„Fenster der Vergangenheit“, so hat Pastor Dirk Leiendecker in irgendeiner spontanen Situation das von Archäologen zu verantwortende Loch im Erdreich seiner Petrikirche benannt, das seit Mitte Dezember 2008, von einem Fenster dicht verschlossen, den Blick auf ein paar im Boden liegende Findlingsbrocken gewährt. Es ist schon erstaunlich: Vier, fünf größere Steine liegen da in 1 ½ Meter Tiefe herum, und schon soll die ganze Geschichte um- und neu geschrieben werden. Denn schließlich hat es immer geheißen, allein der Turm der ersten Versmolder Pfarrkirche sei aus Stein gewesen, und der klägliche Rest ein bloßes Fachwerk. Nun jedoch heißt es, dass kein vernünftiger Mensch auf ein solches Fundament irgendwelche bloßen Holzbalken gelegt hätte, und das stimmt vermutlich auch. Fortan dürfen wir also annehmen, dass die erste kleine Versmolder Kirche aus Stein gewesen ist.
Zeitlich datiert wird sie ins 11. Jahrhundert, denn aus eben diesem 11. Jahrhundert gibt es eine Urkunde, in der Versmold ein „Kirchspiel“ genannt wird. Ein Kirchspiel war eigentlich beides: religiöser und gleichermaßen weltlicher Raum des täglichen Erlebens. Und der Kirchspielspfarrer war gleichfalls beides: Seelsorger und weltlicher Verwalter seines Gemeindegebietes. Oftmals war ja der Pfarrer der einzige am Ort, der des Lesens und Schreibens kundig war, er war derjenige, der weltliche Verfügungen von der Kanzel abkündigte, er war Schreiber und Notar für alles, was aufgeschrieben werden sollte, und zudem finden wir ihn als Zeugen für all das, was im Rahmen irgendeiner Beurkundung bezeugt werden musste.
Zwischen Münster und Osnabrück
Wer nun hat diese erste Kirche an diesen Ort gesetzt und damit die Grundlagen für ein Gemeinwesen geschaffen, das wir heute „Versmold“ nennen? Wann hat wer das getan, und warum hat man hier überhaupt eine Kirche platziert?
Nun, ein Projekt der Gläubigen war die Errichtung eines Kirchspiels Versmold wohl kaum. Wir müssen dieses Ereignis vielmehr als eine Art politisch-administrativen Akt verstehen, dessen Folgerichtigkeit sich nur im regionalen Zusammenhang erschließt. Versmold und seine nördlichen Nachbargemeinden waren Teil eines Landstriches, der als Gau „Suderberge“ bekannt war. Wie ein Puffer lag dieser Gau zwischen den Bistümern Osnabrück und Münster, und beide Bistümer engagierten sich in ihren Interessensgebieten für das, was auch ihre Kernaufgabe war: Die christliche Mission. Starre, klar definierte territoriale Grenzen jedoch waren im Kern noch gar nicht angelegt, weswegen beide Bistümer durchaus ambitioniert waren, ihre Interessensphären noch ein wenig auszudehnen.
Aus naturräumlicher Perspektive war zumindest das münstersche Engagement im engeren Versmolder Raum nur vernünftig: Es ist ja letztlich gar nicht einzusehen, warum das Bistum Osnabrück jemals den Teuto überschritten und sein Einflussgebiet auf Landstriche ausgedehnt hat, die eigentlich zur münsterschen Bucht gehören. Gleichwohl überwand das Bistum Osnabrück diesen naturräumlichen Grenzpunkt und errichtete südlich der Berge („Suderberge“) verschiedene Kirchspiele, von denen das zentrale wohl das Kirchspiel Laer gewesen ist. Das Glandorfer Gebiet gehörte noch bis zum 13. Jahrhundert zum Zuständigkeitsbereich Laers, ebenso wie übrigens die Altgemeinde Hilter lange zum Kirchspiel Dissen zählte, das gleichfalls früh angenommen werden muss. Im Süden der beiden Kirchspiele finden wir schließlich den Versmolder Raum, das spätere Kirchspiel Versmold, das wie ein Keil in den münsterschen Raum hineinragt.
Nun scheinen die Siedlungen Laer und Dissen um einiges älter als Versmold zu sein, dafür spricht zumindest ihre deutlich frühere Erwähnung. Als „Lodere“ finden wir Laer bereits im Jahre 851 n. Chr. urkundlich erwähnt, und für die älteste Erwähnung Dissens im Jahre 895 n. Chr. spricht einiges. Versmold nun wird erst im 11. Jahrhundert, also deutlich später erwähnt als Dissen und Laer, weswegen angenommen werden sollte, dass die beiden Ortschaften die eigentlichen Ausgangspunkte Osnabrücker Administration südlich des Teuto waren. Versmolder Gebiet wäre demnach zunächst von den beiden Kernkirchspielen Dissen und Laer versorgt worden, bis die Besiedlungsdichte ausreichte, hier einen eigenen kirchlichen Stützpunkt anzulegen.
Ein "Kind" der Osnabrücker Mission
So könnte das Kirchspiel Versmold als eigenständiges „kommunales“ Wesen entstanden sein, als Kind Osnabrücker Mission, das im 11. Jahrhundert groß genug geworden war, um fortan eigenständig zu existieren. Die enge Anbindung an die beiden älteren Kirchspiele Laer und Dissen jedoch blieb zunächst noch erhalten. Dafür gibt es übrigens einen nachhaltigen, in Stein gehauenen Beleg: Der Wehrturm der Petrikirche nämlich, der spätestens im 11. Jahrhundert entstanden sein muss, weil Versmold ohne Kirche kein Kirchspiel hätte sein können, ist aus Laerer Piepstein errichtet worden. Übrigens wird auch der mächtige Kirchturm von St. Marien zu Bad Laer ins 11. Jahrhundert datiert. Auch er ist natürlich aus Piepstein errichtet worden und es ist gut möglich, dass die beiden Großbauten parallel zueinander und womöglich in geordneter Abstimmung erfolgten.
