Waverley - Or ´Tis Sixty Years Since

Treuer Untertan des hannoveranischen Königshauses und gleichzeitig glühender Jakobit - für Sir Walter Scott kein Paradoxon.

Der berühmte schottische Schriftsteller Sir Walter Scott hegte schon seit frühester Kindheit ein reges Interesse an allem Jakobitischen, allen voran den beiden bedeutendsten Jakobitenaufständen von 1715 und 1745. Nach eigenen Aussagen war sein Ur-Großvater Teilnehmer am erstgenannten Aufstand und aufgrund der geschäftlichen Beziehungen seines Vaters zu diversen Highlandern hatte Scott bereits seit frühester Kindheit Zugang zu Zeitzeugen und deren Erinnerungen.

Waverley – Prototyp des historischen Romans

Mit seinem 1814 veröffentlichten Roman Waverley - Or´Tis Sixty Years Since erschuf Scott den Prototyp des historischen Romans. Die Intention dieses Genres war es, beim Leser das historische Bewusstsein herauszubilden. Gleichzeitig ist nicht von der Hand zu weisen, dass diese Romangattung auch ein Licht auf die jeweilige, in diesem Fall viktorianische, Gegenwart warf. Waverley war ein gewagtes Experiment, weshalb Scott die Autorschaft für dieses Werk bis beinahe zum Ende seiner literarischen Karriere abstritt. Neu an diesem Roman sind die Dialoge in schottischer Mundart sowie eine detaillierte Beschreibung sowohl der Landschaft als auch ihrer Bewohner. In beinahe allen Romanen Walter Scotts ermöglicht der Autor dem Leser einen Blick auf Individuen, deren Leben und Handeln stark beeinflusst ist vom Geist ihrer Zeit, seien es nun politische oder soziale Gegebenheiten. Seine Charaktere sind der neutrale Boden, auf dem sich gegenüberstehende Einflüsse zum Tragen kommen.

Edward Waverley

In diesem Roman heißt es England gegen Schottland. In letzterem scheint der Held des Romans, der Engländer Edward Waverley, die Vergangenheit vorzufinden, nach der er sich in seinen romantischen Träumen immer gesehnt hat. Gewalt, Heldenmut und Abenteuer scheinen hier alltäglich. Mit Beginn des Aufstands verliert Waverley jegliche Fähigkeit, objektiv zu entscheiden und wird mitgerissen von der wilden Romantik der Sache sowie dem vermeintlichen Glamour und den rhetorischen Fähigkeiten des Prince Charles. Doch schnell hat Edward genug vom Krieg, erkennt, dass Abenteuer, Gefahr, Heldentum und Opfer nicht nur leere Worte sind. In den Wirren des tobenden Bürgerkrieges nehmen sie nur allzu reale Bedeutung für ihn an.

Spagat zwischen König und Jakobiten

Die Emotionen des Lesers stehen, wie Waverleys eigene, auf Seiten der aufständischen Jakobiten. Ein Grund dafür ist, dass Scott dem Leser Einblick in die Motive und das Innenleben der Involvierten gewährt. Zum anderen zeichnet Scott kein volles Bild des Aufstandes, sondern beschreibt nur die Episoden, die seiner Meinung nach das größte romantische Potenzial haben. Scott zeigt mit seiner Geschichte die Notwendigkeit des Scheiterns des Aufstandes auf, präsentiert er doch Schottland und seine Bewohner zwar als voller Leidenschaft, vor allem für die ihnen gerecht erscheinende Sache, aber doch auch als einen Ort der Vergangenheit, der Gewalt, der Rückständigkeit. England hingegen, mit seinen hannoveranischen Herrschern, steht für Vernunft und Gesetz. Jakobitismus ist nicht per se falsch, sondern schlicht in der Realität nicht umsetzbar. Die Uhr kann nicht zurückgedreht werden, die Zeit der Stuarts nahm mit der Glorious Revolution ein für alle mal und unwiederbringlich ihr Ende. Und so schafft es Scott, zwar seiner romantisch motivierten Neigung zum Jakobitismus nachzugeben und Schottland als wildromantischen Ort heldenhafter Taten darzustellen, gleichzeitig aber das hannoveranische Königshaus, dem er persönlich sehr verbunden war, als Erlöser und Führer Schottlands aus der Dunkelheit hinein in den Fortschritt zu präsentieren.

Katrin Jahn, Katrin Jahn

Katrin Jahn - Katrin Jahn, Jahrgang 1984, lebt in Hagen (Westfalen). 2009 erlangte sie den akademischen Grad eines Bachelors der Anglistik/Amerikanistik ...

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