
- „Gebuckelt wird bei uns nicht!“ - Grazyna Gintner
Weder die lokale Presse noch Plakate informierten über die Lesung am 7. September von Andrea Nahles, der Generalsekretärin der SPD. Daher durfte es nicht wundern, dass im Saal des Freizeitheims Ricklingen einige Stühle an diesem Abend frei geblieben waren. Die Autorin erschien trotzdem gut gelaunt und pünktlich. Von der Bundestagsabgeordneten Edelgard Bulmahn vorgestellt, ging sie gleich zur Sache und las aus ihrem Buch „Frau, gläubig, links“ vor.
Wo ist der Arbeiterstolz geblieben?
Andrea Nahles begann ihre Lesung mit dem Kapitel „Von der Würde der Arbeit“ und der kleinen Geschichte, wie sie als Messdienerin zur Begrüßung die Formel „Lieber Herr Weihbischof“ statt „Hochwürdige Exzellenz“ wählte. Sie folgte dem Rat ihres Vaters, eines Maurermeisters, der eine klare Regel vertritt: „Gebuckelt wird bei uns nicht!“. Daraus lernte sie den richtigen Umgang mit Autoritäten, der das Selbstbewusstsein der Arbeiter widerspiegelte. Den damaligen „Arbeiterstolz“ vermisse sie in der heutigen Arbeitswelt, die flexibler und gleichzeitig prekärer geworden und durch niedrige Löhne, Ausgliederungen der Unternehmen, befristete Arbeitsverträge und Leiharbeit gekennzeichnet sei.
Willy Brandt, der Kanzler mit Zweifel, und ein Wunder
Willy Brandt Verdienste wurden an diesem Abend gebührend gewürdigt. Er konnte begeistern und Zweifel zulassen, schwärmte die Autorin. In der jüngsten Geschichte dagegen hielte die SPD an Hartz-IV wie Hornochsen, statt die notwendigen Änderungen vorzunehmen. Den Lob an Zweifel formulierte Andrea Nahles folglich: „Der Zweifel ist ein Instrument, der uns davor bewahrt, selbstgefällig zu werden und Irrtümer zu wiederholen, ohne sie zu hinterfragen“.
Den Namen von Willy Brandt trägt bis heute ein Zentrum von Andrea Nahles mitbegründet – „Willy Brandt Center“. Dies ist ein gemeinsames deutsch-palästinensisch-israelisches Projekt im Heiligen Land. Anfang 2008 drohte dem Zentrum das Aus: Der Vermieter wollte das Haus, das an der Grenzlinie im Niemandsland liegt, verkaufen. In diesem Moment erhielt Nahles eine freudige Nachricht über ein jüdisches Vermächtnis für die SPD. Anders als bei Roland Koch handelte sich um eine reale Person und reales Vermögen, allerdings mit einer Auflage verbunden: Das Geld sollte einem Friedensprojekt im Geiste Willy Brandt zugute kommen. „Es geschehen immer wieder Wunder“, kommentierte die Autorin diese glückliche Fügung.
Sarrazin, eine Torte und das Menschenbild
In der Diskussion nach der Vorstellung von Fragmenten des Buches holte die Generalsekretärin das Reizthema Nr. 1 ein: der Genosse Thilo Sarrazin. Eine grauhaarige Frau im Publikum gestand, dass sie die ganze Aufregung nicht verstehe, Sarrazin veröffentlichte doch sein Buch als ein privater Mensch. Da widersprach Nahles entschieden: Sarrazin verdanke seinen Namen der Partei. Es war die SPD, die ihn für den Posten bei der Deutschen Bundesbank vorgeschlagen hatte und ihm damit zum Ruhm verhalf. Als eine private Person und aus eigener Kraft hätte er dies nicht geschafft. Es seien meist die Männer, die diese einfache Wahrheit verdrängen.
Dass es Probleme bei der Integration gebe, leugnete sie nicht und erzählte über eine Torte für Geburtstagskind in einem Kindergarten in Mecklenburg-Vorpommern. Die Torte brachte die Mutter selbst; dekoriert wurde sie mit einem Hakenkreuz. 80 Prozent der Eltern aus diesem Kindergarten beziehen Hartz-IV und fürchten die Perspektivlosigkeit.
Sarrazins Äußerungen werden stets mit der Partei in Verbindung gebracht. Wenn er im Fernsehen erscheint, steht hinter seinem Namen SPD. Er sei somit auch die Partei. Und obwohl sie soeben für die Zweifel plädierte, sprach sich Andrea Nahles gegen eine unbegrenzte Meinungsfindung. Sarrazin könne zwar weiter seine Meinung frei äußern. Es bleibe nur zu klären, ob er dies im Namen von SPD tun solle. Das Menschenbild, das Sarrazin propagiert, ließe sich nicht mit der SPD und dem Hamburger Programm vereinbaren. Für ihn sei das wirtschaftliche Nutzen eines Menschen entscheidend. „Und was ist mit Faulen und mit Menschen mit Behinderung?“, fragte Nahles und erinnerte, dass man sich in Deutschland schon mal solche Fragen gestellt hat. Die Welt von Sarrazin sei fatalistisch: „Falsche Gene – also man kann nichts machen“. „Das Leben ist offen“, widersprach Nahles. Die Politiker müssen die Gefährdungen erkennen und dagegen steuern.
