
- Gänseleben enden traditionell am 11. 11. - Claudia Lampert
An Martini geht es den Gänsen an den Kragen. Angeblich ist das Federvieh selbst schuld daran. Der Legende nach hatten sie nämlich im Jahr 371 den Heiligen Martin verraten. Damals war Martin noch nicht heilig. Er war auch noch nicht Bischof. Er war einfach ein einfacher Bruder und wollte das auch bleiben.
Die Gänse verrieten St. Martin mit ihrem Gezeter
Als die Bürger von Tours ihn unbedingt zum Bischof haben wollten, lehnte Martin Amt und Würden ab. Daraufhin verfielen die Bürger auf einen Trick: Ein Mann namens Rusticus bekniete Martin, nach Tours zu kommen, weil seine kranke Frau nur so geheilt werden könne. Martin erbarmte sich und folgte Rusticus, dessen Frau sich bester Gesundheit erfreute.
Als Martin die List durchschaute, flüchtete er sich in einen Gänsestall. Doch die Gänse konnten ihren Schnabel nicht halten und lockten mit ihrem Geschnatter die Bürger an. Diese entdeckten Martin und machten ihn ohne großes Procedere zum Bischof. Die verräterischen Gänse landeten im Kochtopf. So berichtet es die Legende. Vermutlich wurde die Geschichte aber nur erzählt, um das schlechte Gewissen etwas zu mildern, wenn am Matinstag das ganze Federvieh gerupft wird.
Der Gans wurden sagenhafte Heilkräfte nachgesagt
Tatsächlich hat der traditionelle Gänseschmaus am St. Martinstag am 11. November seine Wurzeln im Kreislauf des bäuerlichen Jahres. Denn an diesem Tag war nach altem Brauch die Jahrespacht fällig. Wer knapp bei Kasse war, der bezahlte statt in harter Münze in Naturalien: Zwei Sack Kartoffeln, ein halbes Schwein oder eben eine Gans.
Der fette Vogel wurde gerne angenommen. Erstens schmeckte er lecker, zweitens gaben seine Federn ein wunderbares Kopfkissen ab, und drittens hatte die Gans sagenhafte Heilkräfte. Ausgelassenes Gänsefett sollte Gicht kurieren, Gänseblut senkte angeblich das Fieber, und selbst Gänsekot war als Medikament begehrt: Er sollte Skorbut, Gelb- und Wassersucht heilen. Wer eine frisch gerupfte und von einem linken Flügel stammende Gänsefeder über einer Kerze verbrannte, die Überreste mit Wein vermischte und den Cocktail beherzt trank, der sollte vor Krämpfen geschützt sein.
An St. Martin begann die Fastenzeit vor Weihnachten - die Gänse mussten weg
Wer am Matinstag seine Gans nicht in Zahlung geben musste, verzehrte sie selbst. Denn am 11. November begann ohnehin die vierzigtägige Fastenzeit vor Weihnachten, und üppige Gelage waren bis auf weiteres verpönt. Wozu also alle Gänse durch den Winter füttern?
Am Martinstag endete auch das Gesindejahr – an diesem Tag wurden Mägde und Knechte ausbezahlt und in die Winterpause geschickt. (Wozu Mägde und Knechte durch den Winter füttern?) Wer Glück hatte, bekam noch eine fette Gans mit auf den Weg. Für die Gänse war es einerlei, warum ihnen der Hals umgedreht wurde. Federn lassen mussten sie am Martinstag so oder so.
