
- Schulische Gewalt fordert mutige Lehrer. - mediendienste
Wissensvermittlung ist nur ein Teil von dem, was Lehrer tun. Sie leisten auch einen wichtigen Beitrag zur emotionalen und moralischen Entwicklung von Kindern und spielen eine zentrale Rolle bei der sozialen Erziehung und Veränderung junger Menschen. Besonders solchen Schülern, die Erfahrungen mit häuslicher Gewalt gemacht haben, können Lehrer alternative Wege für gewaltloses Verhalten aufzeigen und Anteilnahme oder friedliche Konfliktlösungsmodelle vermitteln. Ein am 15. April 2011 von der Bildungs-, Wissenschafts- und Kulturorganisation der Vereinten Nationen (UNESCO) veröffentlichter Leitfaden für Lehrer nimmt nunmehr verschiedene Formen von Gewalt unter die Lupe, mit denen Schüler, Lehrer und Erzieher zunehmend in den Schulen selbst konfrontiert sind.
Unterschiedliches Verständnis von Gewalt
Zahlreiche Faktoren führen zu Gewalt in Schulen. Sie umfassen unterschiedliche kulturelle Auffassungen von Gewalt, sozial-ökonomische Einflüsse, das Elternhaus der Schüler oder das Umfeld der Schule. Es kann beispielsweise gravierende Unterschiede zwischen Kulturen und Gesellschaften geben, wann von gewaltsamen Aktionen und einer aggressiven Umgebung gesprochen wird. Unabhängig vom kulturellen oder sozialen Kontext der Schule trifft man auf physische und psychische Formen der Gewaltanwendung.
Der 2006 von den Vereinten Nationen veröffentlichte Bericht über Gewalt an Kindern differenziert zwischen vier Hauptformen von Gewaltausübung, nämlich physischer und psychischer Bedrohung, Tyrannisieren und Demütigen, sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, sowie äußerer Gewalt (zum Beispiel der Einfluss von Banden, Konfliktsituationen, Waffen und Kampfhandlungen).
Internet wird zur Plattform für Mobbing
Eine der häufigsten Formen ist das Tyrannisieren (bekannter durch die englischen Begriffe „bullying“ oder „mobbing“), wobei Schüler wiederholt aggressiven Aktionen ausgesetzt sind, die Verletzungen oder Unbehagen durch Diffamierung, verbale Attacken, Kampfhandlungen oder psychologische Einschüchterung verursachen. Vielfach werden verstärkt die sogenannten sozialen Netzwerke des Internet dazu missbraucht, Mitschüler zu „mobben“. Nach neuesten Analysen, beispielsweise der Universität Hohenheim, geschieht das Bullying im Cyberspace nicht etwa durch gewaltbereite Außenseiter, sondern vermehrt durch allgemein anerkannte selbstbewusste Schüler, zu denen sich andere hingezogen fühlen.
Die UNESCO-Studie mit dem Titel „Gewalt in der Schule verhindern: Anleitung für Lehrer“, die zum Abschluss der „Internationalen Dekade für eine Kultur des Friedens und der Gewaltlosigkeit für die Kinder der Welt (2001-2010)“ herauskam, bietet den Pädagogen nunmehr praktische Vorschläge an, wie sie Aggressionen und Gewalt in der Schule vorbeugen können. Dabei werden zehn Aktionsfelder vorgestellt, jedes mit spezifischen Beispielen, die Lehrer aufgreifen können, um das Thema Gewalt anzusprechen und deren Anwendung zu verhindern.
Einfacher und positiv formulierter Verhaltenskodex für jedes Klassenzimmer
Der erste Grundsatz sollte eine ganzheitliche Auseinandersetzung mit Gewaltanwendung oder -androhung sein, bei der Schüler, Schulpersonal, Eltern und die Gemeinde zusammenarbeiten. Menschenrechte und Friedenserziehung sollten stets Bestandteil des Unterrichts sein, um die Schüler über ihre Rechte aufzuklären und sie zu Partnern bei der Gewaltverhütung zu machen.
