
- Die Zukunft wird der aktivierenden Pflege gehören. - Grazyna Gintner
Am liebsten zu Hause und selbständig – so stellen sich die meisten Bürger ihren Lebensabend vor. Dieser Wunsch lässt sich allerdings nicht in jedem Fall erfüllen. Bei verschiedenen Krankheiten und Beeinträchtigungen brauchen alte Menschen eine Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Früher war das die Aufgabe der Familie, sich um ihr krankes oder altes Mitglied zu kümmern. Auch heute versuchen die nächsten Verwandten eines Pflegebedürftigen, der Herausforderung gerecht zu werden. Wenn sie überhaupt da sind. Wo aber die traditionelle Familie mit ihren traditionellen Verpflichtungen nicht mehr das gesellschaftliche Bild prägt, wird die Bedeutung einer professionellen Pflege in der Zukunft wachsen.
Utopische Vision der Pflege
Dennoch setzt die Politik immer noch hauptsächlich auf die Familie. Das Pflegeversicherungsgesetz ändert daran nicht viel. Das Gesetz trat am 1.1.1995 in Kraft. Es wurde in das Sozialgesetzbuch als elftes Buch integriert – SGB XI. Neben der Kranken-, Renten-, Unfall- und Arbeitslosenversicherung bildet die Pflegeversicherung die fünfte Säule der gesetzlichen Sozialversicherung.
Der Pflegeversicherung wird lediglich eine unterstützende Rolle zugeschrieben. Das Gesetz verbreitet demnach eine utopische Vision: Die „pflegerische Versorgung der Bevölkerung“ sei eine „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“(S. 21)*. Damit sind hier die Angehörigen, die Nachbarn und ehrenamtlichen Helfer gemeint. In den einleitenden Vorschriften schriebt man über „eine neue Kultur des Helfens und der mitmenschlichen Zuwendung“(S. 21)*.
Die blumige Beschreibung heißt übersetzt: Das Solidaritätsprinzip gilt hier nicht. Die Pflege von Bedürftigen ist im Grunde eine private Angelegenheit. Diesem Konzept entspricht auch die unzureichende Finanzierung über Pflichtbeiträge der schmälernden Gruppe von Erwerbstätigen. Der Gesetzgeber verzichtete auf die Dynamisierung der Beiträge (eine automatische Anpassung an den Anstieg der Lebenshaltungskosten). Die Dynamisierung fehlt genauso bei den Leistungen der Pflegeversicherung. Erst für 2014 ist eine erste Prüfung der Anpassung der Leistungen vorgesehen.
Die Umsonst-Mentalität – die Pflege soll möglichst wenig kosten
Die Anzahl der Älteren (über 60 Jahren) wird von 2005 bis 2030 um 8,5 Millionen auf 28,5 Millionen steigen. Zwar bedeutet dies keineswegs einen gleichen Anstieg der Pflegebedürftigkeit, dennoch muss man mit viel größeren Problemen als heute rechnen. Eine besondere Herausforderung wird die Zunahme von der demenziell oder psychisch erkrankten alten Menschen mit sich bringen. Sie bedürfen einer professionellen Pflege. Jene lässt sich nicht hausbacken sichern.
Die Aufgabe gehört zu den schwersten, was die körperlichen und psychischen Belastungen betrifft. Dennoch erwarten viele in der Politik und in der Gesellschaft, dass die Pfleger und Betreuer für wenig Geld, am besten umsonst, ehrenamtlich arbeiten. Einer von den Gründen für diese Einstellung lässt sich ökonomisch erfassen: Es lohne sich nicht in die Alten, die der Wirtschaft nicht mehr nutzen, zu investieren. Stattdessen entfachen etliche empfindliche „Schutzengel der Leidenden“ immer wieder aufs Neue Diskussionen über die Sterbehilfe: Wer schneller stirbt, kostet doch weniger. Der Gedanke ist verlockend. Jeder dritter Arzt ist bereit, die Sterbehilfe zu leisten. Die Zustimmung kommt auch von den Politikern aus den christlichen Parteien, die theoretisch diese Entscheidung nur in die Gottes Hände legen müssten.
Dagegen setzte sich der Mindestlohn in der Pflege sehr mühsam durch. Nach langen Debatten und widerwillig stimmte Anfang Juli 2010 das Kabinett dem Mindestlohn zu. Wie in anderen Berufen, wo überwiegend Frauen arbeiten, bleibt das Einkommen in der Pflege auf dem niedrigen Niveau.
Umdenken in der Pflege erforderlich
Seit Jahren fordern die Spezialisten ein Umdenken und die Umsetzung der aktivierenden Pflege, die die Fähigkeiten der Senioren zu erhalten hilft. Dafür wäre beispielsweise die Einführung von Programmen zur Früherkennung von Demenz erforderlich, um die entsprechenden Maßnahmen einzuleiten.
Zitate und Quelle: Thomas Gerlinger, Michaela Röber, Die Pflegeversicherung. Verlag Hans Huber 2009. 168 Seiten.
