Warum können Worte wie Schläge sein?

Worte wie Schläge - verbale Gewalt - 267468RB by Harry Hantumm 2008
Worte wie Schläge - verbale Gewalt - 267468RB by Harry Hantumm 2008
Verbale Gewalt in menschlichen Beziehungen ist ein Machtinstrument. Ursachen, Formen und Auswege für Opfer sprachlicher Misshandlungen.

Körperliche Gewalt wird schnell sichtbar. Doch viel weniger bewusst nehmen Menschen die vielfältigen Formen verbaler Gewalt zur Kenntnis. Folgen sprachlicher Misshandlung sind weniger augenfällig. Doch quälen die entstehenden psychischen und seelischen Wunden die Betroffenen nachhaltig.

Formen der verbalen Misshandlung

Opfer misshandelnder Worte werden subtil erniedrigt. Sie werden durch wortgewalttätige Wutausbrüche, kalte Gleichgültigkeit oder unangemessenes Überlegenheitsgehabe schmerzhaft verletzt. Mit bissigem Sarkasmus, Verhöhnungen, gezieltem Druck oder übertriebenen Forderungen werden sie verhöhnt und der Selbstwert destabilisiert. Häufig leiden verbal misshandelte Menschen still, da sie keine äußerlichen Spuren haben, die ihre Wirklichkeit beweisen.

Die Realität von Betroffenen hat viele Schattierungen. Da sich die Verursacher verbaler Schläge oft zu Opfern stilisieren, ist diese Gewaltform verwirrend. Zumeist sind es sehr nahestehende Menschen, Partner, Verwandte, Freunde oder Kollegen, die durch sprachliche Verletzungen die Würde des sprachlich Angegriffenen herabsetzen. Je enger die Beziehung des Opfers zum Täter ist, um so weniger gelingt Betroffenen eine realistische Einschätzung des Geschehens. Schuldzuweisungen, Unsicherheit und Angstgefühle verkomplizieren die Erkenntnis der Tat, wenn Worte tiefe Verletzungen verursachen.

Die Ursachen verbaler Misshandlung

Werden Worte zu Gewaltmitteln, so ist dies ein Ausdruck von Aggression. Eine Verhaltensform, die nicht normal und duldbar ist. Personen, die sprachliche Aggressionen verwenden, fehlt die Achtung und der Respekt vor den Opfern. Wer seine Mitmenschen sprachlich misshandelt, beweist charakterliche Missbildung und will auf diesem Wege dominieren. Häufig sind psychopathische Persönlichkeitsstörungen eine Ursache für dieses Verhalten.

Werden Worte misshandelnd, so will der Täter sein Opfer effektiv erniedrigen. Rücksichtslos und zielgerichtet soll der Betroffene seine psychische Stabilität verlieren, um somit aggressiv untergeordnet und geschwächt zu werden. Die Verwendung verbaler Gewalt ist weder entschuldbar noch aus der Situation heraus erklärbar. Wer Worte zu Aggressionsmitteln macht, zeigt extrem unsoziales Verhalten. Er will Macht über sein Opfer gewinnen und es dominieren. Die Gefährlichkeit sprachlicher Aggressoren darf nicht unterschätzt werden. Verbale Täter sind charakterschwach und neigen zur Anwendung körperlicher Gewalt.

Sprachliche Gewalt als Machtinstrument

Jede Form sprachlicher Aggression kann die psychische und seelische Verfassung des Betroffenen beeinträchtigen. Verbal Misshandelte werden in ihrer Menschenwürde tief verletzt. Psychische Schmerzen und seelische Wunden heilen langsam. So geht es bei verbaler Misshandlung immer darum, die Opfer zu beherrschen, Macht über sie zu erlangen. Diese Aggression kann offen oder versteckt sein. Kontinuierlich und über einen langen Zeitraum konstant. Sie kann jahrzehntelang das Miteinander von Menschen bestimmen und deformieren.

