Warum die Gedanken frei sind und sich notfalls ihren Lauf bahnen

Den Gedanken freien Lauf lassen - Claudia Hautumm / pixelio.de
Den Gedanken freien Lauf lassen - Claudia Hautumm / pixelio.de
Die Geschichte zeigt, man kann einen Menschen brechen, nicht aber seine Gedanken. Das Volkslied "Die Gedanken sind frei" ist deshalb immer aktuell.

"Unser Leben ist das Produkt unserer Gedanken“. Das sagte schon vor fast zweitausend Jahren Mark Aurel (römischer Kaiser, 121-180 n. Chr.). Und in der Tat haben Gedanken eine immense Macht über den Menschen. Sie formen ihn ideologisch und geben jene Richtung vor, die sein (Lebens-) Weg dann nehmen wird. Gedanken sind nicht an Ort und Zeit gebunden. Sie prüfen den Zeitgeist allenfalls und ziehen ihre Schlüsse daraus. Bei politischer Unterdrückung und Verfolgung bahnen sich Gedanken ihren Weg, sei es mit Schweigen, sei es mit Auflehnung.

Als Sophie Scholls Vater im August 1942 wegen hitlerkritischer Äußerungen inhaftiert wurde, stellte sie sich abends an die Gefängnismauer und spielte ihrem Vater auf der Flöte das Lied "Die Gedanken sind frei“ vor. Oder sechs Jahre später: Auf dem Höhepunkt der Berliner Blockade 1948 hielt Ernst Reuter (erster regierender Bürgermeister des geteilten Berlins) vor über 300.000 Berlinern vor der Ruine des Reichstagsgebäudes seine Rede, in der er an "die Völker der Welt“ appellierte, die Stadt nicht preiszugeben. Spontan erklang aus der Menge unter anderem auch das Lied der Gedankenfreiheit.

Wer kann schon Gedanken erraten

In der Fassung von 1800 hat das Lied der freien Gedanken sechs Strophen, wohingegen es in der heutigen Fassung fünf hat. Die letzte Strophe der ursprünglichen Fassung verdeutlicht sehr plastisch, dass Gedanken eben nicht eingesperrt werden können, auch wenn es ihr Träger ist: Ja fesselt man mich / im finsteren Kerker, / so sind doch das nur / Vergebliche Werke. / Denn meine Gedanken / Zerreißen die Schranken / Und Mauern entzwei: / Die Gedanken sind frei. Sicherlich ist es möglich, die Gedanken eines Menschen an seiner Mimik und Gestik zu erraten, doch eher nur oberflächlich. Was tiefer in ihnen verborgen liegt, das verschließt sich dem Beobachter. Gedanken fliehen vorbei wie nächtliche Schatten, heißt es in der ersten Strophe des Liedes. Wer kann nächtliche Schatten schon festmachen und erkennen, als wer sich der Schatten entpuppt.

Wenn Gedanken nicht frei sein dürfen

Wenn Gedanken nicht frei sein dürfen, weil sie der Ideologie von Staat und Gesellschaft nicht entsprechen und zuwider laufen, was es zu allen Zeiten gab und auch heute gibt, bahnen sie sich ihren Weg anders. Sie dringen nicht als Worte nach außen. Stattdessen manifestieren sie sich in ihrem Träger, Inhaber und geben ihm ein Gesicht, spiegeln sich wider. Die Gedanken drücken sich samt und sonders in seiner Entfaltung aus. Auch dafür steht eine Strophe der ursprünglichen Fassung von "Die Gedanken sind frei“ Pate, nämlich die erste : Beleget den Fuß / mit Banden und Ketten / Dass von Verdruss / Er sich kann nicht retten, / So wirken die Sinnen, / Die dennoch durchdringen. / Es bleibet dabei: / Die Gedanken sind frei.

Gedanken haben Macht

Von Buddha gibt es eine Weisheit, die besagt: "Wir sind, was wir denken. Alles, was wir sind, entsteht in unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken machen wir die Welt“. Es stimmt: Was jemals geschaffen wurde in der Welt, ist immer erst einmal ein Gedankengerüst gewesen und nimmt nach und nach Form und Gestalt an. Für Menschen, die an ein Fortbestehen nach dem Tod glauben, steht fest, dass die Gedanken, die sie zu Lebzeiten beschäftgit haben, es auch danach tun werden. Das bedeutet, das Wesen eines Menschen bleibt bestehen. Hat der Mensch seinen Gedanken Freiheit gelassen, sie nicht untergeordnet, weder dem Zeitgeist noch einer fremden Ideologie, sein "Wünschen und Begehren von niemand verwehren" lassen, wie es in der zweiten Strophe formuliert ist, wird er dieses Ansinnen auch beibehalten. Er wird Ausschau halten nach Gleichgesinnten. Gedankenfreiheit, als das Resultat von „Die Gedanken sind frei“, ist das höchste ideelle Gut, das ein Mensch besitzen kann. Darüber bestand zu keiner Zeit Zweifel.

Quellenangabe: Sinngedichte

Annelore Poljasevic, Annelore Poljasevic

Annelore Poljasevic - Ich bin 1952 im mittelalterlichen Rothenburg ob der Tauber geboren und habe (weil es sich so ergeben hat) den nüchternen Beruf der ...

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