
- Wattwanderführer - Adele Sansone
Wie einst Moses ein Meer trockenen Fußes durchqueren - so etwas kann man bei einer Wattwanderung vom Festland zu einer Insel, oder wie hier: von Insel zu Insel, nachempfinden.
Weltnaturerbe: Nationalpark Wattenmeer
Das Watt ist der Meeresboden, der bei Niedrigwasser (Ebbe) frei liegt. Dieser Meeresboden besteht aus Schlick, einer sandig-tonig-kalkigen Mischung. Das Watt ist keineswegs eine öde, lebensfeindliche Landschaft, im Gegenteil. Das Watt ist eine äußerst empfindliche Wohnstätte von Tieren, wie Schlickkrebsen, Herzmuscheln, Austern, Wattwürmern und Kleinstlebewesen, die im Nationalpark Wattenmeer streng geschützt wird. 2008 wurde das deutsche und holländische Wattenmeer durch die UNESCO in die Liste des Weltnaturerbes aufgenommen, so großartig und einmalig ist dieser Lebensraum.
Eine Wattwanderung führt vorwiegend auf Sandwatt und Mischwatt. Schlickwatt ist sehr schlammig, rutschig und mühsam zum Gehen, man kann knietief einsinken. Der in Wellen geriffelte Wattboden ist wohltuend für unsere Füße, und die frische salzige Meeresluft macht die Lungen frei und lässt uns tief durchatmen.
Was ist Wattwandern?
Vereinfacht gesagt: man geht über den freigelegten Meeresboden. Man wandert entweder küstennah oder quer über den bei Ebbe blank liegenden Meeresboden. Bei Wanderungen von Insel zu Insel durchquert man die unterschiedlichen Wattbereiche: Sand-, Misch- und Schlickwatt, ebenso Priele, das sind auch bei Ebbe wasserführende Rinnen. Je nach Tiefe der Priele kann man auch einen nassen Hosenboden bekommen, darum ist für das Wattwandern eine Badehose oder ein schnell trocknendes Material am günstigsten. Puristen des Wattwanderns schwören auf Barfuß-Gehen durch das Watt. "Nichts durchblutet unsere Schuh-geplagten Füße besser", meinen sie. Dem entgegen spricht die Möglichkeit, sich besonders an den Muschelbänken oder an im Priel liegenden Austern zu verletzen. Wer ein sehr urtümliches Gefühl haben möchte, aber ohne wunde Füße, greift zu Surfschuhen, die eng anliegen und mit denen man dennoch ein Barfußgefühl hat.
Es ist ein besonderes Erlebnis, eine Meerenge sozusagen trockenen Fußes zu überqueren. Immer wieder wird einem bei dem Weg durchs Watt bewusst, dass nur wenige Stunden später hier Wasser fließt und man ohne Boot verloren wäre. Faszinierend ist es, die lokalen Unterschiede des Meeresbodens zu spüren und zu sehen. Von tiefem dunklem Schlick über feinsten Sand, grobkörnigen muscheligen Boden bis zu kleinen oder größeren Wasserläufen, den Prielen, erkundet man alles. In moderatem Tempo, so dass jeder mitkommt, aber dennoch fordernd, denn man ist doch zwei bis drei Stunden unterwegs.
Was braucht man zum Wattwandern?
Sonnenschutz und Kopfbedeckung bei Schönwetter, eine Windjacke und warme Oberbekleidung an bedeckten Tagen. Ein Handtuch, eine Flasche Wasser und eine Kleinigkeit zum Essen. Das alles in einem Rucksack verstaut, den man beim Weg durch den tiefsten Priel bäuchlings umhängt, um ihn notfalls hochzuheben und trocken zu halten. Eine Plastiktüte, um die nassen Sachen auf dem Festland zu verpacken. Durchs Watt geht man nicht alleine, sondern immer mit einem Wattführer. So harmlos das weite offene Watt bei Niedrigwasser und Ebbe auch aussehen mag, der Weg geht nicht geradlinig übers Wattenmeer, sondern nutzt Sandbänke, vermeidet Untiefen und Priele. Auch plötzlich einfallender Seenebel darf nicht unterschätzt werden. Wer nicht die Gezeitentabelle wirklich verinnerlicht hat, findet sich unerwartet von dem zurückfließenden Wasser eingekreist.
