Was ist Sozialgeschichte?

Bedeutungen und Ursprünge der Geschichte der Gesellschaft

Was ist eigentlich "Sozialgeschichte" und wo liegen ihre Ursprünge?

Eine Klärung der Frage, was unter Sozialgeschichte zu verstehen ist, muss sich der Dreifachbedeutung des Begriffs zuwenden. Sozialgeschichte ist

  1. eine Teildisziplin der Geschichtswissenschaft, die sich mit sozialen Strukturen, Prozessen, Handlungen und Ideen befasst. Hauptgegenstände der Forschung sind soziale Gruppen, Schichten, Klassen, Organisationen, Institutionen, zunehmend aber auch Mentalitäten, kulturelle Praktiken und Diskurse.
  2. eine Methode der historischen Forschung, die theoretische Modelle der Nachbarwissenschaften entlehnt und auf die Geschichte anwendet. Als „Theorielieferanten“ sind Soziologie, Psychologie und Wirtschaftswissenschaften, neuerdings auch Ethnologie, Anthropologie und Literaturwissenschaften zu nennen. Im Unterschied zur Sozialgeschichte als Teildisziplin beschränkt sich die Sozialgeschichte als Methode nicht auf das Themenfeld des Sozialen, daher sollte präziser von historischer Sozialwissenschaft gesprochen werden.
  3. ein integrierender Zugriff auf die allgemeine Geschichte, der Strukturen sozialer Ungleichheit als Zentrum der Geschichte ganzer Gesellschaften begreift. Dieser Ansatz wird treffender auch als „historie totale“ oder Gesellschaftsgeschichte bezeichnet, denn auch in der dritten Bedeutung beschränkt sich die Sozialgeschichte nicht auf das Themenfeld des Sozialen, sondern bezieht Politik, Wirtschaft und Kultur ein.

Aufklärungshistorie

Ob die Sozialgeschichte ihren Ursprung in der Aufklärungshistorie hat, ist in der Historiographiegeschichte umstritten. Dafür spricht, dass nach der Abwendung von der dynastischen Geschichtsschreibung zur Zeit der Aufklärung, erstmals die breiten Bevölkerungsschichten, ihre Sozialstruktur und Alltagskultur in den Blickwinkel der Historiker rückten. Auch die Anwendungsorientierung historischer Erkenntnisse für die Gestaltung von Gegenwart und Zukunft, erinnert an die moderne Sozialgeschichte. Die Aufklärungshistorie wurde im Zeitalter der Romantik allerdings vom Historismus, der die Verwissenschaftlichung der Geschichtsschreibung für sich reklamierte, verdrängt.

Industrialisierung und „soziale Frage“

Unbestritten ist die Verwurzelung der Sozialgeschichte im Zeitalter von Industrialisierung und „sozialer Frage“. Ende des 19. Jahrhunderts begannen Historiker, sich für Arbeiter- und Arbeiterbewegungsgeschichte sowie die Erforschung des Zusammenhangs von Sozialstrukturen und technisch- ökonomischen Entwicklungen zu öffnen. Diese Themenstellungen blieben bis ins 20. Jahrhundert dominant und sorgten für eine enge Verbindung mit der Wirtschaftsgeschichte. Sozialgeschichtliche Ansätze wurden von der staatsnahen und konservativen Zunft als „links“ oder zumindest „kathedersozialistisch“ wahrgenommen und, wie z.B. im Lamprechtstreit, vehement bekämpft. Daher kam die Sozialgeschichte zunächst nicht über einen Außenseiterstatus in der Geschichtswissenschaft hinaus und gliederte sich im akademischen Betrieb häufig der Soziologie oder Wirtschaftswissenschaft an.

Volkskunde und Volksgeschichte

Erst vor kurzem sind die „rechten“ Wurzeln der Sozialgeschichte in Volkskunde und Volksgeschichte entdeckt und aufgearbeitet worden. In Deutschland gilt Wilhelm Heinrich Riehl (1823- 1897) als Gründervater einer Volkskunde, die eine starke Nähe zu völkischen Ideologemen wie Raum, Rasse, Agrarromantik und Antisemitismus aufwies. Im Nationalsozialismus wurde dieser Ansatz mit einem moderneren Methodenrepertoire zur Volksgeschichte ausgebaut, die insbesondere zur Rechtfertigung der Lebensraumpolitik eingesetzt wurde. Es führt jedoch kein direkter Weg von der Volksgeschichte zur Sozialgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Erstens liegen neben den personellen keine inhaltlichen Kontinuitäten vor. Zweitens wird zumeist übersehen, dass es ähnliche Traditionsstränge der Sozialgeschichte auch in anderen Ländern, insbesondere in Frankreich, gab.

Sozialgeschichte in der Bundesrepublik

Trotz des einflussreichen „Arbeitskreises für Sozialgeschichte“ (1957) um Otto Brunner und Werner Conze, löste die Sozialgeschichte in Deutschland erst in den 1960er Jahren die staats-, personen- und ereigniszentrierte Politikgeschichte als Leitdisziplin der Geschichtswissenschaft ab. Begünstigt wurde diese Entwicklung vom politischen Klima, das durch die sozialliberale Koalition geprägte wurde. Mitverantwortlich dürfte aber wohl auch der Druck „von links“ durch die 68er Bewegung und den sozialgeschichtlichen Vorsprung der DDR- Historiker gewesen sein. So verstand sich die moderne deutsche Sozialgeschichte nicht nur als Gegenentwurf zur historistischen Politikgeschichte, sondern auch zu Marxismus und Neomarxismus. Theoretischer Hauptbezugspunkt wurde das Werk des Soziologen Max Weber (1864- 1920), das vor allem die „Bielefelder Schule“ um Hans- Ulrich Wehler bis heute prägt. In vielen anderen Ländern können die 60er Jahre zwar auch als Zäsur gelten, jedoch hatte hier die Sozialgeschichte bereits in der Zwischenkriegszeit einen Bedeutungsgewinn erzielt, der in Deutschland ausgeblieben war. Auch in ihren thematischen und methodischen Schwerpunkten unterscheiden sich andere nationale Sozialgeschichtstraditionen vom deutschen „Weberianismus“.

Fortsetzung: Sozialgeschichte in der Diskussion

Literatur

Hettling, Manfred (Hg.), Was ist Gesellschaftsgeschichte? Positionen, Themen, Analysen, München 1991.

Kocka, Jürgen, Sozialgeschichte, Göttingen (2.Aufl.) 1986.

Kocka, Jürgen, Sozialgeschichte, in: Stefan Jordan (Hg.), Lexikon Geschichtswissenschaft, Stuttgart 2002, S. 265-269.

Raphael, Lutz (Hg.), Von der Volksgeschichte zur Strukturgeschichte. Die Anfänge der westdeutschen Sozialgeschichte 1945- 1968, Leipzig 2002.

Schulz, Günther/ Buchheim, Christoph/ Fouquet, Gerhard (Hg.), Sozial- und Wirtschaftsgeschichte. Arbeitsgebiete – Probleme – Perspektiven, Stuttgart 2005.

Wehler, Hans- Ulrich (Hg.), Moderne deutsche Sozialgeschichte, Köln 1976.

Thomas Gräfe - Studium Geschichte, Englisch und Sozialwissenschaften in Bielefeld und Brighton (1997- 2003) Beruf im ...

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