
- Dr. Jürgen Wettig - Christa Kaddar
Depressive Erkrankungen verursachen die längsten krankheitsbedingten Fehlzeiten in der Arbeitswelt. Die Tendenz ist steigend und die volkswirtschaftlichen Kosten sind hoch. Noch größer ist das menschliche Leid, das diese Krankheit bei Betroffenen und Angehörigen verursacht. Die genanten Zahlen zitiert Dr. Jürgen Wettig aus Erhebungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Wettig ist Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie und Buchautor. Durch Vorträge, Publikationen und Bücher stellt er sein Fachgebiet der Öffentlichkeit vor. Als leitender Arzt der Akutpsychiatrie der Vitos Klinik Eichberg in Eltville hat er täglich mit Menschen zu tun, die an Depressionen erkrankt sind.
Botenstoffmangel im Gehirn ist die Ursache für Depressionen
„Warum geht die Depression nicht schneller weg?“, sei eine häufige Frage von Patienten und Angehörigen, berichtet Wettig, und er liefert auch gleich die Antwort: „Die Synapsen müssen sich langsam schließen.“ Depressionen haben mit Botenstoffmangel im Gehirn zu tun. Antidepressiva setzt man ein, um die Verfügbarkeit von Botenstoffen an der Kontaktstelle zwischen zwei Nervenzellen, dem sogenannten synaptischen Spalt, zu erhöhen. „Neben dem Botenstoff Noradrenalin spielt das Serotonin eine wichtige Rolle“, erklärt Wettig. „Cipralex ist meiner Erfahrung nach das beste Medikament bei Depressionen.“ Der stimmungsaufhellende Wirkstoff Escitalopram ist ein selektiver Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer (SSRI). Er blockiert Transportstoffe, die Serotonin nach erfolgter Signalübertragung wieder in die Speicherplätze zurückbefördern. Serotonin verbleibt länger am Wirkort, und seine Wirksamkeit steigt. Escitalopram kann man, falls notwendig, mit einem anderen Medikament kombinieren.
„Antidepressiva verändern nicht die Persönlichkeit“, sagt Dr. Jürgen Wettig
Bei etwa 30 Prozent der Patienten wirkt das erste Medikament nicht; bei wiederum der Hälfte, also bei 15 Prozent, wirkt auch das zweite Medikament nicht. „Diese Patienten sollen nicht verzweifeln, denn die Anzahl der zur Verfügung stehenden Substanzen ist groß. Antidepressiva machen nicht süchtig und sie verändern auch nicht die Persönlichkeit“, betont Wettig. „Medikamente sind wie ein Pflaster.“ Unbedingt ratsam sei die Kombination von Medikamenten und Psychotherapie. „Gespräche zwischen Arzt und Patient sind wichtig, aber auch das soziale Umfeld spielt eine Rolle. Verlässliche Beziehungen sind gut und hilfreich bei der Bewältigung der Depression.“ Bewährt habe sich auch ein soziales Kompetenztraining. „Auch Bewegung und körperliches Training wirken antidepressiv.“
Genetische Disposition und kritische Lebensereignisse können eine Depression verursachen
Bei Depressionen geht man von einer genetischen Disposition aus. So entscheidet unter anderem die unterschiedliche Ausprägung des sogenannten Serotonin-Transporter-Gens 5-HTTLPR, ob ein Mensch zu Depressionen oder zu einer eher optimistischen Haltung neigt. Auch wenn Depressionen familiär gehäuft auftreten, bedeutet eine Veranlagung für Depressionen jedoch nicht, dass ein vorbelasteter Mensch tatsächlich erkranken muss. Meist sind es mehrere Ursachen, die Menschen mit einer entsprechenden Disposition zu einer Depression führen. „Kritische Lebensereignisse wie Trennung oder der Verlust des Arbeitsplatzes können eine Depression auslösen“, erläutert Dr. Wettig. „Viele Ursachen liegen in der Kindheit, wie Verlassenwerden oder Missbrauch.“
Hat das sorgenvolle Grübeln nach belastenden Ereignissen erst einmal seinen Anfang genommen, geraten anfällige Menschen häufig immer tiefer in den depressiven Zustand. Dazu zitierte Wettig den römischen Kaiser und Philosophen Marc Aurel: „Mit der Zeit nimmt die Seele die Farbe deiner Gedanken an.“ Auch ist die Fähigkeit, den Nervenwachstumsfaktor BDNF zu bilden, bei Menschen mit akuter Depression eingeschränkt. Sie können sich während depressiver Phasen schlecht konzentrieren und Lernprozesse laufen langsamer ab.
Antidepressive Erhaltungstherapie dauert in der Regel sechs bis neun Monate
Noch immer bleiben zu viele Depressionen unerkannt und unbehandelt, weil die betroffenen Menschen und ihre Angehörige – und manchmal selbst Hausärzte – den Zustand nicht als Depression erkennen. Wenn Depressionen nicht behandelt werden, steigt die Suizidgefahr der erkrankten Menschen um ein Vielfaches. „Eine antidepressive Erhaltungstherapie dauert in der Regel sechs bis neun Monate. Sind bereits mehrere depressive Phasen abgelaufen, muss eine Rezidivprophylaxe über Jahre, vielleicht lebenslang, erfolgen. In diesen Fällen ist die Depression als chronische Stoffwechselerkrankung des Gehirns aufzufassen.“
Viele Menschen, darunter zahlreiche Künstler und Prominente haben gelernt, ihr Leben mit einer depressiven Grunderkrankung zu meistern. „Hans Christian Andersen war zeitlebens depressiv“, erzählt Wettig. „Die schweren Verletzungen und Demütigungen aus der Kindheit hat er in seinen Märchen verarbeitet.“ Als eindrucksvolle Schilderung eines Insiders empfiehlt Wettig die Lektüre des Buchs „Seelenfinsternis“ des holländischen Psychiaters Piet C. Kuiper, den eine drei Jahre dauernde Depression in eine tiefe Lebenskrise stürzte. Kuiper ist durch die Hölle gegangen und hat die Depression überwunden.
Quelle: Vortrag „Wege aus der Depression“ von Dr. Jürgen Wettig, Vitos Klinik Eichberg, Eltville
