
- Die Zeit gleicht einem Fluss - G.Spalke
Der amerikanische Philosoph Henry David Thoreau beklagte bereits vor 150 Jahren in seinem Buch „Walden“: „Es wird zu schnell gelebt“ und „…unser Leben zersplittert sich in Kleinigkeiten.“ Als Rezept gegen die Rastlosigkeit empfahl er Einfachheit und lebte zur Probe für zwei Jahre allein in einem Blockhaus im Wald. Dort hatte er endlich genug Zeit, dem Leben auf den Grund zu sehen. Fernab der Zivilisation gab er sich ganz der Naturbetrachtung hin.
Gründe für die alltägliche Zeitnot
Von Thoreau stammt auch das Zitat: „Wer einen Beruf ergreift, der ist verloren." Entfremdete Arbeit und Besitzstreben waren für ihn die Ursache allen menschlichen Unglücks. Wenn man sich überlegt wie ruhig das Leben der Menschen im 19. Jahrhundert vergleichsweise war, dann wird deutlich wie gehetzt wir heutzutage leben.
Es fällt uns kaum auf, jedoch haben Computer, Mobiltelefone, ICE-Züge und Flugreisen gerade in den letzten 20 Jahren das Leben noch mehr beschleunigt. Mithilfe der Technik versuchen wir, in immer kürzerer Zeit immer mehr zu erledigen. Zeit ist Geld, heißt es und diese wird umso wertvoller je weniger wir davon übrig haben. Doch eigentlich hat jeder Tag 24 Stunden. Rein rechnerisch haben wir genauso viel Zeit wie eh und je.
Warum im 20. Jahrhundert Zeit Geld ist
Als im 19. Jahrhundert die Industrialisierung einsetzte, wurden die Menschen erstmals zur Pünktlichkeit verdammt. Maschinen sollten zu einer bestimmten Tageszeit laufen und die Arbeiter mussten deshalb rechtzeitig in die Fabrik kommen. Im Jahr 1884 wurde die „Greenwich Mean Time“ zum Standard der Weltzeit erhoben. Wir Europäer sind so daran gewöhnt nach der Uhr zu leben, dass wir wenig Verständnis für Kulturen aufbringen, die das noch heute nicht im selben Maße tun. Viele Naturvölker, beispielsweise die Aborigines in Australien, haben ein gänzlich anderes Zeitverständnis als wir.
Multiasking macht gehetzt und unruhig
Wir begreifen die Zeit als eine Abfolge von Ereignissen, die wie auf einem Strahl von der Vergangenheit über die Gegenwart in die Zukunft strebt. Dabei verändern sich die Dinge unaufhörlich. Nur der kleine Augenblick, der sich „Jetzt“ nennt, hat eine wahrnehmbare Qualität. Das Gestern können wir zwar durchdenken, aber nicht mehr beeinflussen. Auch die Zukunft ist für uns nicht erreichbar, außer in unseren Gedanken durch Hoffnungen und Befürchtungen. Das Leben findet dagegen nur im Augenblick statt, doch je mehr wir unsere Aufmerksamkeit im Jetzt aufteilen, umso weniger tief sind die Erfahrungen, die wir machen. Sieht man die Sache so, dann ist Multitasking die Ursache für das Gefühl moderner Menschen, nie genug Zeit zu haben.
Zeit haben – achtsam sein
Die Zeit ist gerecht, denn sie steht allen Menschen täglich in gleichem Umfang zur Verfügung, mal abgesehen von der absoluten Lebenszeit. Die Frage ist bloß, was tun wir mit ihr? Es scheint paradox, doch je mehr wir in der Zeit erledigen, umso schneller entgleitet sie uns. Das liegt daran, dass wir den einzelnen Dingen nicht genug Aufmerksamkeit widmen. Der menschliche Geist ist langsam, ebenso das Gefühl. Wenn wir schnell von einem zum nächsten Thema springen, dann bleibt alles an der Oberfläche. Es fehlt die Tiefe der Empfindung und auch der echte Kontakt zu Objekten und Menschen. Wer sich innerlich nicht verbindet, ist unbeteiligt und so kann es passieren, dass der Mensch vom der Fluss des Lebens mitgerissen und forgespült wird.
Unwichtiges von Wichtigem trennen
„Lass deine Geschäfte zwei oder drei sein, sage ich dir, und nicht hundert oder tausend", schreibt Thoreau in seinem Walden-Tagebuch. Tatsächlich sind Achtsamkeit und Einfachheit die Mittel gegen Zeitnot und Überforderung. Doch das ist angesichts unserer eigenen Ansprüche und den gesellschaftlichen Forderungen nach Effizienz und Wirtschaftlichkeit, nicht leicht zu verwirklichen. Wir müssen lernen das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen und uns die Zeit zum Leben nehmen. In aller Ruhe und Gelassenheit, im Hier und Jetzt.
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Quellen:
H.D.Thoreau, Walden oder ein Leben in den Wäldern, Diogenes Verlag, 1979
Geo kompakt, Nr.27, Das Rätsel Zeit, Gruner und Jahr AG & CoKG, Hamburg, Juli 2011, 11,50 €
