Dieser Einladung zu einem Abend mit viel Humor und Witz folgten soviele Fans von Anatol Regnier, dem Enkel des bekannten deutschen Schriftstellers Frank Wedekind, dass ein Publikumsstau am Einlass zum Sitzplatz-Chaos führte. Wer hier Unterhaltung wie bei einer seichten Stammtisch-Runde suchte, wo man sich vor lauter Lachen auf die Schenkel klopft und mit einem Bauchmuskelkater wieder geht, der war definitiv fehl am Platz an diesem Abend. Denn Anatol Regniers Scherzanalyse im Referatsstil widmete sich dem tieferen Sinn und der Bedeutung von Witz und Humor.
Heinz Erhardt ist der Meister von Wort- und Satz-Verhaspelungen
Sein Großvater Frank Wedekind hatte zu Lebzeiten einmal definiert: „Der Humor ist der große Bruder des Witzes.“ Dieser Aussage ging Regnier in seinem Vortrag auf den Grund. Einen charakteristischen Unterschied gibt es für ihn konkret. „Der Witz regt an und der Humor beruhigt, deshalb sind witzige Menschen mager, haben scharfe Gesichtszüge und einen Hang zum Misstrauen. Die Humoristen dagegen sind gemütliche Zeitgenossen und daher häufig korpulent.“ Für Regnier ist ein solcher „Prototyp Heinz Erhardt“, der Meister von Wort- und Satz-Verhaspelungen, dessen berühmte Parodie „König Erl“ er dann auch gleich zum Besten gab. „Wer reitet so spät durch Wind und Nacht, es ist der Vater, es ist gleich sieben … falsch … es ist gleich acht.“
Vom Judenwitz, Preußenwitz und Blondinenwitz
Für Anatol Regnier ist in der Literatur der Humor und Witz selten enger verflochten als in Kurt Tucholskys Kurzgeschichte „Ein Ehepaar erzählt einen Witz.“ Also verwandelte sich der Vortragskünstler zum Paar, wechselte von der hellen Frauenstimme zur dunklen Männerstimme und war in dieser Doppelrolle so schön satirisch uneinig wie im richtigen Leben. „Herr Panter, wir haben gestern einen so reizenden Witz gehört. Also ein Mann wandert durch die Dolomiten und verirrt sich…Du machst einen ganz verwirrt, so geht der Witz gar nicht. Der Witz geht anders…lass mich jetzt erzählen.“ Auf dem endlos langen Weg zur Pointe klang Anatol Regnier wie Loriot. Und was ein Witz überhaupt ist, erläuterte der Scherz-Experte folgendermaßen: „Gute Witze sind kurz und so selten wie gute Menschen.“ Es gibt sie mit „Überraschungseffekt“ oder „mehrstufig mit Raketenzündung“ und solche, die laut Sigmund Freud eine „Beziehung zum Unbewussten aufnehmen.“ Und nimmt man schließlich die Zutaten, Pessimismus, Vitalität, Zynismus und ein wenig Weisheit dazu, dann wird daraus ein richtig guter Judenwitz, der eigentlich nichts anderes ist, als der Preußenwitz, der Blondinenwitz oder der Nonnenwitz. Mit Letzterem endete dann nach knapp zwei Stunden die Humoranalyse eines scherzhaften Abends mit Anatol Regnier.
