
- Pharao Ramses II. - Jochen Rabast
Bei den im 2. Buch Mose geschilderten „Plagen“ geht es nicht um Naturkatastrophen; auch wenn viele Interpreten nach historischer Glaubhaftigkeit suchen. Die verantwortlichen Götter für Nil, Wetterphänomene, Sonne, Erde, Leben und Tod werden als ohnmächtig konterkariert.
Mose provoziert die oberste Religionsinstanz
Pharao ist nicht nur der Herrscher eines Landes, sondern auch der oberste religiöse Repräsentant, sozusagen sichtbarer Stellvertreter der Götter. Und ein Mose stellt sich ihm auf Augenhöhe! Denn es wurde ihm das Prädikat eines „Königskindes“ in Analogie zu Sargon von Akkad zuerkannt. Jener wurde als Schicksalskind auf dem Euphrat ausgesetzt, gerettet und später zum Gründer und König des mächtigen Babylon. In der aus der Bibel bekannten Geschichte wird Mose im Nil an der Stelle ausgesetzt, wo die Prinzessin zu baden pflegte, ihn fand und aufzog. Mit solch einem mythologischen Merkmal ausgestattet, ist Mose nicht etwa der Sprecher einer kleinen Gruppe von Arbeitern der Großbaustelle Ramses. Als solcher hätte er es nie geschafft, zum Pharao vorzudringen und ihn zu provozieren.
Freiheit von der Religion
Das Thema „gib mein Volk frei“ meint nicht die physische Freigabe von ein paar (zwangsweise?) zur Arbeit Verpflichteten. Die Befreiung des „Volkes Israel“ meint keine nationale Befreiung eines Volkes, sondern eine Befreiung von der Religion Ägyptens. Wenn sich Mose und Pharao gegenüber stehen, geht es um die Macht der Götter. Mose war im Begriff, sich von der Götterwelt Ägyptens zu befreien.
Die Geschichte von den „Plagen“ erweist sich im Kern als eine Auseinandersetzung mit der Religion Ägyptens. Mose war am Pharaonenhof erzogen worden. Doch führte ihn sein Lebensweg fort. Vielleicht war er mit dem Gesetz in Konflikt geraten (er wird als Totschläger geschildert) oder aus anderen Motiven weggegangen. War er ein Gottsucher? Sein Weg führte ihn zu einem Kult auf dem Sinai. Dass er dort nur des Priesters Schafe gehütet habe, ist erzählerische Untertreibung.
Mose hat eine der Töchter des Priesters geheiratet und mit ihr eine Familie gegründet. Man kann wohl unterstellen, dass die Religion des Schwiegervaters ihn nachdenklich gemacht hat. Nun kehrt er Jahre später nach Ägypten zurück, um dem Pharao als dem obersten Religionsrepräsentanten zu zeigen, dass Religion nichts taugt. Der Gott des Mose will durch Zeichen und Wunder seine Macht den Göttern Ägyptens entgegen setzen. Das Kräftemessen beginnt mit ein paar Zaubertricks, die die Naturgesetze ausschalten. Mose wirft seinen Stock, der sich in eine Schlange verwandelt. Pharao lässt seine Zauberer antanzen, die mit ihren Stöcken das gleiche können. Allerdings behält die Schlange des Mose die Oberhand, indem sie die pharaonischen verschlingt. Das konnte den Pharao noch nicht überzeugen, wie ausdrücklich gesagt wird.
Die Götter Ägyptens taugen nichts
Dann lässt Mose seinen Bruder Aaron den Zauberstab auf den Nil richten, damit dessen Wasser unbrauchbar wird. Das ist ein fundamentaler Angriff auf die Lebensgrundlage Ägyptens. Der Nil galt als heilig. Mit dieser ersten „Plage“ wird der Glaube an den Nilgott Hapi in Frage gestellt. Wo bleibt die göttliche Macht, wenn Mose und Aaron in dessen heiligen Bezirk hineinwirken können? So anfällig ist der Glaube an den Nil.
