
- Internet-Enthusiasten unter sich - Wilhelm Ruprecht Frieling
Während Fortbildungskonferenzen zum Internet oft exklusive Seminare zu enormen Eintrittspreisen mit zweifelhaftem Ergebnis sind, besteht die Barcamp-Bewegung darauf, Wissen kostenlos zu vermitteln. Barcamps finden rund um den Globus statt und erfreuen sich wachsender Beliebtheit. Sie verstehen sich als "Unkonferenzen", die ohne vorher festgelegte Tagesordnung oder thematische Einengung ablaufen.
Wissen soll kostenfrei sein
Die Teilnahme an den Camps ist kostenfrei. Jeder, der etwas beizutragen hat oder etwas lernen will, ist willkommen und herzlich eingeladen, aktiv mitzumachen. Von jedem Teilnehmer wird allerdings erwartet, dass er aus der Rolle des stummen Zuhörers schlüpft und sein jeweiliges Wissensgebiet in einem kurzen Vortrag vorstellt.
Die Teilnehmer verpflichten sich weiterhin, das aufgenommene Wissen nach außen zu tragen und zu verbreiten. Dies geschieht über die aktuelle Berichterstattung auf den Plattformen des Internets wie Blogs, Foren und Social Communities. Vorträge werden live ins Internet gestreamt, Interviews und Stimmungsberichte werden als Podcasts verbreitet.
Da die Teilnahme an den Barcamps kostenfrei ist, müssen sich die Veranstalter um ein volles Haus nicht sorgen. Die 250 Plätze für das BarCampCologne (BCC3) am 6./7. Juni 2009 waren bereits 15 Minuten nach Anmeldebeginn belegt, und eine lange Warteschlage bildete sich in der Hoffnung, nachrücken zu können.
Geschichte der Barcamp-Bewegung
Tim O’Reilly, ein Softwareentwickler im Bereich freier Software und Inhaber des weltweit tätigen O’Reilly Verlages, veranstaltet seit 2003 jedes Jahr ein so genanntes Foo-Camp (Foo = Friends of O’Reilly). Zu dieser Veranstaltung wird ein exklusiver Kreis von Internetdenkern und Erfindern zu einem Wochenend-Brainstorming eingeladen.
Aus dieser Veranstaltung heraus entstand die Idee, eine ähnliche, allerdings allseits offene Veranstaltung ins Leben zu rufen. Die erste Veranstaltung fand in den Räumen von SocialText in Palo Alto im August 2005 statt. Kalifornien war einmal mehr die Geburtsstätte einer Idee .
Von diesem Tag an trat die Barcamp-Bewegung, wie Franz Patzig, Organisator der deutschen Barcamps, erzählt, einen unglaublichen Siegeszug um die Welt an. Innerhalb kürzester Zeit verbreitete sich die Idee. 2006 fanden bereits 87 Camps auf allen nahezu Kontinenten statt. Im deutschsprachigen Raum fanden bislang Barcamps in Berlin, Zürich, Wien, Köln, Nürnberg und Klagenfurt statt. Das Format traf offenbar einen Nerv.
Organisation und Ablauf
Barcamps werden von Enthusiasten für Enthusiasten organisiert, die in einer offenen Umgebung lernen und Wissen weitergeben möchten. Schon durch die Menge an Informationen, die zu bewältigen sind, finden intensive Diskussionen, Präsentationen und Interaktion der Teilnehmer untereinander statt.
Es gibt keine Planung im Vorfeld, keine Einladungen und keine festen Redner. Die Konferenz beginnt mit einer kurzen Einführungsrunde, bei der sich jeder kurz vorstellt und drei Stichworte zu seinem Thema nennt. Per Handzeichen wird die Zahl der Interessenten an dem entsprechenden Vortrag ermittelt und ein passender Raum zugewiesen.
Barcamps sozialisieren Wissen
Der Gedanke der Barcamps gründet auch auf dem Prinzip des Internet-Lexikons Wikipedia, das von allen für alle zusammengestellt und fortgeschrieben wird. Es geht dabei im Grundsatz darum, Wissen zu sozialisieren und der Allgemeinheit kostenfrei zur Verfügung zu stellen.
Ähnlich »kommunistische« Tendenzen sind derzeit im Wissenschaftsbereich zu beobachten, und auch die Diskussion um die vollständige Novellierung des Urheberrechts ist von dem Gedanken geprägt, die Kulturgüter der Menschheit den Händen weniger Vermögender zu entreißen. Die notwendige technische Voraussetzung für diesen Sozialisierungsgedanken bietet das Internet. Es wird insofern nachvollziehbar, dass eine wachsende Gruppe von Lobbyisten die Legislative drängt, das Internet zu kontrollieren und unter fadenscheinigen Gründen einzuschränken.
Die Barcamp-Bewegung ist damit ein Instrument für die uneingeschränkte Kollektivierung des Wissens. Sie ist eine Kampagne für freien Wissensfluss und ein Beispiel für das Funktionieren eines hierarchiefreien Miteinanders.
Eine Reportage von Wilhelm Ruprecht Frieling über ein Barcamp gibt es hier: Twittern, bis der Arzt kommt …
