"Wer das jetzt Vorhandene gesehen, der hat alles überschaut, was von jeher war und was in alle Ewigkeit sein wird. Denn alles ist von derselben Natur und Art.“ (Mark Aurel 121-180 n. Chr., römischer Kaiser). Nach Aurels Definition, was Zeit ist, kann diese eine Augenblickaufnahme sein, genauso gut kann sie Ewigkeit darstellen. Das Phänomen Zeit hat lediglich in unserer intuitiven Vorstellung etwas Absolutes und Universelles, und somit etwas Relatives. Oder gibt es tatsächlich so etwas wie eine Weltzeit, eine kosmische Zeit? Was es gibt, ist eine "Weisheit der Zeit“, als eine Obhut, in der sich Menschen hineinbegeben: im Erleben des Alltags, der Natur, der Landschaft, der zwischenmenschlichen Beziehungen. Diese "Weisheit der Zeit“ wird einerseits im Erinnern erkannt, andererseits als Hoffnung in der Suche nach dem Lebenssinn. Unsere Vorstellung von der Zeit entsteht durch das immer noch nicht voll enträtselte Zusammenspiel von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Das Jetzt als ein Punkt der Ewigkeit

Damit Zeit für Menschen greifbar, wenn auch nicht begreifbar, wird und sie eine gewisse Vorstellung von ihr bekommen, wird Zeit gemessen. Als kleinste Maßeinheit im alltäglichen Leben gilt die Sekunde, die gerade mal einen Wimpernschlag lang ist. Der Sekunde folgen Minuten, Stunden, Tage, Monate, Jahre. Diese Maßeinheiten der Zeit haben somit eine genau vorgegebene Größe. Trotz dieser Tatsache erscheint Zeit relativ. Fünf Minuten zum Beispiel können zur Ewigkeit werden, andererseits in null Komma nichts vorüber sein. Im Rahmen der chronologischen Zeitmessung ist eine solche Aussage ziemlicher Unsinn. Fünf Minuten sind exakt fünf Minuten – weder sind sie besonders lang noch kurz, sondern eben genau fünf Minuten. In manchen Situationen im Leben trifft dies nicht mehr zu, da wird Zeit anders empfunden. Tritt eine solche Situation ein, können sich fünf Minuten in der Tat endlos lang hinziehen, während ganze Stunden wie im Flug vergehen kann. Wenn beispielsweise auf eine wichtige ärztliche Diagnose gewartet wird, können fünf Minuten sehr lang werden. In fröhlicher Runde dagegen vergehen ganze Stunden wie im Flug, und man kann nicht glauben, dass die Zeit so schnell vergangen ist.

Zeit wird auf zweierlei Art gemessen

Um dem Geheimnis Zeit auf der Spur zu bleiben, ist es gut zu wissen, dass Zeit mit zweierlei Maß gemessen wird. In diesem Fall ist es tatsächlich so, während in anderen Bereichen des Lebens mit zweierlei Maß messen eher für Unmut sorgt. Einmal wird Zeit mit dem Uhrschlag gemessen und einmal mit dem Herzschlag. Oder wie es in der Sprache der Antike heißt: mit dem Chronos und dem Kairos. Der Chronos ist ein exakter Zeitmesser. Während dagegen mit dem Kairos die Zeit gemeint ist, die sich unserer Verfügung entzieht, weil eine höhere Instanz in unser Leben eingreift. Diese Zeit wird nicht mit dem Uhrschlag, sondern dem Herzschlag gemessen. Bei Bewusstseinsverlust etwa tritt eine solche Situation ein. Zeit hat für den Betroffenen dann eine andere Bedeutung, weil sie gewissermaßen außer Kraft gesetzt ist. Für ihn bedeutet dieser Zustand ein Stillstand der Zeit, obwohl diese ihren Lauf weiterhin nimmt. Das Gefühl für Zeit ist für ihn nicht mehr vorhanden. In Anbetracht dieser unterschiedlichen Zeitmessung hat es schon seine Berechtigung, wenn so Gegensätzliches gesagt wird wie: Die Zeit vergeht schnell wie im Flug. Oder eben das andere Extrem: Die Zeit scheint stillzustehen.

Anfang und Ende der Zeit

Die Zeit die aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft hervorgeht, war zu allen Zeiten etwas, mit dem Menschen sich viel beschäftigten, ohne zu merken, wie schnell sie ihnen doch in den Händen zerfloss. Den Sinnen erscheint Zeit nicht, dennoch gibt es sie. Wenn es um Angenehmes geht im Leben, um Vergnügen, erscheint die Zeit kurz. In Leid und Not dagegen erscheint sie unendlich lang. In der Zeit, so heißt es, ist die Welt erschaffen. Was aber war die Zeit vor der Zeit? Hat sie einen Anfang? Wenn ja, dann müssen wir uns vor ihrem Anfang eine leere Zeit denken. Also wieder eine Zeit, und vor ihr wieder eine. Irgendwie übersteigt das unser Fassungsvermögen. Oder hat die Zeit etwa gar nie begonnen, sondern war einfach da? Eine ewige Größe sozusagen? Auch das ist nicht wirklich verständlich.

Die großen Denker und Gelehrten, die sich zu allen Zeiten mit der Zeit beschäftigt und über sie nachgedacht haben, fanden keine befriedigende, geschweige denn eine abschließende Antwort darauf, was Zeit ist. Was Männer wie Aristoteles, Mark Aurel, Goethe, Kiergegaard, Nietzsche bis hin zu Marcel Proust und Vladimir Nabokov hinterließen, sind philosophische Fragmente und Denkwürdigkeiten über das Phänomen Zeit. So ist die Zeit ein Geheimnis unseres Lebens, und in einer Art "Kampf um den Augenblick“ versuchen wir die Zeit bewusst zu erfahren, als unsere eigene Zeit. Mit dem Wissen, dass diese sehr wohl ein Ende hat.

Quelle: Zeit – Geheimnis des Daseins. Verlag Langen-Müller