Wege in die Langzeitarbeitslosigkeit

Gebühren und andere Steuern 001 - (c)Gerd Altmann/dezignus.com  / pixelio.de
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Wie geraten die Menschen in Langzeitarbeitslosigkeit? Welche Gründe sehen die Betroffenen für ihre Situation?

Viele Betroffene beschreiben die Wege in die Langzeitarbeitslosigkeit als einen Mix aus den vorgefundenen allgemeinen Arbeitsbedingungen und individuell prägenden Merkmalen. Es werden persönliche oder familiäre Dispositionen hervorgehoben, die im Leben des Einzelnen prägend waren oder noch sind und den Erwerbstätigkeitsverlauf, sowie die individuelle Arbeitsmarktposition beeinflussen. Dies können zum Beispiel krankheitsbedingte Einschränkungen sein, persönliche Merkmale, die sich die Betroffenen selber zusprechen oder einschneidende Sozialisationserfahrungen. Für manche kommt auch als auslösender Faktor ein unvorhergesehenes Ereignis wie ein Unfall oder eine Vorstrafe für die lange Arbeitslosigkeit in betracht. Die persönlichen Merkmale ziehen sich wie ein roter Faden durch das Leben der Betroffenen und werden als Erklärung der Dauer der Arbeitslosigkeit herangezogen. Sie betrachten diese Merkmale als unveränderbar.

Betroffene sehen zu geringes Qualifikationsniveau als Ursache für ihre Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosen erfahren eine ansteigende Diskrepanz zwischen ihren eigenen schulischen und beruflichen Lebenswegen und den Anforderungen an Ausbildung, Berufserfahrung und Qualifikation. Ein zu geringes Qualifikationsniveau und fehlende Ausbildungs- oder Schulabschlüsse werden als Ursache für den Beginn der eigenen Arbeitslosigkeit angesehen. Der Start in das Berufsleben durch eine erste Lehr- oder Arbeitsstelle hat für die Arbeitslosen einen hohen Stellenwert und wird von den Meisten – trotz der genannten persönlichen Einschränkungen – als eine sehr positive und recht lange Arbeitserfahrung aufgenommen. Daher trifft sie gerade der Verlust dieser Stelle sehr stark.

Es prägt sich als ein negatives Schlüsselerlebnis für den weiteren Verlauf der Arbeitslosigkeit bei den Betroffenen ein und wird auch dementsprechend reflektiert. Nach dem Verlust der besagten Arbeitsstelle folgen in der Regel längere Perioden der Arbeitslosigkeit und die Teilnahme an arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen wie beispielsweise einer Umschulung. Wird solch eine Maßnahme abgebrochen eröffnet sich keine neue Perspektive für den beruflichen Werdegang des Betroffenen. Der Ausstieg aus einem normalen Erwerbsleben setzt sich fort.

Neuer Start in das Berufsleben durch befristete Jobs

Für einen anderen Teil der Betroffenen beginnt ein neuer Start in das Berufsleben durch kurzzeitige, befristete Jobs. Sie verlaufen als ungelernte Hilfstätigkeiten jedoch wenig zufrieden stellend. An die Gesundheit und auch an die körperliche Leistungsfähigkeit werden hohe Anforderungen gestellt. Die Frustration über das eigene Erwerbsleben wächst im Laufe der Jahre an. Durch viele Kündigungen wird das Gefühl erzeugt austauschbar zu sein und die Betroffenen fühlen sich entsprechend ausgenutzt. Einige schätzen ihre Situation am Arbeitsmarkt falsch ein. Sie verlängern ihre Arbeitslosigkeit, bewerben sich auf unpassende, nicht ihrer Qualifikation entsprechende Stellen oder ziehen eine Weiterbildung einer Kompromiss behafteten Stelle auf dem Arbeitsmarkt vor.

Langzeitarbeitslosigkeit und der gesellschaftliche Ausstieg

Für die Langzeitarbeitslosen beginnt der Einstieg in den gesellschaftlichen Ausstieg dann, wenn sie die immer größer werdende Lücke zwischen der eigenen Lebensrealität und dem was als Normalität des Alltags angesehen wird, wahrnehmen. Mit zunehmender Dauer der Langzeitarbeitslosigkeit verstärkt sich das Gefühl der Ausgrenzung und belastet die Betroffenen immer mehr. Der Betroffene entfernt sich mit wachsender Dauer seiner Arbeitslosigkeit vom Alltag und den Lebensgewohnheiten der normalen Erwerbstätigen. Zusätzlich führt die finanzielle Situation dazu, dass sich der Lebensstandard und die gesellschaftliche Position verändert. Viele Betroffene zeigen sich angreifbarer und verletzbarer. Sie reagieren empfindlich und sensibel auf ihr Umfeld.

