
- Der Eingang zu Wayland's Smithy - Aineolach
Alte Ruinen inspirieren den Volksglauben und werden zu Erinnerungsorten seiner mythischen Welten. Als die Sachsen nach Britannien einwanderten, verknüpften sie ihre Mythologie von Wieland, dem Meisterschmied, mit einem Megalithgrab in Oxfordshire, das heute unter dem Namen Wayland’s Smithy, Wielands Schmiede, bekannt ist. Gegen den Lohn von einem Silberpenny reparierte oder ersetzte Wieland zerbrochene Hufeisen der Reisenden, erzählt sich der Volksmund.
Die archäologische Geschichte von Wayland’s Smithy
Die nachweisbare Geschichte des Platzes „Wayland’s Smithy“ stimmt wenig mit der Sage überein. Das prähistorische Monument wurde 1962-63 von den Archäologen Atkinson und Pigott ausgegraben und erforscht. Es handelt sich nach heutiger Erkenntnis um ein lang gestrecktes, jungsteinzeitliches Megalithgrab von 54 Metern Länge, das in zwei Phasen errichtet wurde. Mitte des 4. Jahrtausends v. Chr. (laut Radiokarbondaten: 3590-3550 v. Chr.) bestattete man in einer Holzkiste unter einem Grabhügel die Knochen von 14 Personen, bereits entfleischt, als sie niedergelegt wurden. Etwa hundert Jahre lang blieb der Platz ungenutzt, dann versah man ihn um 3450 v. Chr. mit einer monumentalen Fassade aus sechs Megalithen, baute das Grab aus und bestattete in der Grabkammer acht Personen, darunter auch ein Kind.
Stummer Handel mit dem Schmied, ein bekanntes Motiv der Folklore
Als die Sachsen im 5. Jahrhundert n. Chr. die britische Insel besiedelten, war das Grab schon seit viertausend Jahren außer Gebrauch. Dass Wieland hier gehaust habe, ist daher nicht mehr als ein Märchen, doch verweist die Entlohnung, die geschildert wird, auf eine alte Praxis, die selbst nicht unbedingt reine Erfindung ist. Die Reisenden sollen auf die Steine am Eingang der Schmiede einen Silberpenny legen und sich dann entfernen. Am nächsten Morgen soll ein Hufeisen dafür an derselben Stelle liegen, ohne dass der Reisende den Schmied gesehen hätte. Einen Dienst zu entlohnen, ohne den Dienstleister zu sehen, diese Praxis erinnert an den stummen Handel, der in der Geschichte häufig betrieben wurde, wenn die Handelspartner sich nicht mit Sprache verständigen konnten oder eine Fremdenfeindlichkeit herrschte, sodass man sich lieber nicht sehen wollte.
Die Zwerge bei Jordkirch und Apenrade, eine Parallele zu Wayland’s Smithy
Gerade der Schmied galt in frühen Gesellschaften häufig als Magier, der das Feuer beherrschte, war aber auch verfemt und wird häufig als Krüppel geschildert. Sein Handwerk praktizierte er fern der Siedlung, um keine Brände zu entfachen. Der Verkehr mit solch ausgegrenzten Schmieden reflektiert sich in der Sage um Wayland’s Smithy.
Eine ähnliche Überlieferung gibt es aus Schleswig-Holstein. Zwischen den heute dänischen Orten Apenrade und Jordkirch gebe es einen Platz namens Dreibergen. Zwerge schmiedeten dort und Reisende oder Passanten konnten per Zuruf, ohne die Schmiede zu sehen, Metallwaren bestellen. Als Entgelt legte man den gewöhnlichen Preis in Geld an die Stelle, an der am nächsten Tag die bestellte Ware zu finden war. Wie bei Produkten von Zwergen üblich, schnitten die Messer, die ein Bauer bestellt hatte, unheilbare Wunden.
Die folkloristische Erzählung über Wayland’s Smithy und das Megalithgrab sind irrelevant für einen Forscher, der nach dem historischen Kern der Wielandsage fragt. Wer aber an Kulturgeschichte interessiert ist, wer mehr wissen will über die Erfindung erinnerungsträchtiger Orte bei den landnehmenden Sachsen oder wer über die soziale Stellung der frühen Schmiede, für den ist die Erzählung von Wayland’s Smithy eine reich sprudelnde Quelle.
Quellen:
- Golther, Wolfgang (2003): Handbuch der germanischen Mythologie. Wiesbaden: Fourier.
- Krause, Arnulf (2007): Die Heldenlieder der Älteren Edda. Stuttgart: Reclam.
- Petzoldt, Leander (2002): Einführung in die Sagenforschung. Konstanz: UVK-Verl.-Ges.
- Ritter-Schaumburg, Heinz (1999): Der Schmied Weland. Forschungen zum historischen Kern der Sage von Wieland dem Schmied. Hildesheim: Olms.
- Förster, Max (1907): 'Stummer Handel' und Wielandsage, in: Archiv für das Studium der neueren Sprachen und Literaturen. 119/2, S. 303–308.
- Grierson, Philip J. (1980 [1903]): The Silent Trade, in: Research in Economic Anthropology. 3, S. 1–75. [Orig.: The Silent Trade: a Contribution to the Early History of Human Intercourse, 1903].
- Hennig, R. (1917): Der stumme Handel als Urform des Außenhandels, in: Weltwirtschaftliches Archiv. 11, S. 265–278.
- Price, John A. (1980): On Silent Trade, in: Research in Economic Anthropology. 3, S. 75–97.
- Petzoldt, Leander (2007): Deutsche Volkssagen. Wiesbaden: Marix. [Sage Nr. 382, S. 227, 418]