Sprachliche Gewalt wirkt “crazymaking” (verrücktmachend). Nur schwer können sich Opfer in engen Beziehungen zum Täter dieser Wirkung entziehen, da sie in einem Netz aus Verunsicherung, Verwirrung und Realitätsverlusten gefangen sind. Täter leugnen verbale Misshandlungen beharrlich und wenden sie häufig nur ohne Zeugen in aller Konsequenz an. Durch ihren zunehmenden Machteinfluss beherrschen sie das Opfer, welches den Täter oft noch nicht einmal als Ursache des zunehmenden Leidensdrucks erkennt.

Verbale Misshandlungen erkennen

Viele Lyriker beschreiben, wie verletzende Worte das Herz brechen, die Seele töten können. Doch woran können Betroffene erkennen, ob sie in einer Opfersituation gefangen sind. Schimpfworte sind die offenkundigste Art und Weise. Nur sind die sprachlichen Gewaltformen nicht immer so eindeutig. Oft finden sie im Verborgenen statt, steigern sich fast unmerklich und allmählich. Neben der Wortwahl werden die erniedrigenden Effekte durch Sprechweisen, Lautstärken, Betonungen und körpersprachliche Signale erzielt. Sie können verdeckt, indirekt und subversiv zerstörerisch wirken.

Auch werden verbale Misshandlungen immer weniger wahrgenommen, je länger sich der Gewaltprozess entwickelt hat. Durch Schuldzuweisungen und emotionale Versteckspiele wird der verbale Gewaltakt zunehmend verschleiert. Opfer übernehmen negative Sichtweisen, sehen sich häufig selbst als minderwertig und fühlen sich unbestimmt schlecht. Versuchen sie mit dem Täter über ihre Befindlichkeit zu sprechen, werden sie noch stärker erniedrigt und subversiv abgeblockt. So befinden sich Betroffene in einem Gefühlschaos und verlieren die Fähigkeit, den sprachlichen Gewaltakt als Ursache ihrer Verletzungen zu empfinden. Zumeist hilft nur konsequente Distanz, um eigenen Erfahrungen zu vertrauen und den Zusammenhang bewusst zu erkennen.

Checkliste für einen “verrücktmachenden” Zustand

In der Literatur zu verbalen Misshandlungen werden Checklisten angeboten, um Gewaltsituationen sprachlicher Art zu identifizieren. Zu den wichtigsten Aspekten dieser Listen gehört das Gefühl der Verunsicherung, Verlorenheit und Orientierungslosigkeit. Man erhält verbale Botschaften, mit denen man nicht umgehen kann. Schon die Anwesenheit des vermutlichen Täters irritiert. Das Gefühl, herumgeschubst, erniedrigt und bevormundet zu werden, verstärkt sich. Gedanken kreisen und ein unangenehmes Gefühl innerer Leere bestimmt den Alltag.

Oft haben Opfer verbaler Misshandlungen Fluchtgedanken, fühlen sich jedoch wie gelähmt. Sie empfinden so, als hätte man ihnen den Boden unter den Füßen weggezogen. Versprechen werden gebrochen, Hoffnungen erfüllen sich nicht. Verbale Misshandlung ist feindselige Aggression, die sich durch die schädigende Wirkung auf das Opfer auswirkt. Da der Täter sein für ihn erfolgreiches Verhalten nicht ändern wird, muss das Opfer handeln.

Werden Worte zu Waffen, kann ein Gespräch mit dem Täter kaum noch Wirkung zeigen oder eine Verbesserung für das Opfer erzielen. Nur konsequentes Handeln und somit das Beenden dieser schädlichen Beziehung kann das Opfer dauerhaft schützen. Findet verbale Gewalt in Partnerschaften statt, ist eine Trennung unvermeidlich.

Literaturquelle: Patricia Evans, Worte, die wie Schläge sind, 1997, Reinbek bei Hamburg, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 219 Seiten, 1490-ISBN 3 499 60571 6

Bildquelle: 267468 RB by Harry Hantumm 2008 _pixelio.de

Astrid Treumann, Astrid Treumann

Astrid Treumann - 1967 in Berlin geboren, habe ich dort als berufliche Grundlage Kunst und Germanistik studiert (Hochschulabschluss 1991). Meine berufliche ...

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