts. Er weist überzeugend nach, dass es nicht möglich ist, diese Erscheinung in irgendeine ideologische Ecke zu verbannen, sie zum Beispiel exklusiv mit dem Rechtsradikalismus zu verbinden. Die erschütternde Einsicht lautet vielmehr, dass der Antisemitismus im Deutschland des 19. Jahrhunderts ubiquitär war. Katholiken, Protestanten und Freigeister, demokratisch inspirierte Revolutionäre, autoritäre Reaktionäre, Deutschnationale und Sozialdemokraten, Künstler und Spießer, Linke wie Rechte, alle waren an der Juden-Hatz beteiligt.
Auch deutsche Nationalrevolutionäre waren tief im Antisemitismus verstrickt
Die Liste der von Aly benannten nachweisbaren Antisemiten des 19. und des 20. Jahrhunderts liest sich daher wie ein "Who´s Who" der deutschen Gesellschaft. Der Dichter und Nationalromantiker Achim von Arnim gehört ebenso dazu, wie die Demokraten und Nationalrevolutionäre Ernst Moritz Arndt, Friedrich Ludwig Jahn und Jakob Friedrich Fries. Auch der Dichter der Deutschen Nationalhymne August Heinrich Hoffmann von Fallersleben darf zu den Antisemiten gezählt werden. Jakob Friedrich Fries, bei dem Karl Marx 1841 promovierte hatte, forderte, dass die "Judenkaste mit Stumpf und Stiel ausgerottet" werden solle. ( Aly, Seite 63) Damit meinte er nicht die Ermordung der Juden, sondern die Blockierung des weiteren Zuzuges derselben sowie Heiratsbeschränkungen, berufslenkende Maßnahmen und die Integration jüdischer Kinder in christliche Schulen. Es ging ihm also eher um die Vernichtung des Judentums, nicht um die Ermordung der Menschen. Aber, und das legt die Lektüre von Alys Buch nahe, Worte sind interpretierbar, und es ist kein weiter Weg von der einen zur anderen Deutung.
Der Antisemitismus war von Ressentiments geleitet
Der europäische Antisemitismus hat seine eigentliche Grundlage selbstverständlich in der Tradition des Christentums. Daran zweifelt auch Aly nicht. Aber diese konstante Strömung unterliegt historischen und situationsbedingten Schwankungen. Die Deutschen des 19. Jahrhunderts hatten gewaltige gesellschaftliche Umbrüche zu bewältigen: Von der Agrarwirtschaft zum Industriestaat, vom analphabetischen Landarbeiter zum gebildeten Angestellten. Aufstieg durch Bildung war die Losung. Die jüdische Bevölkerung war für diesen Wettbewerb besser gerüstet; sie waren schneller, intelligenter, flexibler. Sie machten die besseren Schulabschlüsse, besetzten die höheren Positionen. Kurz: Sie weckten den Neid der trägeren und minderbegabten christlichen Bevölkerung. Der grundsätzlich vorhandene christliche Antisemitismus erhielt sozusagen eine pragmatische Komponente: Er vermengte sich ununterscheidbar mit dem gewöhnlichen Sozialneid.
Eine unheilvolle Mischung
Aly erkennt durchaus an, dass der Sozialneid der christlichen Deutschen auf die jüdischen Deutschen nicht die einzige Ursache für die Zuspitzung der Lage war. Vieles kam zusammen: Die religiöse Differenzierung, der Biologismus und die Rassenlehre, die Destruktivität des Kapitalismus, der sogenannte jüdische Finanzkapitalismus, der erste Weltkrieg, die Sehnsucht nach dem Kollektivismus, der kontraproduktive Vertrag von Versailles, die Weltwirtschaftskrise, die Fehleinschätzung Hitlers. Voraussetzung für die Schoah war allerdings der Wahlerfolg der Nationalsozialisten. Und es ist kein Zufall, dass gerade die Partei, die ihr Wahlprogramm konsequent auf den Antisemitismus gründete, diesen Erfolg verbuchen konnte. Der Baum des Antisemitismus, der viele Jahrzehnte lang vom Sozialneid genährt wurde, trug in dieser Wahl Früchte. Es ist wohl so, dass die Mehrheit der Deutschen die Ermordung der Juden - hätte man sie um Erlaubnis gefragt - nicht bewilligt hätten. Es ist aber auch so, dass viele von ihnen es gut fanden, den Juden einen Denkzettel zu verpassen. Auch waren sie in einer Mischung von Unaufrichtigkeit und Gewinnstreben bereit, die Vorteile aus der Enteignung der Juden zu genießen.
Nietzsche, Scheler, Sartre und Frisch bestätigen Alys Auffassung
Im Nachkriegsdeutschland wurde zur Erklärung der Schoah "oft auf autoritäre deutsche Traditionen verwiesen, auf Kadavergehorsam und Untertanengeist." (Aly, Seite 57) Aly zeigt, dass diese Auffassung zumindest zu einfach ist. Der Antisemitismus der deutschen Bevölkerung war keineswegs auf Menschen beschränkt, die dem Kadavergehorsam frönten und zum Untertanengeist neigten. Auch Freidenker und Revoluzzer waren damit infiziert. Man denke nur an Richard Wagner, der sowohl in künstlerischer als auch in sozialer Hinsicht zu den Revolutionären gerechnet werden muss. Auch Hitler war kein Untertanengeist. Er hatte künstlerische Ambitionen und war ein glühender Wagnerverehrer. Was die Antisemiten vereinte, war das Ressentiment. Schon Nietzsche hat den Antisemitismus Wagners als von Ressentiments geleitet entlarvt. Aly selbst weist auf Schelers Werk "Das Ressentiment im Aufbau der Moralen" hin, und Jean-Paul Sartre liefert in seinem Buch "Überlegungen zur Judenfrage" eine Analyse des Antisemiten, welche Alys Darlegungen der Tendenz nach bestätigt. Auch Max Frischs "Biedermann und die Brandstifter" sollte in diesem Kontext nicht vergessen werden.
Quellen:
- Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden?, S. Fischer, Frankfurt am Main, 2011, 352 Seiten, 22,95 Euro
- Bild-Quelle: Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden?,http://www.fischerverlage.de/
- Heilige Schrift, Martin Luther
