
- Entschuldigung des ZDF - Wilhelm Ruprecht Frieling
Im Weltmeisterschaftsspiel der deutschen Fußballelf gegen Australien am 13. Juni 2010 in Südafrika rutschte ZDF-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein vor 28 Millionen Zuschauern heraus, für den Polen Miroslav Klose müsse sein Tor ein „innerer Reichsparteitag“ gewesen sein.
Innerhalb weniger Minuten baute sich ein Proteststurm gegen die vermeintlich nazinahe Redewendung beim Kurznachrichtendienst Twitter auf. Die Entlassung der Sprecherin wurde bald darauf auf Facebook und in zahlreichen Blogs gefordert und heftig diskutiert. Das ZDF entschuldigte sich umgehend und erklärte, derartiges käme „nie wieder vor“.
Parodie oder Propaganda?
Nach einer die Gemüter beruhigenden Nacht wird aktuell die Frage aufgeworfen, ob es sich bei dem Begriff „innerer Reichsparteitag“ um eine Parodie handeln könnte, die genau das Gegenteil von dem bedeutet, was ihm unterstellt wird.
Der Autor des fünfbändigen „Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten“, Lutz Röhrich, wird dazu in den Zeugenstand gerufen. Der Professor schreibt unter dem Stichwort "Volksfest": Es ist mir ein Volksfest, ironische Verstärkung der Wendung ›Es ist mir ein Vergnügen‹, ›Es ist mir angenehm‹, ›Es freut mich sehr‹; ebenso: ›Es ist mir ein innerer Reichsparteitag‹ oder ›Es ist mir ein innerer Vorbeimarsch‹, mit parodistischer Beziehung auf die bombastischen Reichsparteitage der Nationalsozialisten in den dreißiger Jahren aufgekommen.
Sprachliche Wendung mit hoher Symbolkraft
Nach Röhrich handelt es sich also bei einem „inneren Reichparteitag“ um eine feststehende sprachliche Wendung mit starker Bildhaftigkeit. Sprachwissenschaftlich betrachtet muss diese prädikative Wortgruppe stets in einen Zusammenhang gestellt werden, um verständlich zu wirken. Assoziiert werden dabei die unheimlichen Massenaufmärsche braun uniformierter Nationalsozialisten, die mit Fackeln eindruckvolle nächtliche Kundgebungen wie den „Lichtdom“ (1936) veranstalteten.
In Kommentaren zu Röhrich heißt es, „innerer“ und „Reichsparteitag“ sei bereits in sich ironisch. Die Parteitage der Nazis seien stets laut und lärmend öffentlich abgehalten worden. Wer diesen Parteitag „innerlich“ abhalte, sei dagegen gewesen, habe dies jedoch aus Selbsterhaltungstrieb nicht öffentlich bekundet. Der Begriff verspotte deshalb bildhaft „den abgrundtief ernst gemeinten Protz, Prunk und Tralala der NS-Parteitage in Nürnberg.“
Der Begriff „innerer Vorbeimarsch“
Der als sprachlicher Vorläufer anzusehende Begriff „innerer Vorbeimarsch“ taucht schon ein Jahrhundert früher in Witzsammlungen und satirisch-humorigen Büchern auf. Damit wurde auf den Volksfestcharakter und die ausgelassene Stimmung während der Vorbeimärsche angespielt. Im Dritten Reich wurde die Floskel dann durch den „inneren Reichsparteitag“ ersetzt, die sich konkret auf die aufwändigste Massenshow der NSDAP bezieht, die regelmäßig in Nürnberg veranstaltet wurde.
Diese achttägigen Reichsparteitage wurden jeweils in der ersten Septemberhälfte durchgeführt und dauerten in der Regel acht Tage. Dabei sollte die Verbundenheit von Führung und Volk bekundet werden. 1938 kamen mehr als eine halbe Million Teilnehmer und Besucher aus allen Gliederungen der Partei, der Wehrmacht und des Staates nach Nürnberg, um die Nazidiktatur zu feiern.
Triumph des Willens
Durch den 1934 gedrehten Leni-Riefenstahl-Film „Triumph des Willens“ wurde der Reichsparteitag auch für die Nachkriegsgenerationen zur bekanntesten Massenveranstaltung um Adolf Hitler. Dieser ästhetisierende Propagandafilm erhebt Adolf Hitler vor der Kulisse des Parteitages in den Rang eines religiösen Messias, der Deutschland retten und zur Großmacht führen wollte.
In ihrer Selbstdarstellung verkündete die NS-Propaganda 1934: „Der Reichsparteitag ist die Heerschau der nationalsozialistischen Bewegung. Neue Aufgaben und Ziele der Partei werden durch den Führer festgelegt. Politische Leiter, SA und HJ geloben, in Gemeinschaft mit den übrigen Parteigenossen, dem Führer Treue und Gefolgschaft“
Bemüht ein jüngerer Mensch 65 Jahre nach Zerschlagung des „Tausendjährigen Reiches“ das Bild vom „inneren Reichsparteitag“, dann hat er den Begriff entweder von seinen Eltern oder Vorgesetzten unkritisch übernommen, oder er hat den Riefenstahl-Film gesehen und sich beeindrucken lassen. Deshalb gilt vielen Deutschen die Formulierung als Nazi-Phrase, die zeige, wie tief die faschistische Bildhaftigkeit im Unterbewusstsein verankert sei und was vor dem "inneren Auge" vorbeiziehe.
Verantwortung der Medien
Will sich nun eine prominente Medienvertreterin, die ein Millionenpublikum anspricht, damit erklären, es handele sich um „eine unbedachte Äußerung“, dann ist das kaum glaubhaft. Denn es bedarf keiner Entschuldigung, wenn die Bedeutung der Redensart allgemein als nazikritisch angesehen würde. Entschuldigen wird sich nur derjenige, der den Begriff als pro-faschistisch betrachtet.
Im Zusammenhang mit dem Schießen eine Tores greift die Formulierung „innerer Reichsparteitag“: Ein Tor ist tatsächlich ein Ergebnis von Entschlossenheit und Kampfkraft. Diese Leistung bietet kaum Anlass zu Parodie. Auf jeden Fall ist davon auszugehen, dass damit das Bild vom Triumph des Willens in die Köpfen der Zuschauer projiziert wird, und vor diesem Hintergrund ist der Aufschrei nachvollziehbar und verständlich.
