Warum die Pygmäen derart klein sind

Die Pygmäen hören früh auf zu wachsen, damit sie früher ins gebärfähige Alter kommen.

In den Regenwäldern West- und Ostafrikas leben Völker wie die Aka, die Efe

und die Mbuti, für die sich die zusammenfassende Bezeichnung "Pygmäen"

eingebürgert hat. Das Auffälligste an ihnen ist ihre geringe Körpergröße:

Die Männer erreichen höchstens 1,55 Meter, und die meisten Frauen bleiben

unter 1,50 Meter. Bisher hat man die geringe Körperlänge der Pygmäen als

eine Anpassung an die Verhältnisse ihres tropischen Lebensraumes erklärt.

Unter anderem hat man darauf hingewiesen, dass Kleinwüchsigkeit ein

erheblicher Vorteil ist, wenn es darum geht, im Dickicht des Regenwaldes

schnell voranzukommen, Hungerzeiten zu überstehen und der Gefahr der

Überhitzung zu trotzen - denn je größer die Körperoberfläche im Verhältnis

zur Körpermasse ist, desto mehr Wärme wird abgegeben.

Warum die herkömmlichen Erklärungen nicht überzeugen können

Diese Erklärungen klingen plausibel. Es gibt allerdings Fakten, die mit ihnen schlecht zu

vereinbaren sind. So gibt es durchaus afrikanische Pygmäen-Völker, die sich

in Regionen niedergelassen haben, wo es weder eine dichte Bewaldung noch ein

feucht-warmes Klima gibt. Des weiteren gibt es Völker wie beispielsweise

die Massai, die eindeutig zu den Hünen zählen, obwohl sie genauso häufig mit

einem überaus knappen Nahrungsangebot auskommen müssen. Und schließlich sind

Menschengruppen mit Pygmäen-Statur keineswegs auf den afrikanischen

Kontinent beschränkt. Es gibt auch etliche auf den Andamanen, in Malaysia,

Thailand, Indonesien, Papua-Neuguinea, auf den Philippinen, in Brasilien und

Bolivien.

Die Pygmäen sterben früh - sind dafür aber viel früher ausgewachsen

Doch es gibt eine weit bessere Erklärung. Kürzlich haben die britische Anthropologin

Andrea Migliano (Universität Cambridge) und ihr

Team die Körpergröße, die Fruchtbarkeit und die Lebenserwartung verschiedener

kleinwüchsiger Populationen aus Afrika und von den Philippinen analysiert. Dabei

sind die Wissenschaftler zu erstaunlichen Erkenntnissen gelangt. Sie

berichten darüber in den "Proceedings of the National Academy of Sciences

(Vol. 104, No. 51, S. 20216-20219). Demnach haben die Pygmäen überall auf der Welt

sowohl im Kindes- als auch im Erwachsenenalter eine erschreckend niedrige

Lebenserwartung. Bei Neugeborenen beträgt sie knapp 25 Jahre, und es gibt

sogar Völker, bei denen Neugeborene nur mit einer Lebensspanne von weniger

als 20 Jahren rechnen können. Von den Pygmäen-Kindern erreichen allenfalls

ein Drittel bis die Hälfte das 15. Lebensjahr, während es bei

ostafrikanischen Hirtenvölkern wie den Turkana, Ache oder !Kung bis zu drei

Viertel sind. Für das Erwachsenenalter gilt im Wesentlichen das Gleiche.

Andrea Migliano und ihre Mitarbeiter haben außerdem herausgefunden, dass

Pygmäen-Kinder genauso schnell wachsen wie ihre Altersgenossen in Europa,

Amerika oder Asien. Es gibt allerdings einen erheblichen Unterschied: Spätestens im

Alter von 13 Jahren hören die jugendlichen Pygmäen auf zu wachsen. Warum?

Hierauf, behauptet Andrea Migliano, gibt es nur eine schlüssige Antwort.

Früh ausgewachsen zu sein, bringt eine vorzeitige körperliche Reife mit

sich. Das bedeutet, dass die Frauen viel eher ins gebärfähige Alter kommen

und ihr erstes Kind einige Jahre eher zur Welt bringen können. Auf diese

Weise haben es die Pygmäen geschafft, trotz extrem hoher Sterberaten zu

überleben.