
- Stephan Grünwald, Deutschland auf der Couch, Heyne - Heyne Verlag, 2007, ISBN 978-3-453-62019-3
Der Autor Stephan Grünwald ist ausgebildeter Diplompsychologe und Psychotherapeut. 1987 war er Mitbegründer des “rheingold” in Köln, ein Institut zur psychologischen Wirkungsforschung. 170 psychologisch geschulte Mitarbeiter untersuchen dort aufgrund der morphologischen Psychologie Einflussfaktoren, die das menschliche Handeln bestimmen. Zweckdienlich zur Kultur-, Markt- und Medienerforschung auf fachwissenschaftlichem Niveau.
Die genutzte Methode ist das psychologische Tiefeninterview, das zweistündig Verhaltensstrukturen und Bedürfnisbereiche der Befragten aufdeckt. Nach Angaben des Autors schrieb er gestützt auf Erkenntnisse aus über 20 000 Tiefeninterviews des rheingold 2006 dieses Buch, das den psychologischen Blick auf die Deutschen beschreiben soll.
Der Verrat am Paradies der Neunziger
Stephan Grünwald stützt sich in der psychologischen Sezierung deutscher Befindlichkeit auf seine These, das die Deutschen in den neunziger Jahren eine Idealvorstellung vom Leben mit paradiesischen Zügen entwickelt haben. Die Lebenswahrnehmung war davon beeinflusst, beruflich oder privat ständig neu anfangen zu können. Ein nie endender Strom unendlicher Möglichkeiten.
Die Deutschen haben sich in den Neunzigern psychisch an die materielle Rundumversorgung gewöhnt, an ausgefüllte Freizeit und jährliche Reisen. Das Leben wurde nicht mehr als Kreislauf mit Höhen und Tiefen gesehen, sondern als Rahmen, in dem alles möglich ist. Schmerz, Hinfälligkeit, Alter und Tod passte nicht mehr in das neue Lebensideal. Jede schicksalsgeprägte Einschränkung soll der Vergangenheit angehören, was nicht passt, wird passend gemacht. Dieses Ideal verrät sich nun selbst, da es nicht hält, was es versprach.
Der Stillstand ewig Jungsüchtiger
Der Autor beschreibt eine Gesellschaft, die ewig jung bleiben will, als unreif. Die Deutschen wandeln und entwickeln sich nicht mehr. Sie mögen keine Risiken auf sich nehmen und sich beherzt den Unwägbarkeiten des Schicksals stellen. Es fehlt ihnen die Leidenschaft, im innersten Kern ihrer psychologischen Grundeinstellung bevorzugen sie den Stillstand.
Wer sich nicht bewegt, vermeint auch nichts falsch machen zu können. Eine fatale Fehleinstellung, wertet der Autor. Deutsche begegnen der Welt mit großer Gleichgültigkeit, Unmittelbarkeit und Schmerzlichkeit des Erlebens wird abgelehnt. Grünwald beschreibt, wie viele Deutsche ihr Leben am liebsten wie ein Fernsehspiel erleben würden, um die unbequemen Elemente einfach mit einer Fernbedienung wegzappen zu können.
Coole Gleichgültigkeit ersetzt lebendige Leidenschaft
Ein Vorteil deutscher Gleichgültigkeit sieht der Psychologe in gesteigerter Flexibilität und Toleranz. Nicht mehr nur ein Lebensentwurf oder Glaube zählt, das Leben wirkt entideologisiert und von Richtwerten befreit. Doch mit dem Ablegen der Leidenschaft hat der coole Deutsche seinen primären seelischen Antrieb abgewürgt und findet kein Ziel mehr, das sich lohnt.
Grünwald bemängelt, das vielen Deutschen die innere Mission fehlt, das Kernmotiv, für das sich Einsatz, Opfer und Schmerzen lohnen. Durch gleichberechtigte Austauschbarkeit und endlos viele Optionen bleibt die Beweglichkeit auf der Strecke und man tritt ewig nur auf der Stelle.
Sehnsucht der Deutschen nach Orientierung
Viele Deutsche befindet sich in einem emotionalen Zustand der überdrehten Überforderung, beschreibt der Autor. Er stellt fest, das viele Menschen sich nach verbindlichen Orientierungen und einer Hierarchisierung des Lebens sehnen, letztendlich nach Einschränkung der Möglichkeiten auf überschaubar Machbares. Sie suchen nach Leitlinien, Sinnperspektiven, die auch Kindern vermittelt werden kann.
Weder Politik, Religion noch Philosophie bieten derzeit attraktive Leitbilder, urteilt Grünwald in seinem Buch. Menschen spüren aufgrund der sich verschärfenden gesellschaftlichen Krisen einen ungeheuren Veränderungsdruck, doch fehlt ihnen die Richtung.
Die Deutschen trauen sich nicht deutsch zu sein
Deutsche tun sich schwer damit, ein visionäres Leitbild für ihre Gesellschaft zu entwickeln, beurteilt Stephan Grünwald die Gesamtsituation. Er beschreibt, das Deutsche nach den verheerenden geschichtlichen Ereignissen vor begeisternden Visionen Angst haben. Die Leidenschaft fällt dem kollektiven Schuldgefühl zum Opfer.
Große Zukunftsentwürfe und die damit verbundene Aufbruchstimmung werden als uncool und gefährlich erlebt. Sie widersprechen dem Prinzip souveräner Gleichgültigkeit. Deutsches Wir-Gefühl und nationale Kraftentfaltung ängstigen und beschwören das Gespenst vom blinden Nationalismus. Stillstand mit Gewissheit ziehen die Deutschen dem Aufbruch ins Ungewisse vor.
Zur Lesbarkeit des Buches
Der Diplompsychologe Stephan Grünwald wertet die Deutschen als “behindertes Kunstwerk” und legt den Finger in jede offene Wunde. Er analysiert das mediale Verhältnis, die Berieselungsmentalität, das tragische Warten auf sich nicht selbsterfüllendes Glück. Mit präziser Scharfzüngigkeit beschreibt er die Renteneintrittsgeneration, die sich innerlich abgeschaltet in Selbstbespiegelung und vorhandener oder herbeierzählter Krankheit einigelt. Im Kontrast dazu den Lederjackenopa, der ewig seine Vitalität beweisen will.
Es ist ein kritisches Buch, ein entblößendes, ehrliches Analysieren. Der Autor scheut sich nicht, den Deutschen schwindende Alltagskompetenz zu bescheinigen und begründet plausibel sein Urteil. Es ist keine einseitige Schmähschrift, auf 234 Seiten im handlichen Taschenbuchformat wird pro und contra erläutert, nicht nur die Problematik als solche beschrieben, sondern auch Entwicklungschancen und Perspektiven Raum gegeben. Ein interessantes Buch mit vielen Fallbeispielen und medialen Bezügen, das sich zu lesen lohnt.
Stephan Grünwald, “Deutschland auf der Couch Eine Gesellschaft zwischen Stillstand und Leidenschaft”, 2007, Heyne Verlag, München, 234 Seiten, 7,95 Euro
