Was steckt im Pilz: über Geister, Mittel gegen Wanzen und Rheuma

Der Fliegenpilz sollte gegen Rheuma helfen. - Sascha Weber/pixelio.de
Der Fliegenpilz sollte gegen Rheuma helfen. - Sascha Weber/pixelio.de
Am Anfang war die Sünde, danach eine göttliche Verfügung. Daraus entstand - so will es die polnische Tradition - ein ungewöhnliches Lebewesen: der Pilz.

Bei unseren östlichen Nachbarn – in Polen – spielen Pilze seit eh und je eine wichtige Rolle, sowohl als Nahrung wie auch als Heilmittel. Die Bedeutung dieses Lebewesen, mit eigenem Reich neben Pflanzen und Tieren, untermauert eine Legende.

Die Legende über die Entstehung der Pilze

Das polnische Volk glaubte einst an eine ungewöhnliche Herkunft von Pilzen. Kein geringerer als Jesus soll dabei mitgewirkt haben. So erzählte man sich, dass Jesus mit seinen Aposteln Petrus und Paulus – allesamt als Habenichtse verkleidet – von Dorf zu Dorf wanderten und Menschen um Unterstützung baten. Unterwegs nahm Petrus heimlich einige Brocken von dem Brot, das als Vorrat aufgehoben werden sollte. Er konnte sie jedoch nicht runterschlucken, weil ihm Jesus ständig Fragen stellte und er darauf antworten musste. Petrus spuckte darum die durchgekauten Brotstücke aus. Jesus sah dies und ließ daraus Pilze entstehen.

Ihre Schöpfung war demnach mit der Sünde der Lüge und Gier behaftet: Beide Eigenschaften charakterisieren dämonische Kräfte. Aus diesem Grund tragen Pilze in sich gleichermaßen die göttlichen wie die teuflischen Elemente. Entstanden aus Brot und teuflischem Speichel vereinen sie in sich das Gute und das Böse. Sie sind nahrhaft, gleichwohl aber verfügen sie über gefährliche Energien.

Magische Pilze im magischen Wald

Durch ihre Verbindung zu den dämonischen bösen Mächten sollten manche Pilze den Menschen viele Schaden anrichten. Fasste jemand solch ein verdächtiges Stück an, riskierte er Brandwunden, oder seine Hände wurden schwarz. Das Volk glaubte innig daran. Genauso, dass sich Pilze in Kröten verwandeln, Krankheiten auslösen und den Kühen die Milch verderben konnten. Bevor man also den Wald betrat, sollte man sich zum Schutz waschen. Das Beten oder Bekreuzigen war dagegen nicht zu empfehlen. In diesem Falle verschwänden alle Pilze unter der Erde – auch die essbaren.

Im Wald herrschten bekanntlich magische Zustände. Die bösen Geister spukten in der Nacht und führten Menschen auf Irrwege. Auf den Baumgipfeln schaukelten Nymphen und Nixen und verführten die unvorsichtigen Jungen, um sie dann raffiniert durch Kitzeln zu töten. Die Pilzsammler sollten außerdem auf ungewöhnliche Stellen achten: Es könnte sich dabei um ein „Leck“ ins Jenseits handeln.

Pilze gegen Teufel, Insekten und Krankheiten

Pilze fanden eine breite Verwendung: Sie nährten, heilten und obendrein vertrieben sie böse Geister. Gegen Teufel und Zauberei half angeblich der Blätterpilz Agaricus emeticus, aber erst nachdem man ihn am Fronleichnam oder an der Mariä Himmelfahrt mit Weihwasser traktiert hatte. Danach legte man ihn an dieTüre, ans Fenster oder den Kamin und schon war das Haus vor Spuk und Geistern gesichert.

Den roten Fliegenpilz gebrauchten Menschen als Gift gegen Insekten. Gekocht in der Milch oder im Wasser und zu Brei zerdrückt, wurde er gegen Wanzen in Wand- und Bodenspalten geschmiert.

Zugleich diente er als Heilmittel gegen Rheuma. Dafür bereitete man einen Fliegenpilz-Likör: Eine Flasche wurde mit Stücken von frischen Fliegenpilzen gefüllt. Obendrauf kam der Wodka. Die Flasche mit dem Inhalt vergrub man dann für mindestens 9 Tage im Pferdedünger. Den fertigen Likör benutzten die Kranken später zum Einreiben der schmerzenden Glieder.

Frische Fliegenpilze legte man auf Geschwüre, Geschwülste und Furunkel. Die gleiche heilende Wirkung schrieb man dem Bovist zu. Meist nutzten Menschen zu diesen Zwecken jedoch getrocknete Steinpilze, Birkenpilze und Butterpilze. Aus den in Milch eingeweichten Stücken machte man kalte Umschläge oder Kataplasmen.

Bildnachweis: Sascha Weber/pixelio.de

Quelle: Anna Trojanowska, Wiedza o grzybach leczniczych. (Kenntnisse über die Heilpilze) Wydawnictwo Retro-Art. Warszawa (Warschau) 2008. 456 Seiten.

Grazyna Gintner, Grazyna Gintner

Grazyna Gintner - Ich habe als Journalistin in Polen gearbeitet. Seit Jahren lebe ich in Deutschland. Neulich brachte ich unter dem Pseudonym Lydia Sanojar ...

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