Tipp: Die Karten für eine Wattführung, das beinhaltet den Bus nach Dunsum, die Wattführung und die Fähre retour nach Wyk, bekommt man am Hafen von Wyk, aber auch in den einzelnen Ferienorten auf Föhr bei den Kurverwaltungen. Dort erfährt man auch die genaue Startzeit, da sich ja die Gezeitentabelle täglich ändert.
Von Dunsum auf Föhr zu Fuß übers Watt zur Insel Amrum
Der letzte Halt vor dem Weg übers Watt nach Amrum ist das Café "Der Wattläufer" in Dunsum. Von der Deichkrone von Dunsum aus hat man einen einmaligen Blick über das nordfriesische Wattenmeer zu den Nachbarinsel Amrum und Sylt. Dann geht es über den Deich hinunter, die heiklen Klamotten und Schuhe werden in die Rucksäcke eingepackt. Über eine Treppe gelangt man zum Wattboden. Das erste Stück ist teils steinig, teils voller Schlick, von scharfkantigen Austern bewachsen. Bald aber erreicht man den Sandwattrücken, auf dem es angenehm weiter geht. Die eingegrabenen Wellen am Sandboden sind ebenso faszinierend, wie die von den Wattwürmern zu Hunderten hinterlassenen Sandwürstchen. In einer großen S-Schleife, immer die Priele beachtend, geht man Richtung Sylt und Amrum.
Nach etwa 1,5 Stunden erreicht man die Reste eines untergegangenen Schiffes (1825). Noch eine gute dreiviertel Stunde, dann nähert sich Amrum. Sylt, das vergleichsweise nah scheint, ist dem Wattwanderer verwehrt, weil ein tiefer reißender Priel sich kurz vor der Sylter Küste auftut. Man erreicht nun das so genannte "Mittelloch“, das ist ein Priel (Wattstrom), der je nach Witterung eine mal schwächer, mal stärkere Strömung und Tiefe hat. Nun wird fast jede Badehose nass, der Rucksack mit Händen hochgehoben bleibt aber meist trocken. Der Wattführer beobachtet seine Schäfchen, dass ihm nur keiner untergeht. Nach dem Mittelloch sind es nur mehr knappe 15 Minuten, noch ein kleiner sanfter Priel wird gequert, und man erreicht den Kniepsand und die Dünen von Amrum. Die Wanderung dauert im Mittel etwa 2,5 Stunden, reine Wegstrecke sind acht Kilometer.
Nun muss man allerdings noch etwa eine halbe Stunde entweder westlich am Bohlenweg oder frei durch Dünen und Kniepsand nach Norddorf marschieren, um von dort mit dem Bus zur Anlegestelle nach Witdün zu gelangen, denn die letzte Fähre nach Wyk möchte noch erreicht werden. Bei Friesentorte und Toter Tante lässt man den Tag beschwingt ausklingen. Respektvoll sieht man von der Fähre aus dem nun wieder Hochwasser führenden Meer zu. Versteht vielleicht nun besser, wie wertvoll die jährlich neu gesetzten Pricken (junge Birken) den Schiffen den fahrbaren Weg durch Sandbänke und Untiefen zeigen. Kein Weg führt geradlinig durchs Leben, nicht einmal der durchs Wattenmeer, weder bei Ebbe noch bei Flut. Wattwandern ist auf jeden Fall ein einmaliges Erlebnis.
Informationen zu den typischen Pflanzen auf Föhr.
Mehr zur Vogelwelt auf Föhr: Von Austernfischer bis Silbermöwe.
Literaturtipps zum Thema: Amrum, Föhr, Marco Polo; Nordseeküste und Inseln, Polyglott
