
- Interpretation des Helfersyndroms - Gerd Altmann / pixelio.de
Hilfsbereitschaft, Helfen, für andere Menschen uneigennützig tätig sein: Das sind Verhaltensweisen, die man nicht unbedingt im Zusammenhang mit psychischen Beeinträchtigungen vermutet. Jedoch benutzen Menschen mit diesem Syndrom das Helfen, um ihre eigenen Schwächen auszugleichen.
Helfen als Stütze des Selbstwertes
Lieblosigkeit in der Kindheit erfahren viele Menschen. Oft sind Familien zerrissen von Zerwürfnissen, Ehestreitigkeiten, Existenzsorgen, Gleichgültigkeit und Egoismus des Einzelnen. In psychologischen Befragungen geben mehr als 70 Prozent schwere Konflikte und Ereignisse in ihrer Kindheit als Ursache für psychische Beeinträchtigungen in ihrem Erwachsenenleben an. Doch nur wenige entwickeln ein Modell seelischer Probleme, das die Rolle des Helfens zum Selbstzweck missbraucht.
Traumatische Erlebnisse aus der Kindheit können ein Helfersyndrom im Erwachsenenleben verursachen. Vielleicht wurden Betroffene als Kind massiv ausgegrenzt. Allein gelassen, lieblos und kalt behandelt. Vielleicht entwickelte sich daraus ein übergroßes Bedürfnis nach Anerkennung. Betroffene meinen nur aus der unbedingten Nützlichkeit für andere Menschen einen Selbstwert beziehen zu können. Das Helfen wird für sie zu einer Sucht. Sie verlieren ihre eigenen Bedürfnisse aus den Augen. Nur indem sie helfen, erfahren sie Selbstbestätigung.
Hilfsbereitschaft oder Helfersyndrom
Da Hilfsbereitschaft eine sehr humanistische Verhaltensweise ist, fällt die Abgrenzung zum Helfersyndrom nicht leicht. Ein hilfreiches Merkmal ist jedoch der Leidensdruck Betroffener. Wenn Hilfsbereite sich zu sehr verausgaben, nicht mehr "Nein" sagen können und ihre eigenen Bedürfnisse in ihrem Helferdrang völlig missachten, ist eine klare Tendenz erkennbar. Betroffene geben sich nach außen stark und belastbar. Doch dahinter können sich traumatische Ereignisse und das abgelehnte Kind verbergen.
Helfen ist gut. Es ist menschlich. Doch als suchtartig betriebene Handlung wirkt das Helfen wie eine Droge. Als psychische Entwicklungsstörung kann es die Befindlichkeit Betroffener massiv beeinträchtigen, obwohl ihre Umwelt es oft jahrelang nicht bemerkt, weil eben das Helfen eine so positiv besetzte Handlungsweise ist. Viel Fingerspitzengefühl ist erforderlich, um den belastenden Helferdrang zu erkennen. Und so sehr Menschen mit einem Helfersyndrom das Helfen als Lebensinhalt betreiben, so wenig sind sie in der Lage Hilfe von anderen Menschen anzunehmen. Es ist eine spezifische Störung. Die oft nur mit fachkundiger Unterstützung im Rahmen von Therapien erkannt und behandelt werden kann.
Ständige Bestätigung durch das Helfen
Menschen mit einem Helfersyndrom haben ein schwach ausgeprägtes Selbstwertgefühl. Helfen entwickelt sich zum Selbstzweck. Eigene Emotionen werden übergangen. Helfen wird zum vorrangigsten Lebensmotor, bis zur Selbstschädigung betrieben. Typischerweise stellen sich Betroffene nicht mehr der Frage, ob Hilfe im Einzelfall überhaupt sinnvoll, nützlich und gewünscht wird. Das Geben wird extrem akzentuiert, das Nehmen völlig verlernt. “Ich helfe, also bin ich” - könnte man den inneren Antrieb umschreiben. Betroffene sind fortwährend in dem zwanghaften Bemühen gefangen, es jedem scheinbar hilfsbedürftigen Menschen ihres Umfeldes recht machen zu wollen. Sie wollen unbedingt nützlich sein. Gebraucht werden. Sie benötigen die Bestätigung, das Hilfesuchende von ihnen abhängig sind. Ihren Rat, Beistand und ihre Unterstützung benötigen. Nur so können sie ihren Lebenssinn erkennen.
Das Helfersyndrom erzeugt Leidensdruck
Betroffene brauchen dringend das Gefühl, gebraucht zu werden. So ziehen sie in ihrem sozialen Umfeld nur die Menschen an sich, die hilfsbedürftig sind. Je schwächer der Hilfsbedürftige ist, um so mehr können sich Menschen mit einem Helfersyndrom in ihrem Selbstwertgefühl bestätigen. Können sie nicht helfen, fühlen sie sich unnütz und wertlos. Werden Betroffene für ihre helfenden Aktivitäten kritisiert, ist dies oft gleichbedeutend mit tiefgreifender Entwertung. Sie können Konflikte nicht in einem ausgewogenen Verhältnis austragen. Oft werden Auseinandersetzungen über “Dritte” geführt. Sie sind davon abhängig, sich immer und in jeder Situation überidealisiert als uneigennützig und gut zu erleben. Dabei verfällt schrittweise die Fähigkeit, diese idealen Vorstellungen zu relativieren oder neuen Gegebenheiten anzupassen.
Ein Helfersyndrom führt oft zur Selbstgerechtigkeit
Betroffene können, wollen und müssen immer nur geben. Sie fühlen sich nach den Worten der Autorin Melody Beattie “für die ganze Welt verantwortlich”, weigern sich jedoch, für sich selbst die Verantwortung zu übernehmen. Einfach ihr eigenes Leben selbst in die Hand zu nehmen und zu leben. Sie geben nur und werden dabei immer ausgelaugter, leerer, erschöpfter und schwächer. Menschen, die sich um alles kümmern wollen und dranghaft müssen. Nur nicht um sich selbst. Aggressionen werden unterdrückt. Wird ihre Hilfe abgelehnt, kann das traumatische Kindheitserfahrungen aktivieren. Oft überfordern sich Betroffene übermäßig und agieren zunehmend selbstgerecht. Sie helfen teilweise auch gegen den ausdrücklichen Wunsch des vermeintlich Hilfsbedürftigen. Verlieren mit der Zeit das Gefühl für die Verhältnismäßigkeit und Angemessenheit der helfenden Situationen. Und können so unter Umständen Hilfsbedürftigen mehr schaden, als sie ihnen nützen. Oder werden in ihrem Helferdrang schamlos ausgenutzt und entwickeln psychische Folgeschäden (Depressionen oder Burnout-Syndrom).
Literaturquelle: Die Sucht gebraucht zu werden, Melody Beattie, 2004, München, Taschenbuch, 10. Auflage, 285 Seiten, Wilhelm Heyne Verlag, ISBN 3-453-085520-5, Euro 8,95
Bildquelle: Interpretation zum Helfersyndrom von Fotokünstler Gerd Altmann auf pixelio.de
