Warum legen Vögel gesprenkelte Eier?

Vogeleier sind in erster Linie deswegen mit Farbflecken bedeckt, um die Schale vor Bruchschäden zu bewahren

Die Mängel der herkömmlichen Erklärungen

Das Ei ist eine nahezu vollkommene Konstruktion der Evolution. Aber etwas ist merkwürdig: Immer wieder kommt es vor, dass Vögel Eier legen, die gesprenkelt sind. Warum ist das so? Weil Eier, die mit rotbraunen Flecken, Tupfern oder Punkten übersät sind, für Räuber viel schlechter zu erkennen sind. So lautet die Standard-Antwort der Zoologie. Diese Theorie ist zwar nicht ganz falsch, aber sie kann eine Reihe von Phänomenen nicht schlüssig erklären. Denn Vögel ein und derselben Art haben die merkwürdige Angewohnheit, manchmal stark pigmentierte Eier zu legen und manchmal welche, die wenig oder gar nicht pigmentiert sind. Außerdem ist schwer einzusehen, warum sich sogar Vögel den Luxus der Eifärberei leisten, die in gut geschützten Höhlen brüten oder ihre Nester sowieso mit den raffiniertesten Mitteln tarnen. Und schließlich: Meistens sind die Farbflecken nicht gleichmäßig verteilt, sondern sammeln sich an bestimmten Stellen.

Ist Kalzium rar, gibt es viele gesprenkelte Eier

Doch neuerdings gibt es eine alternative Erklärung. Sie stammt von den britischen Ornithologen Andrew Gosler und James Higham (Universität Oxford) sowie von James Reynolds (Universität Birmingham). Die Wissenschaftler untersuchten eine Kohlmeisenpopulation in "Wytham Woods", einem Naturschutzgebiet in der Nähe von Oxford. Dabei stießen sie auf einen unvermuteten Zusammenhang: Vogelmütter, die große Schwierigkeiten damit haben, genügend Kalzium für den Aufbau der Eierschalen aufzutreiben, produzieren am häufigsten dünnschalige, aber dafür kräftig gesprenkelte Eier. Dabei lagern sich die Pigmente nicht zufällig genau an jenen Stellen an, wo die Schale am dünnsten ist und am leichtesten bricht. Die Pigmente, schlussfolgern deshalb die Wissenschaftler, dienen in erster Linie dazu, das Ei zu stabilisieren und vor Bruchschäden zu bewahren. Das funktioniert deshalb so gut, weil der halb-kristalline Farbstoff Protoporphyrin erheblich elastischer ist als Kalk und wie ein Stoßdämpfer wirkt. Das Protoporphyrin hat noch einen weiteren Vorzug: Weil es reichlich Infrarotlicht ablenkt, verhindert es, dass das Ei durch das Sonnenlicht überhitzt wird und dann sehr viel Wasser durch Verdunsten verliert - wodurch der heranwachsende Embryo in tödliche Gefahr geraten könnte..

Doch nicht genug damit. Die Ornithologen entdeckten jede Menge Pigmente am stumpfen Ende der Eier. Das ist die Seite, auf der die Küken damit anfangen, die Schale aufzubrechen. Was das bedeutet, liegt auf der Hand: Wenn die Natur gesprenkelte Eier hervorbringt, dann auch deswegen, um den Küken beim Schlüpfen unter die Arme zu greifen.

Quelle:

Die Studie von Gosler, Higham und Reynolds ist in der Zeitschrift "Ecology Letters" (DOI: 10.1111/j.1461-0248.2005.00816.x) ) ) erschienen.