
- Heinrich Riesen - REtap Verlag
Immer mehr Menschen in Deutschland zieht es in die Spielhallen. Wo früher ein paar Groschen verspielt werden konnten, kann die wachsende Zahl der Glückspielsüchtigen heute in wenigen Stunden einen Monatslohn verspielen. Mancher wird da kriminell. Die Automatenbetreiber verweisen darauf, dass schon vor Christi Geburt mit Karten oder Würfeln um Geld gespielt wurde. Glückspiel sei folglich ein normaler Teil des Lebens.
Fest steht, der Glückspielmarkt wächst. Dabei ist eine Verschiebung zu Gunsten der Spielhallen feststellbar. Mitarbeiter von Suchtberatungsstellen bestätigten aus ihrer Erfahrung, dass die größte Gruppe der Glückspielsüchtigen den Spielautomaten verfallen ist. Etwa 80 bis 90 Prozent der Beratungssuchenden kommen aus Spielhallen. Mit dem Umsatz steigt auch die Zahl der Süchtigen.
Spielautoamten sind das Problem
So warnt die Vorsitzende des Fachverbands Glückspielsucht Ilona Füchtenschnieder vor eben diesen Geräten: „Spielautomaten sind das Hauptproblem. Sie müssen zu Unterhaltungsautomaten zurückgebaut werden." Es gibt keine genauen Zahlen. Verschiedene Schätzungen gehen davon aus, dass es bundesweit zwischen 100.000 und 290.000 süchtige Glückspieler gibt. Zusätzlich gebe es eine weit größere Zahl von Menschen, (zwischen 140.000 und 340.000), deren Glückspielverhalten als "problematisch" einzuschätzen sei. "Die Folgen derartigen Verhaltens sind gravierend: Verschuldung, Kriminalität, hohe Suizidraten, massive familiäre Störungen", so Ilona Füchtenschnieder.
Auch in Bonn stieg die Zahl der Glückspielhallen in den vergangenen Jahren deutlich an. So gab es in der Bonner Innenstadt Ende der 1980er Jahre nur vier Hallen, heute sind es im direkten Innenstadtbereich 21. In ganz Bonn gibt in es in derzeit 47 Spielhallen. So Elke Palm vom Presseamt der Stadt. Sie erklärt weiter: „Gewerberechtlich gibt es keine Möglichkeiten, die Anzahl der Hallen zu beschränken. Sofern ein Antragsteller die persönlichen Voraussetzungen nach der Gewerbeordnung erfüllt, muss eine Erlaubnis erteilt werden. Anders verhält es sich planungsrechtlich. Durch Bebauungsplan kann nämlich die Ansiedlung zusätzlicher derartiger Betriebe verhindert werden.“ "In Deutschland spielen mehr als 99 Prozent aller Menschen ohne Probleme", behaupten die Automaten-Wirtschafts-Verbände (AWI). Mit solchen Meldungen lassen sich auch Politiker gerne beruhigen.
Automatenindustrie verharmlost die Gefahr
Die Werbeparolen der Automatenindustrie finden sich als teure, ganzseitige, Anzeigen in Mitgliederzeitungen der CDU/CSU, FDP, SPD und auch der Grünen. Doch damit lässt es die Spielhallenlobby keineswegs bewenden. Die Automaten-Wirtschaftsverbände treten auch gerne bei Parteitagen und Konferenzen der Parteijugendorganisationen mit harmlosen und im Vergleich zu den Zocker-Automaten geradezu niedlichen Spielgeräten in Erscheinung. So zum Beispiel bei der Jungen Union mit einem Kickerspiel, an dem sich - werbewirksam für beide Seiten - mehr oder weniger prominente Parteigrößen ablichten lassen. Die Botschaft ist immer dieselbe: Kickern macht Spaß, das mögen alle, da können die sonst Großen in der Politik sich mal ganz volkstümlich zeigen, ihre menschliche Seite zeigen. Die Glückspielautomatenindustrie - ganz harmlos und nett.
