
- Dokumentation von Sprache und Kultur - RainerSturm/pixelio
Seit 1999 gibt es den Internationalen Tag der Muttersprache. Ausgerufen wurde er von der UNESCO und wird seither immer am 21. Februar begangen. Der Tag erinnert an die weltweite Sprachenvielfalt und soll die kulturelle Identität fördern. Denn Sprache ist nicht nur Kommunikationsmittel, sondern auch kulturelles Erbe.
Hälfte der 6.000 Sprachen vom Aussterben bedroht
Von den rund 6.000 bekannten Sprachen sind nach Einschätzung der UNESCO die Hälfte vom Aussterben bedroht. Der jährliche Gedenktag macht daher vor allem auf diejenigen Sprachen aufmerksam, die von weniger als 10.000 Menschen gesprochen werden. In einem regelmäßig aktualisierten "Atlas der Bedrohten Sprachen" teilt die UNESCO in Zusammenarbeit mit zahlreichen Sprachwissenschaftlern bedrohte Sprachen in fünf Kategorien ein.
Als unsichere Sprachen gelten die, die noch von den meisten Kindern einer bestimmten Kultur gesprochen werden, aber auf gesellschaftliche Teilbereiche reduziert sind, etwa nur zuhause gesprochen werden. Definitiv bedrohte Sprachen sind solche, die von Kindern nicht mehr als Muttersprache gesprochen werden. Stark bedrohte Sprachen werden noch von der Großelterngeneration gesprochen, von der Elterngeneration eventuell verstanden, aber definitiv nicht mehr mit den Kindern gesprochen. Extrem bedrohte Sprachen werden nur noch von der Großelterngeneration oder Urgroßelterngeneration gesprochen, wobei sie nicht mehr so geläufig ist, dass alle sie verstehen. Als ausgestorben gelten diejenigen Sprachen, die von niemandem mehr aktiv gesprochen werden.
Atlas der Bedrohten Sprachen
In der 2009 aktualisierten Ausgabe des "Atlas der Bedrohten Sprachen" werden rund 2.500 Sprachen – darunter auch 230, die seit 1950 ausgestorben sind – nach Name, Bedrohungsgrad und Region gelistet, in der sie gesprochen werden oder wurden. Zusätzlich zur konventionellen Printversion ist der Atlas auch online verfügbar und zeigt, dass 572 Sprachen vor allem in Nord- und Südamerika, Südostasien, Ozeanien und Afrika akut vom Aussterben bedroht sind. Darunter Akum, eine Sprache, die in Kamerun und Nigeria noch von etwa 600 Menschen gesprochen wird. Auch Hawaiianisch gilt als extrem bedroht und wird laut einer Erhebung aus dem Jahr 2000 von nur noch 1.000 Menschen aktiv gesprochen. Besonders schlecht steht es dagegen um Chuang, das einst in Kambodscha gesprochen wurde und jetzt keine aktiven Sprecher mehr aufweist.
Dass die Zukunft vieler Sprachen nicht gerade rosig ist, bestätigt auch die Kieler Sprachwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Mosel. "Weltweit werden heute etwa 6.000 Sprachen gesprochen. Doch diese Sprachenvielfalt, die gleichzeitig auch eine Vielfalt der Kulturen bedeutet, ist als Folge der seit dem Zweiten Weltkrieg rasant ansteigenden Globalisierung und Urbanisierung ernsthaft bedroht. Bis zum Ende des 21. Jahrhunderts werden 90 Prozent der heute gesprochenen Sprachen aussterben; denn immer mehr Menschen geben ihre Muttersprache zu Gunsten einer dominanten regionalen oder überregionalen Sprache auf und vermitteln sie nicht mehr ihren Kindern."
Dokumentation bedrohter Sprachen
Sprachwissenschaftler könnten das Sprachensterben nicht verhindern, doch könnten sie in Zusammenarbeit mit der Sprachgemeinschaft wenigstens einige der bedrohten, häufig schriftlosen Sprachen und Kulturen dokumentieren, so Mosel. Das Ziel einer solchen Sprachdokumentation sei, in Ton und Video den Gebrauch der Sprache festzuhalten und diese Sprachdaten so aufzubereiten, dass die Nachwelt die Sprache und den Inhalt der Ton- und Videoaufnahmen verstehen könne.
