In der BRD sterben jährlich etwa 844.000 Menschen. Mehr als die Hälfte davon stirbt in Krankenhäusern und anderen Behandlungs- oder Pflegeeinrichtungen. 25% sterben so, dass Pflegekräfte von einem unwürdigen Tod sprechen. Sterben findet nicht selten in Abstellräumen der Krankenhäuser statt, abgeschoben – ohne Betreuung und ohne Begleitung. Für eine Sterbebegleitung steht kaum Zeit zur Verfügung, oft mangelt es an der gezielten Ausbildung. Palliativmedizinische Aspekte werden immer unzureichend bedacht. Es lässt sich unschwer folgern: Der Anspruch eines jeden Menschen auf einen würdigen Tod ist nur unzulänglich gewährleistet! Doch muss man sich der Tatsache gewahr sein, dass dem Wunsch nach einem menschenwürdigen Sterben auch ein menschenwürdiges Leben vorausgehen muss. Hängt nicht ein menschenwürdiges Leben (und damit auch sein Sterben) hauptsächlich davon ab, in welchem Teil der Welt es geboren wird? Wenn es die „Gnade der Geburt“ (Altkanzler Kohl) gibt, so muss es auch eine solche des Todes geben.

Doch so gewiss Tod und Sterben zu unserem Leben gehören, so unleugbar stellen sie für uns ein Problem dar. Diesen Gedanken präzisiert der Soziologe Norbert Elias, der in seinem Essay in soziogenetischer und psychogenetischer Perspektive die Tendenzen zeitgenössischer Gesellschaften und der ihren zugehörigen Persönlichkeitsstrukturen aufzeigt, welche für die Besonderheit des Todesbildes und damit für Art und Ausmaß der sozialen Verdrängung des Todes in den entwickelten Nationalgesellschaften verantwortlich sind: „Der Tod ist ein Problem der Lebenden. Tote Menschen haben keine Probleme. Unter den vielen Geschöpfen auf dieser Erde, die sterben, sind es allein die Menschen, für die Sterben ein Problem ist (…) Sie allein unter allen Lebewesen wissen, daß sie sterben werden; sie allein können ihr eigenes Ende voraussehen (...)“

Sterbebegleitung

Die Begleitung von Sterbenden wird immer stärker zu einem gesellschaftlich relevanten Thema und zu einer Herausforderung sowohl der privaten als auch der öffentlichen Träger (Vereine, Caritas, Diakonie, Kommune und andere) im Sozial- und im Gesundheitsbereich. Auch die inhaltlich-theoretische Auseinandersetzung um einen menschenwürdigen Umgang mit Sterbenden hat enorm zugenommen.

In Würde sterben jedoch scheint schwer in einer Gesellschaft, die den (Gebrauchs-)Wert eines Menschen an Jugend, Leistungsfähigkeit und Gesundheit misst. Jugend und Schönheit stellen die populären Werte dar. Alter und Tod werden verdrängt, obgleich die demographische Entwicklung mit einer längeren Lebenserwartung und immer mehr hochbetagten Menschen die Gesellschaft verändert.

Das Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Sterben

Das Menschenrecht auf ein selbstbestimmtes und menschenwürdiges Sterben ist allgemein unumstritten. Immer lauter wird die Forderung erhoben, den Zeitpunkt des eigenen Todes mit ärztlicher Hilfe selbst wählen zu können. Besonders die fortschreitende Liberalisierung der Sterbehilfe in den Niederlanden wirkt als Signal. Die Legalisierung der Tötung kranker und alter Menschen wird bereits ernsthaft gefordert und diskutiert. „Euthanasie“, der „gute Tod“, ist in den letzten drei Jahrzehnten in den Fokus öffentlicher Diskussion gerückt.

Verdrängung des Todes

In der modernen westlichen Gesellschaft werden Tod und Sterben zunehmend verdrängt, die Sterbenden abgeschoben in Krankenhäusern oder Pflegeeinrichtungen. So wies schon der Vater der Psychoanalyse Sigmund Freud auf die menschliche Tendenz hin, „den Tod beiseite zu schieben, ihn aus dem Leben zu eliminieren. Wir haben versucht, ihn totzuschweigen (…) Im Grunde glaubt niemand an seinen eigenen Tod“.