Bewährt hat sich nach UNESCO-Erfahrungen auch die Einführung von fünf bis sechs einfachen und positiv abgefassten Verhaltensregeln im Klassenzimmer, um konstruktive Disziplintechniken anzuwenden, die auch Belohnungen für positives Verhalten einschließen. Erfolge, die vor der Klasse anerkannt werden, sind für die meisten Schüler sehr wichtig.
Lehrer sollten stets eine aktive Rolle gegen Mobbing oder Bullying einnehmen und sich mit dem Kollegium, den Schülervertretern, dem Schulpersonal und der Gemeinde im Schulbezirk verständigen, welche gemeinsamen Maßnahmen gegen die Urheber verbaler oder körperlicher Gewalt unternommen werden können. Wichtig ist dabei auch der Schutz jener, die ihre Lehrer über Fälle von Gewaltanwendung informieren.
Die Stressresistenz von Schülern stärken
Ebenso wichtig ist es aber auch, die Belastbarkeit der Schüler zu entwickeln, damit sie mit den alltäglichen Herausforderungen und Stress klarkommen können und positive Beziehungen mit anderen aufbauen. Beratungsprogramme zur Problembewältigung von Jugendlichen machen sich an vielen Schulen bezahlt.
Für einen Lehrer als Vorbild bei der Bekämpfung von sexueller oder geschlechtsspezifischer Gewalt voranzugehen, fängt bereits mit der Abkehr von Stereotypen an, die zum Beispiel die Jungen als „besser in Mathe“ und „generell cleverer“ darstellen, während die Mädchen als „ruhig und fleißig“ gelten. Jungen sind sowohl Täter als auch Opfer von sexueller Gewalt. Lehrer sollten daher laut UNESCO-Studie nicht ausschließlich eine weibliche Opferrolle in den Vordergrund schieben.
Nützlich ist es auch, wenn Lehrer sich zu Advokaten für ein starkes Sicherheitsmanagement in der Schule aufschwingen. Es ist wichtig, dass die Schulleitung gemeinsam mit Lehrern und der Schulbehörde Regeln entwickelt und anwendet, die den Machtmissbrauch ausschließen, gewaltsame Aktivitäten im Ansatz aufdecken und das Vertrauen der Gemeinde in die Schule stärken.
Sichere und gefährliche Orte in der Schule erkennen
Insgesamt bewährt es sich auch, wenn Lehrer und Schüler jene Orte in der Schule und den Außenanlagen benennen, die als sicher oder als gefährlich gelten. Besondere Aufmerksamkeit fordern dunkle Ecken, schlecht beleuchtete Räume, nicht kontrollierte Treppenhäuser oder Toiletten, wo Schüler zu Opfern sexueller oder körperlicher Attacken werden können.
Am besten sind Lehrer nach Auskunft der UNESCO-Richtlinien in der Lage, gegen Gewalt vorzugehen, wenn sie eine Zusatz-Ausbildung in Konfliktverhütung, harmonischer Problemlösungen und Friedenserziehung durchlaufen und damit einen menschenrechtlich-fundierten Ansatz zur Arbeit im Klassenraum schaffen. Dann können sie auch Schüler qualifiziert dazu befähigen, ihre Konflikte selbständig und friedlich zu bereinigen. Nicht zuletzt bedarf es besonderer Verantwortung der Lehrer, Gewalt und Diskriminierung gegenüber Schülern mit Behinderungen oder jenen, die indigenen und anderweitig marginalisierten Gemeinschaften angehören, zu erkennen und zu verhindern.
Auszüge aus den internationalen Konventionen zum Thema sind ebenso dem Leitfaden angefügt wie Links zu Online-Quellen, die sich mit der Beendigung von Gewalt in Schulen beschäftigen. Während Lehrer dabei eine vorrangige Aufgabe haben, können sie Gewaltanwendung jedoch nicht allein verhindern. Dazu sind die Ursachen schulischer Verrohung zu vielschichtig und erfordern mehr-dimensionale Gegenmittel, die alle Mitglieder einer Schulgemeinschaft in konzertierten Aktionen einsetzen müssen.