Wie das Aussterben einer Sprache im Einzelnen aussehen kann, erläutert Dr. Vera Szöllösi-Brenig von der Volkswagenstiftung, die das Programm "Dokumentation Bedrohter Sprachen" unterstützt:
"Die dramatische Entwicklung beginnt zum Beispiel damit, dass in einem Dschungeldorf am Amazonas der erste Fernseher mit dem Programm in Portugiesisch aufgestellt wird. Oder mit dem Bau einer Autobahn, eine bislang abgelegene Siedlung mit der nächsten Großstadt Hunderte von Kilometern entfernt verbindet. Plötzlich wird dann in dem Dorf nicht mehr nur eine einzige Sprache oder das bisherige indigene Sprachengemisch gesprochen, sondern eine andere Sprache wird wichtiger, dominanter, mächtiger. So mächtig, dass in der nächsten Generation die Eltern ihren Kindern nicht mehr ihre Muttersprache beibringen, sondern die, von der sie sich für ihre Kinder mehr Chancen versprechen.
Kulturelle Globalisierung und Sprachensterben
Daneben gab und gibt es auch Beispiele politischer Unterdrückung von indigenen Sprachen, die die Auslöschung einer Sprache zur Folge haben. Man denke nur an die repressive staatliche Schulpolitik in den USA ab 1893: Die Kinder der Sioux, Crees und Pawnees wurden damals systematisch ihren Eltern entrissen, in Internate eingewiesen mit dem strikten Verbot, auch untereinander ihre Muttersprache zu sprechen. General Franco ging in Spanien mit ähnlichen Maßnahmen fast erfolgreich gegen das Baskische vor, wie ja insgesamt in Europa ein Jahrhunderte währender Prozess zumeist zu der Situation geführt hat: ein Land, eine Sprache."
Im Zuge der kulturellen Globalisierung habe sich heute das Sprachensterben so sehr beschleunigt, dass rund zwei Drittel der weltweit noch gesprochenen Sprachen Gefahr laufen, in den nächsten ein bis zwei Generationen zu verschwinden. "Wenn aber eine Sprache stirbt, dann stirbt mehr als nur ein bloßes Kommunikationsmittel: Es stirbt letztlich ein Stück kultureller Vielfalt unserer Welt.", sagt Szöllösi-Brenig. "Aufhalten lässt sich dieser Prozess wohl nicht. Man kann jedoch versuchen, den Menschen der unterschiedlichsten Sprachen der Welt das Bewusstsein zu vermitteln, dass ihre Sprache – so klein sie ist, so unbedeutend sie scheint, so wenig sie von den Mächtigen der Welt gesprochen wird – einen Wert an und für sich darstellt."
Umdenken bei der Sprechergemeinschaft
Die UNESCO habe mit der Unterzeichnung der "Convention for the Safeguarding of the Intangible Cultural Heritage" am 17. Oktober 2003 ein politisches Zeichen gesetzt. An deren Abfassung sei eine ganze Reihe von Wissenschaftler beteiligt gewesen, die im Bereich der Dokumentationslinguistik tätig sind. Dabei handele es sich um eine neue Methode, auf der die Förderinitiative "Dokumentation bedrohter Sprachen" aufbaue, die die Volkswagenstiftung im Sommer 1999 eingerichtet und für die sich das Akronym DobeS international mittlerweile eingebürgert habe."
Ziel ist es, die Zeugnisse dieser meist nur mündlich vermittelten Sprachkulturen vor ihrem spurlosen Verschwinden aufzeichnen zu lassen und in einem elektronischen Archiv für bedrohte Sprachen zu speichern", so Szöllösi-Brenig . "Wie gesagt; auch dies kann nicht verhindern, dass eine Sprache stirbt. Es kommt aber durchaus vor, dass bei den indigenen Sprechergemeinschaften durch die wissenschaftlichen Projekte ein Umdenken beginnt: Warum sonst sollte ein fremder Mensch viele hundert Kilometer zu ihnen fahren, Strapazen auf sich nehmen und eine ihm unbekannte Sprache detektivisch und akribisch lernen – wenn diese, ihre Sprache nicht einen besonderen Wert darstellte?"
