Was ist eine Kurzgeschichte? Definition der Short Story nach 1945

Wolfdietrich Schnurre: Funke im Reisig - Berlin Verlag
Wolfdietrich Schnurre: Funke im Reisig - Berlin Verlag
Wolfdietrich Schnurre war der erste deutschsprachige Short-Story-Autor. Seine Genre-Definition von 1959 hat aktuelle Gültigkeit. Tipp für Schule und Studium

Als Wolfdietrich Schnurre seinen Essay "Über Kritik und Waffe - Zur Problematik der Kurzgeschichte" veröffentlichte, hatte er selbst längst die besten Beweise dafür vorgelegt, dass die Short Story keine rein amerikanische Literaturgattung darstellt. Schnurre, einer der wichtigsten Vertreter der deutschsprachigen "Kahlschlagliteratur" nach dem Zweiten Weltkrieg, Mitbegründer der legendären literarischen "Gruppe 47" und Büchner-Preisträger, hatte 1959 neben Gedichtbänden, Fabeln, heiteren tagebuchartigen Prosastücken, Bilddokumentationen über die geteilte Stadt Berlin sowie journalistischen Essays viele Erzählungen veröffentlicht.

Vorbilder Ernest Hemingway und William Faulkner

Wolfdietrich Schnurre (1920-1989) gilt für die deutschsprachige Literatur des 20. Jahrhunderts als erster und bester Meister der nach amerikanischem Vorbild geschriebenen Short Story im Geiste von Ernest Hemingway und William Faulkner. Wenn Schüler heutiger Zeit im Deutschunterricht lernen, woran eine Kurzgeschichte zu erkennen ist und was ihr Wesen ausmacht, nehmen Lehrer in den oberen Klassen gern die Definition und die Erklärung Schnurres von 1959 als Grundlage. Diese Poetologie ist bis heute aktuell und findet ebenso im Germanistikstudium Berücksichtigung. Schnurre veröffentlichte sie als Teil seiner dritten größeren Sammlung von Erzählungen. Die Anthologie "Funke im Reisig" inklusive dieses Short Story-Essays , zwei weiterer Sammlungen früher Geschichten und zwei von Schnurre illustrierte Bücher, daruntereine herrliche Weihnachtsgeschichte als Bilderbuch, wurde vom Berlin Verlag zur Feier des 90. Geburtstages von Wolfdietrich Schnurre neu herausgebracht, ebenso sein bedeutendes Tagebuch "Der Schattenfotograf".

Wolfdietrich Schnurre schrieb fundamentalen Essay über die Kurzgeschichte

Auf neun Druckseiten formuliert Schnurre in zwölf Punkten seine exzellente Programmatik der deutschsprachigen Kurzgeschichte, zusammenegefasst wie folgt:

1. Was eine Kurzgeschichte nicht ist:"eine x-beliebige kurze Erzählung", auch keine Anekdote, keine Skizze, keine klassische Erzählung. Ihre Sprache ist "einfach, aber niemals banal". Ihre Stärke: Weglassen. Ihr wichtigster Kunstgriff: Untertreibung.

2. Mark Twain, Edgar Allan Poe und O. Henry wussten, wie es geht

Schnurre definiert die Kurzgeschichte als eine Waffe, die die Menschenwürde verteidigt und die den einzelnen Menschen fokussiert. Ihr Ursprung ist die amerikanische Short Story, ihre Wurzeln finden sich "in Mark Twains Grotesken, Edgar Allan Poes Nachtstücken oder in O.Henrys mathematisch erklügeltem Pointengerassel".

3. Kinder, Boxer, Ehepaare

Es geht der Short Story nicht um um den Menschen, wie er sein könnte, sondern wie er ist. Durchschnittsmenschen interessieren genauso wie Außenseiter. Schnurre nennt schwache oder ausgepowerte Menschen: "Kinder, Geisteskranke, verstümmelte Boxer, schwachsinnige Tramps, seelisch ausgehöhlte Ehepaare und innerlich zu Tode verwundete Kriegs-'Helden'".

4. Literarische Mittel der Kurzgeschichte

Was der Held tut, sei wichtig, nicht, was er denkt. Es gibt keine Parallelhandlungen wie zum Beispiel im Roman, Dialoge sind monoton und untertreiben, der Ton kühl, die Beschreibung präzise, alltagsnah.

5. Think Big: Keine Short Story ohne MissständeDamit die Short Story nicht zur bloßen Unterhaltung degeneriert, "müssen angreifenswerte soziale oder politische Missstände vorhanden sein, die der Short Story-Autor attackieren kann." Kurzgeschichten brauchen laut Schnurre Großstädte, Schienenstränge, Steppen, Wälder und Savannen, in denen Naturkatastrophen, Verbrechen, Diskriminierung, Verfolgung vorkommen.

6. Short Story gleich Kleine Form für Printmedien

Der Autor von Kurzgeschichten ist nach Schnurres Definition immer Moralist: "Er schreibt, weil ihm etwas nicht passt, weil er empört, erschüttert, in Mitleidenschaft gezogen ist." Er veröffentlicht seine Geschichten erst nachrangig in Büchern, zunächst in Magazinen und Zeitungen.

7. Wolfgang Borchert verfasste "Draußen vor der Tür" und viele Short Storys

Der früh verstorbene Wolfgang Borchert, der als Todgeweihter zwischen 1945 und 1947 zahlreiche Erzählungen, Gedichte und das weithin beachtete Drama "Draußen vor der Tür" geschrieben hatte, war nach Wolfdietrich Schnurres Meinung einer der ersten "profiliertesten Vertreter" der deutschsprachigen Short Story der Nachkriegszeit. (Bescheiden verschweigt Schnurre hier seine eigenen Verdienste.)

8. Warum die Short Story erst nach 1945 in die deutschsprachige Literatur einzog

Dass die Short Story erst nach 1945 im deutschsprachigen Raum beachtet wurde und Wurzeln schlug, lag einerseits an der restriktiven Haltung der Nationalsozialsten, andererseits aber auch "im Stofflichen: in der Überfülle an peinigenden Erlebnissen aus den Kriegsjahren. Schuld, Anklage, Verzweiflung".

Interpretationshilfe für Schüler und Studenten

Die Punkte 9 bis 12 handeln vom vermeintlichen Verfall der deutschen Kurzgeschichte, den Schnurre überwiegend aus der gesellschaftlich-sozialen Entwicklung und Veränderung des Lebens der Fünfziger im Übergang zu den Sechziger Jahren in Deutschland ableitet. Die Passagen lesen sich nichtsdestotrotz sehr spannend, entbehren im Rückblick aus heutiger Sicht stellenweise nicht der Komik, führen aber programmatisch für die Definition der Short Story nur bedingt weiter. Punkt 12 betont nochmals ausführlich die unabdingbare Voraussetzung von aktuellen "Geschichtsstoffen", die der Schriftsteller aktuell aufgreifen sollte. Wer sich vertieft mit dem Thema Kurzgeschichte auseinander setzt, sollte diese Essayteile nicht übergehen, für die oberflächliche Beschäftigung genügen die Aussagen 1 bis 9.

Wolfdietrich Schnurre: Kritik und Waffe - Zur Problematik der Kurzgeschichte. In: Schnurre: Funke im Reisig. Seite 400-408. Berlin Verlag 2010. Gebunden. 26 Euro.

Andrea Reidt, Freie Journalistin, Foto Monika Werneke

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