Mit der zweiten Plage wird Kritik am ägyptischen Glauben über die Entstehung des Lebens geübt. In Ägypten meinte man, Frösche seien die ersten Lebewesen, aus dem Nilschlamm entstanden. Heket war die Göttin der Geburt. Sie wurde als Frosch dargestellt. Was die Ägypter als heilig verehrten, wurde ihnen nun als millionenfache Plage beschert. Gibt es eine Göttin der Geburt? Doch Mose schaffte keinen Sieg. Im Bild: das Volk Israel kommt nicht frei. Als nächstes schlug Aaron mit seinem Zauberstab auf die Erde. Der Erdboden war den Ägyptern heilig. Dessen aufgewirbelter Staub wurde als Stechmücken zur Plage, bei einer weiteren Plage in Form von Ungeziefer. Der Gott des Erdbodens kann so mächtig nicht sein. Apis wurde als Gott der Rinder verehrt. Wo blieb seine Macht, als eine Viehpest die ägyptischen Tiere befiel, während die der Israeliten gesund blieben? Mose glaubt an keinen Gott für das Vieh.
In den alten Religionen waren die Urgewalten des Wetters Sache der Götter. Jetzt demonstrierte Mose deren Ohnmacht. Er erhob seinen Stock, da ging ein Gewitter mit schwerem Hagel über Ägypten nieder. Es donnerte, hagelte, blitzte. Ein so schweres Unwetter hatten die Ägypter in ihrer ganzen Geschichte noch nie erlebt. Die Provinz Goschen, in der das Volk Israel wohnte, wurde verschont. Fazit: Wer an den Wettergott glaubt, kann böse Überraschungen erleben. Auch die von Mose herbeigezauberten Heuschreckenschwärme vermochten nicht den Glauben an die Götter der Naturgewalten bei Pharao zu erschüttern. Im Bild: das Volk Israel kommt nicht frei.
Mose erhebt die Hand gegen die Sonne. Der Himmel verdunkelt sich für drei Tage. Nichts war es mit der Allmacht und Heiligkeit des ägyptischen Sonnengottes Amun-Re. Die Aussage ist klar: Keiner der genannten Götter taugt etwas. Erst eine letzte Plage sollte in die Freiheit führen. Der ägyptische Gott des Todes und der Unterwelt wird entmachtet. Gott Jahwe lässt über Nacht jedes zuerst geborene Tier und jeden Erstgeborenen sterben. Da war Pharaos Religion am Ende. Pharao drängt Mose mit seinen Leuten und seinem Gott Jahwe, das Land Ägypten zu verlassen. Mose feiert einen Sieg seines Gottes über die Götterwelt Ägyptens. Der Sieg bekommt ein Bild: Die gesamte Macht des Pharao geht durch eine von Mose ausgelöste zunami-artige Flutwelle am Rande des Roten Meeres zugrunde. Danach ist der Weg für das „Volk Israel“ frei, einen anderen Glauben an die Stelle der Götter Ägyptens zu setzen.
Wann gab es diese Religionskritik?
Im Jahr 1375 v.Chr. kam der junge Pharao Amenhotep IV.(Echnaton) auf den ägyptischen Thron. Er war ein religiöser Revolutionär und schaffte die große Fülle von Gottheiten in Ägypten ab. Nach seiner Überzeugung war nur die Sonne die einzige Quelle allen Lebens. Doch der Sonnenkult des Echnaton währte in Ägypten nur 13 Jahre. Sigmund Freud hat die These vertreten, dass geflohene Echnaton-Anhänger den Kult auf dem Sinai fortgeführt haben. Liegt hier der Ursprung für die Mose-Legende?
Verfasser meint, eine derartige Religionskritik passt in die Bemühung um ein neues Staatswesen der Judäer nach dem babylonischen Exil. (Esra, um 450 v. Chr.) „Religion im Umbruch“.
Jochen Rabast, Umbruch der Religion. Von der abrahamitischen Religion zu Judentum,Christentum, Islam. 2.Aufl. 2011, ISBN 9783839136829
