
- Müller-Walde: Warum Jungen nicht mehr lesen... - Campus Verlag
Die Autorin Katrin Müller-Walde ist Fernsehjournalistin und moderierte von 1994 bis 2000 die Hauptausgabe der ZDF-Nachrichtensendung heute. Die eigenen Erfahrungen mit ihrem ungern lesenden Sohn brachten sie auf die Idee, dieses Buch zu schreiben.
In „Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können“ analysiert sie die Gründe für die Leseunlust der Jungen und zeigt, wie Eltern ihre Söhne zum Lesen motivieren können. Das Buch ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil stellt die Autorin die Frage, warum Jungen nicht mehr lesen und beantwortet diese sehr ausführlich in sieben Kapiteln.
Große Konkurrenz für das Buch
Auch früher schon haben Jungen weniger gern zum Buch gegriffen als Mädchen. Doch heute kommt die große Konkurrenz durch verschiedene Medien hinzu, die das Buch als nötigen Geschichtenlieferanten völlig ausschalten. Heute hat man einen Fernseher, in dem man sich einen spannenden Film anschauen kann oder einen Computer, auf dem man mithilfe zahlreicher Spiele selbst zum Helden werden kann.
Da erscheint es unattraktiv, sich durch ein 300 Seiten dickes Buch zu „quälen“. Doch die Aufnahme durch die Medien kann den komplexen Vorgang des Lesens, bei dem das Gehirn viel mehr gefordert wird, nicht ersetzen. Diese mediale Entwicklung hat zur Folge, dass Jungen heute zunehmend über mangelnde Lesekompetenz verfügen.
Besondere Lesebedürfnisse der Jungen
Ein weiteres Problem sieht Müller-Walde darin, dass die im Schulunterricht besprochene Lektüre oder das, was von der Allgemeinheit als „gutes Buch“ bezeichnet wird, überhaupt nicht den Lesebedürfnissen von Jungen entspricht. Jungen lesen gerne Science Fiction, Horror- und Abenteuergeschichten. Der allgemeinen Auffassung von „guter Literatur“ entspricht aber eher Goethes „Leiden des jungen Werther“ oder Thomas Manns „Die Buddenbrooks“.
Lesekompetenzfenster
Mit solchen Titeln kann man Jungen allerdings nicht zum Lesen bringen. Damit sie in der Schule und im späteren Berufsleben nicht untergehen, müssen sie jedoch lesen und lernen, mit Texten qualifiziert umzugehen. Welche Literatur sie sich dafür aussuchen, ist zweitrangig. Das „Lesekompetenzfenster“ schließt sich zwischen dem 13. und 15. Lebensjahr. Wer bis dahin mit Büchern keine positiven Erfahrungen gemacht hat, lernt den Umgang mit Texten nicht mehr. Es gilt also, die Zeit bis dahin zu nutzen.
Kein Fernseher im Kinderzimmer
Im zweiten Teil gibt Katrin Müller-Walde deshalb Ratschläge, wie Eltern ihre Söhne für das Lesen motivieren können. Ein wichtiger Punkt ist für sie, dass Eltern mit gutem Beispiel vorangehen und selbst lesen, auf Jungen haben vor allem männliche Leseratten wie lesende Väter oder Großväter eine positive Wirkung. Des Weiteren sollten Fernseher grundsätzlich nicht in einem Kinderzimmer stehen, wenn doch, müssen die Fernsehzeiten genau überwacht werden. Außerdem regt sie an, das Buch beim Kofferpacken für den Urlaub nicht zu vergessen, denn Ferienzeit sollte bewusst als Lesezeit genutzt werden.
Konkrete Lektüreempfehlungen
Der dritte Teil beinhaltet dann konkrete Lektüreempfehlungen für Jungen. Dafür hat Katrin Müller-Walde zahlreiche Jungen im Alter von 12 bis 18 Jahren nach ihrer Lieblingslektüre befragt. Das Ergebnis ist eine Liste mit 50 Lesetipps, auf der neben „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ auch „Der Medicus“ von Noah Gordon, „Die Schuld“ von John Grisham oder „Nichts als die Wahrheit“ von Dieter Bohlen zu finden sind. Bewertet wurden die Bücher jeweils nach Spannung, Humor, Action und Tiefe. Überraschend bei dieser Auflistung ist vor allem die große Bandbreite an Titeln.
Man merkt dem Buch an, dass die Autorin intensiv recherchiert hat und dass ihr das Thema am Herzen liegt. Allerdings kann man nicht behaupten, dass die ersten beiden Teile wirklich neue Erkenntnisse bringen. Für verzweifelte Mütter und Väter, die ihre Söhne zum Lesen bringen möchten, ist der Ratgeber aber sicher eine lohnende Investition, bietet er doch einige hilfreiche, praktische Tipps. Da das Buch vergriffen ist, bietet der Verlag auf seiner Homepage die Möglichkeit an, ein PDF des gesamten Werkes für Euro 16,91 herunterzuladen.
Katrin Müller-Walde: Warum Jungen nicht mehr lesen und wie wir das ändern können. Mit 50 Lesetipps von Jungs für Jungs. Campus Verlag 2005. Hardcover, 239 Seiten. Euro 19,90.