Langzeitarbeitslosigkeit und Krankheit

Insbesondere das Thema Krankheit hat eine besondere Rolle bei Langzeitarbeitslosen. Teilweise sind, wie oben beschrieben, Krankheiten der Auslöser für Arbeitslosigkeit. In Bezug auf die Dauer der Arbeitslosigkeit verstärken sich Krankheiten oftmals oder es kommen neue psychische oder chronische hinzu. Damit rücken Krankheiten für viele in den Mittelpunkt der Erklärung für die Ausgrenzung vom Arbeitmarkt und ihrer momentanen Situation. Experten bestätigen die Aussagen der Betroffenen in vielerlei Hinsicht. Die persönlichen Problematiken des Einzelnen haben einen Einfluss auf die „Arbeitslosigkeitskarriere“ und können sie sogar fördern. Sie reflektieren so ein Grundproblem der Arbeitslosenforschung. Das Problem besteht darin Ursache und Wirkung auseinander zu halten; beispielsweise ob eine bestehende Erkrankung die Arbeitslosigkeit herbeigeführt hat oder ob die Arbeitslosigkeit die Krankheit erst zum Ausbruch brachte. Den Prozessverlauf prägt in erster Linie die Arbeitsmarktlage, das Bestreben des Einzelnen Anschluss zu bekommen und das frustrierende Scheitern ihrer Bemühungen.

Die Wahrnehmung der eigenen Situation ist für die Dauer der Arbeitslosigkeit wichtig

Des Weiteren ist für die Dauer und den Verlauf der Arbeitslosigkeit die Wahrnehmung der eigenen Situation von großer Bedeutung. Die eigenen Lebensverhältnisse und die Normalität werden durch den Eintritt in eine Arbeitslosigkeitsperiode erschüttert. Die Betroffenen geraten mit ihrer Lebenslage in den Widerspruch zur gesellschaftlich anerkannten Normalität. Aus der kurzfristigen Arbeitslosigkeitsphase im Lebenslauf wird eine Längere. Sie stigmatisiert den Betroffenen als Langzeitarbeitslosen und das Wissen des Betroffenen darum, beeinflusst seine weiteren Handlungsschritte und Verhaltensweisen.

Möglich wäre eine Reaktion hierauf, dass sich nicht auf die Veränderung des Arbeitsmarktes oder des Berufsfeldes eingestellt wird, sondern dass an der eigenen Stellung, vor Eintritt der Arbeitslosigkeit, verzweifelt festgehalten wird und damit die Realität des eigenen Handlungsspielraums aus den Augen verloren wird. Es können auch alternativ Panikreaktionen der Betroffenen eintreten, die dazu führen, dass die Betroffenen sich frühzeitig auf unqualifizierte, befristete Beschäftigungsverhältnisse einlassen und möglicherweise dort scheitern. Auf diese Weise würde der Anschluss an den Arbeitsmarkt verloren gehen. Besonders bei höher Qualifizierten ist dies besonders bitter. Aus Sicht dieser zeigt sich das Scheitern aus einer „einfachen“ minderwertigen Tätigkeit.

Je höher die vorherige persönliche und berufliche Stellung war, desto tiefer empfinden die Betroffenen ihren Fall. Hinzu kommt, dass eine zwischenzeitlich positive Entwicklung, beispielsweise durch neue Arbeits- oder Umschulungsplätze, bei erneuter Arbeitslosigkeit als ein tieferer Fall als zuvor empfunden wird.

Die Wiederbeschäftigungschancen nehmen mit jedem Monat der Arbeitslosigkeitsdauer ab. Es fallen nur ungefähr 15% aller Wiederbeschäftigungen auf Langzeitarbeitslose. Ist man erst einmal langzeitarbeitslos geworden, hat man nur noch sehr niedrige Chancen die Arbeitslosigkeit durch eine Wiederbeschäftigung zu beenden.

Quellen:

Mehlich, M: Langzeitarbeitslosigkeit, 2005, Kassel Univ.

Christensen, B.: Anspruchslohn und Arbeitslosigkeit in Deutschland, Mitteilungen aus der Arbeitsmarkt- und Berufsforschung, 2003, S. 573-598.

Shirley V. Heubach, Shirley V. Heubach

Shirley V. Heubach - Shirley V. Heubach hat ihre Leidenschaft für das Schreiben schon in ihrer Kindheit und Jugend entdeckt, als sie angefangen hat ...

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