Die Branche wirbt auch mit Skat-Turnieren für Parlamentarier. Und nach der politischen Karriere winken für besonders brave Politiker lukrative Aufsichtsratsposten in der Automatenindustrie. So ist der frühere Bundesfinanzminister Theo Waigel (CSU) Aufsichtsratsvorsitzender der Firma Löwen Entertainment und der inzwischen verstorbene Ex-Justizminister von NRW Rolf Krumsiek (SPD) saß im Aufsichtsrat beim Branchenriesen Paul Gauselmann. Gauselmann erhielt übrigens auf Vorschlag von Wolfgang Clement, dem früheren NRW-Ministerpräsidenten und späteren Superminister in der Regierung Schröder, das Große Bundesverdienstkreuz - als Anerkennung für sein soziales Engagement.
Doch nicht nur die politische Landschaft wird von der Automatenindustrie intensiv gepflegt - auch Journalisten sind oft und gerne zu Gast bei Paul Gauselmann und dessen Mitstreitern. Außerdem spülen die Automaten auch Geld in die kommunalen Kassen. "Wir zahlen jährlich über eine Milliarde Steuern und Abgaben, davon etwa 250 Millionen Euro Vergnügungssteuer an Städte und Gemeinden“, so heißt es auf der Homepage des von Gauselmann angeführten Verbandes der Deutschen Automatenindustrie e.V.. Für viele Gemeinden eine durchaus wichtige Einnahmequelle. Die Umsätze steigen weiterhin. Von 2006 auf 2007 um 12,7 Prozent (von 6.880 auf 7,75 Milliarden Euro von 2007 auf 2008 um 6,6 Prozent auf 8,13 Milliarden Euro.
Spielsüchtiger wurde zum Bankräuber
Durch die Spielsucht zum Bankräuber geworden: Wohin die Glückspielsucht einen treiben kann, zeigt das Beispiel Heinrich Riesen. Der junge Mann hatte alles – einen Beruf, eine feste Stelle, eine nette Freundin, einen kleinen Sohn. Er war erfolgreich im Beruf und auch privat zufrieden.Dennoch wurde er spielsüchtig. Und dieseSpielsucht machte ihn schließlich zum Bankräuber. Aus Verzweiflung über seine Glückspielsucht, seine Verschuldung und scheinbar hoffnungslose Situation überfiel er die Volksbank in Hagen am Teutoburger Wald. "Bewaffnet" mit einer Spielzeugpistole. Seine Beute Ironie des Schicksals , rund 1.000 Euro. Ironie des Schicksals – ausschließlich in Form von Münzen, sehr praktisch für die weitere Bestückung der Geldspielautomaten. Aber viel zu wenig für seine hohen Schudlen.
Das Diebesgut war schnell verspielt. Riesen plagten von nun an neben den Spielschulden auch noch die Gewissensbisse wegen seiner Tat. Schlaflosigkeit, Alpträume – Gewissensbisse – Heinrich Riesen stellte sich nach drei Jahren der Polizei. Die Ermittler hatten den Fall längst als nicht aufklärbar zu den Akten gelegt. Heinrich Riesen musste mehrere Stunden auf die Beamten einreden, bis sie ihm glaubten, dass er der -aktuell nicht mehr gesuchte- Bankräuber war. Es folgten U-Haft und Therapie. Riesen nutzte die „automatenfreie Zeit“ und schrieb seine Erlebnisse mit der Glückspielsucht auf. Mit Hilfe des Bonner Autoren und Kleinverlegers Siegfried Pater wurde ein Buch daraus. Nicht das einzige Buch zum Thema...
Heinrich Riesen: "GESTATTEN, DER BANKRÄUBER, DEN SIE SUCHEN", 80 Seiten, Retap Verlag, Bonn 2009, ISBN 978-3-931988-20-3, 12,- €