Sterben und Tod sind eine Wirklichkeit, die alle Menschen angeht

Darüber hinaus lassen die enormen Fortschritte der Medizin den Eindruck entstehen, Leben und Gesundheit seien hauptsächlich eine Frage des therapeutischen Aufwands. Gleichermaßen wird es für den modernen Menschen schwieriger, den Tod als Bestandteil des Lebens zu akzeptieren und sich – soweit möglich – darauf vorzubereiten. Doch Sterben ist nicht nur eine Sache von Alten und Kranken: Vom ersten Moment in dem wir zu leben beginnen, sind wir Todeskandidaten. Niemand, so sagt der Volksmund, ist zu jung, um nicht zu sterben und niemand zu alt, um nicht noch einen Tag länger leben zu können. So gesund wir sein mögen, wird der Tod uns immer verfolgen und oft sterben Menschen zum Beispiel durch Unfall oder Verbrechen, die sich bester Gesundheit erfreuten.

Es ist, wie Montaigne so schön sagte: „Wir sterben nicht, weil wir krank sind, sondern weil wir leben.“ Manchen Schwerkranken und Sterbenden hilft der Glaube an ein Weiterleben oder an eine Wiedergeburt, um ihren Tod gelassen entgegenzusehen; andere indes wehren die Möglichkeit des Sterbens bis zur letzten Sekunde ab und wollen das unwiderrufliche Ende nicht wahrhaben. Mit Recht bemerkt der Psychologe Heinrich Pompey: „Sterben und Tod werden nicht mehr als Teil des Lebens angenommen: Die Menschen sind schier unfähig geworden zu trauern und damit auch zu sterben, da sie unfähig geworden sind zu leben.“ Das Leben ist kompliziert geworden, aber auch das Sterben.

Der eigene Tod indes ist ein Factum brutum (Tatsache), das jeden Menschen mit Gewissheit erwartet; ungewiss sind nur der Zeitpunkt und die Art und Weise des Sterbens. Und diese Ungewissheit beinhaltet auch die Möglichkeit, in einem Zustand der Hilflosigkeit und Handlungsunfähigkeit sein Lebensende in einem Krankenhaus erwarten zu müssen, am Leben erhalten, durch medizinische Technologie und, obwohl selbst das eigene Leben nur noch als Last empfindend, fremdbestimmt an der Fügung in das eigene Schicksal gehindert zu werden.

Was ist menschenwürdiges Sterben?

In erster Linie geht es um pflegerische Dienste, die an einem Sterbenden geschehen können und müssen, durch die der Sterbende seine eigene Selbstgewissheit erst wiedergewinnt. So besteht ein Recht eines Menschen, von Menschen angemessen und kontinuierlich umsorgt zu werden. Wenn er menschenunwürdig, d.h. also überhaupt nicht gepflegt und völlig verkommen daliegt und dahinsiecht, führt dies zu einem Bruch seines Selbstbewusstseins und seiner Selbstgewissheit. Um diesen ganz schlichten Sachverhalt geht es zunächst, wenn man von menschenwürdigen Sterben spricht. Würde hat der Mensch offenbar nicht, sie kommt ihm vielmehr von seiner Umgebung zu; zumal als Sterbender empfängt er sie vom Pflegepersonal. Darauf ist er angewiesen. Eine Begleitung in der Geborgenheit einer vertrauten Umgebung (sei es zu Hause, im Hospiz oder in anderen Pflegeeinrichtungen) mit Schweigen und Sprechen, Lindern und Pflegen ist die letzte Möglichkeit, die jemandem gegenüber gewährt werden kann, um menschenwürdig dahin Abschied zu nehmen, woher er gekommen ist.

Fazit: Vor dem Hintergrund dieser Problematik zielt der vorliegende Artikel auf eine Beantwortung der gewählten Fragestellung: „Was ist menschenwürdiges Sterben?“ Diese Frage (zu) stellen heißt, ihre Relevanz für Sterbende zu erkunden. Sie lautet streng genommen: „Ich möchte in Würde sterben können und dürfen“. Sie wird vom Sterbenden hergestellt und von jedem Menschen, der sich schon als Gesunder seiner Sterblichkeit stellt. Die Rede vom „menschenwürdigen Sterben“ scheint zu allgemein, um für die Person eines bestimmten Sterbenden gültig sein zu können. Auf sein Verständnis von seiner Würde kommt es an: „Mein Sterben, mein Tod“.

Bildnachweis: Rike / pixelio.de

  • Elias, Norbert: Über die Einsamkeit der Sterbenden, Frankfurt am Main, 1982 (Zitate: S. 10f.).
  • Freud, Sigmund: Zeitgemäßes über Krieg und Tod, in: GW, Bd. X (Zitat: S. 47).
  • Pompey, Heinrich: Sterbende nicht allein lassen. Erfahrungen christlicher Sterbebegleitung, Mainz 1996 (Zitat: S. 13; vgl. auch die empirischen Untersuchungen auf S. 23).
  • Montaigne, Michel de: Essais. Erste moderne Gesamtübersetzung von Hans Stilett, Frankfurt am Main, 1998 (Zitat: S. 868).