
- Sarg - Benita Brunnert
Ob Morbidität oder Aberglaube, der Umgang mit den Toten hatte für die Menschen schon immer eine besondere Bedeutung. Dies ist auch im Handwörterbuch des Deutschen Aberglaubens von 1932 belegt. Demnach glaubte man, dass der Tote noch drei Stunden oder gar länger hören könne. Seine Seele löste sich dem Handwörterbuch zufolge erst nach zwei Stunden oder erst beim Glockengeläute. Außerdem, heißt es dort, „geht der Tote noch im Hause herum und will Ruhe haben, man soll nicht zuviel weinen und klagen.“
Gegen die Leichenstarre soll es laut Aberglauben ein sehr einfaches Mittel geben, dass sicherlich so manchen Bestatter schmunzeln lässt: „Ist die Leiche beim Ankleiden steif, so muss man sie dreimal beim Vornamen rufen, dann wird sie weich...“
Auch hatte man seine genauen Vorstellungen davon, wie das Gesicht des Verstorbenen auszusehen habe. Wünscht man sich heute, dass der Tote freundlich und entspannt aussieht, so war es anno dazumal ein untrügliches Zeichen dafür, dass er bald jemanden aus der Familie oder dem Dorfe nachholt. Auf der anderen Seite hieß dies aber auch, dass sich der Tote in den Himmel lacht, selig wird. Ein langes Frischbleiben der Leiche wiederum galt als ein Zeichen der Heiligkeit.
Augen, Mund und Nase
Auch heute noch werden die Augen des Verstorbenen verschlossen, häufig auch der Mund. Früher band man dem Verblichenen zu diesem Zwecke ein Tuch ums Kinn oder legte eine Zitrone oder eine Bibel drunter. Die Juden oder Bukowina hingegen legen dem Toten teilweise auch heute noch einen Scherben auf den Mund, in Tirol soll man ihm früher den Mund sogar verstopft oder gewaltsam zusammengepresst haben. Bei vielen Ungarn geschieht das Verstopfen mit Erde lediglich bei unverhofft Gestorbenen. Wie bei den Augen heißt es auch hier, wenn der Mund offen bleibt, holt der Tote bald jemanden nach, ruft einen. Man glaubte, die Seele könne aus den Leibesöffnungen entweichen.
Zauberkraft der Leiche
Bis heute empfinden viele Menschen, dass von einer Leiche etwas Besonderes, schwer zu Beschreibendes ausgeht. Ein Zauber vielleicht? Ob guter oder böser Zauber, darin waren sich die Menschen noch nie einig. An dieser Stelle wird nur auf den positiven Zauber und Aberglauben eingegangen. So wird zum Beispiel das Anfassen der Totenzehe auf die ursprüngliche Absicht einer Kraftübertragung zurückgeführt. Damit einem der Verstorbene nicht erscheint, sollte man seine Leiche an Arm, Hand oder Zehe fassen oder ihr mit der flachen Hand über die Wange streichen. Wer hingegen seine Angst verlieren will, sollte nach Dunkelwerden zu einer Leiche gehen, das Gesicht derselben mit der Hand überstreichen, seine Hand in die der Leiche legen und deren beide Füße mit seinen beiden Händen eine Minute lang halten.
Die heilende Leiche
Doch das Anfassen der Leiche soll nicht nur die Furcht vor dem Verstorbenen nehmen, nein, man ging früher sogar davon aus, dass sie heilende Kräfte habe. Handschwitzen, zum Beispiel, glaubte man heilen zu können, indem man mit der Hand über das Gesicht einer Leiche führe. Des Weiteren würden Warzen verschwinden, wenn man mit ihnen über eine Leiche, insbesondere deren Gesicht führe. Laut einer alten Vorschrift aus dem Rheinland könne man sogar Ausschlag, Flechten, Muttermäler und Leberflecken, ja sogar Kröpfe heilen. Dazu wurden der Leiche die Hände mit einem Strick zusammengebunden, der Kranke musste den Strick später lösen und sich unter der Anrufung des Totennamens die Hände der Leiche drei Minuten lang um den Hals legen sowie den Strick, womit die Hände des Toten gebunden waren, drei Tage lang unter dem Hemd auf der bloßen Haut tragen. Bei Zahnschmerzen sollte man mit dem bloßen Finger einer Leiche - an besten dem Zeigefinger der rechten Hand - die schmerzende Stelle drücken oder streichen.
Sie sehen also: Es schien gar nicht so schlecht zu sein, eine Leiche im Keller zu haben.
Quelle: Carmen Thomas: "Berührungsängste? Vom Umgang mit der Leiche
