
- Die Gänsemagd, Susanne Bormann, Florian Lukas - ARD
Im ARD-Weihnachtsmärchen "Die Gänsemagd“ spielst du dich mit Unterdrückung und Bosheit von der Kammerjungfer zur Prinzessin hoch. Musstest du dir mit solch Methoden auch im realen Leben einmal eine ähnliche Position erkämpfen?
Susanne Bormann ("Baader Meinhof Komplex"): Also das sind ganz sicher nicht die Mittel, die ich im privaten Leben anwende. Ich habe aber auch den Vorteil, dass ich nicht von ganz unten komme, sondern in ein gutes Elternhaus hinein geboren wurde. Sehr viel halfen mir bisher Ehrgeiz und Zufall. Am Ende landet die Filmfigur ja auch wieder dort wo sie herkommt: im Dreck! Wenn man Dinge erreicht, die nur gelingen, indem man andere in den Dreck stößt, oder andere betrügt, fällt es auf einem zurück. Wenn man jemanden auf Dauer für seine Zwecke missbraucht, verstümmelt die eigene Seele. Es gibt andere Wege, um nach Oben zu kommen und dadurch eine größere Zufriedenheit mit seinem Leben zu erlangen, als das auf Kosten anderer zu machen. Das bösartige Verhalten der Magdalena ist mir privat und persönlich fremd. Ich glaube, man kann miteinander nach Oben kommen. Zusammen mit anderen, durch andere, indem man Menschen was gibt, die wiederum einem etwas geben oder nehmen. Das ist viel mehr meine Methode, als nur zu nehmen und zu treten. Es macht keinen Spaß, wie Magdalena zu leben. Das wäre ein sehr anstrengendes Leben.
Hast du ein Lieblingsmärchen?
Als Kind liebte ich "Brüderchen und Schwesterchen“, weil es das längste Märchen im "Gebrüder-Grimm-Märchenbuch“ war. Wenn ich mir das wünschte, las mir meine Mutter am längsten vor, das war der simple Grund. Es faszinierte mich, weil ich immer dachte "Jetzt wird alles gut!“ und dann wendete sich das Blatt doch nochmal zum Bösen. Die beiden Helden mussten einen elendig langen Weg beschreiten und am Ende hatte sich das Schicksal doch für sie zum Guten gefügt. Dass Dinge oft sehr, sehr lange dauern können, bevor sie endlich gut werden, faszinierte und motivierte mich schon als Kind. Man darf nicht aufgeben, an die Fügung des Schicksals zu Glauben.
Im Märchen kommen oft übernatürliche Fähigkeiten vor. Gibt es eine, die du beherrschen möchtest?
Ich wäre manchmal unheimlich gerne unsichtbar. Situationen beobachten, ohne dass die Leute merken, dass sie beobachtet werden.
Kommt Florian Lukas ("Good Bye Lenin!") deiner Vorstellung eines Prinzen nahe? Wie sieht dein Traumprinz aus?
Meinen Traumprinzen hab ich bereits gefunden und er hat lange Dreadlocks.
Du recherchiertest für die Rolle der Prostituierten in "Nachtgestalten“ (Andreas Dresen) auf dem Strich. Wie bereitetest du dich auf die Märchen-Rolle vor?
Für die Märchen-Rolle recherchierte ich nicht, sondern ging den Handlungsprinzipien, der kriminellen Ader und dem Draufgängerischen nach: Wie fühlt sich das an, jemand so Skrupelloses zu sein? Was bringt sie dazu, so zu handeln? Ich bereitete mich auf die Rolle vor, indem ich mir überlegte: Was will ich erzählen? Will ich mich total austoben, und sie 100 Prozent böse spielen? Wie viel Menschlichkeit soll noch in dieser Figur vorhanden sein?
In der Märchen-Mythologie ist es meistens so, dass der Protagonist und der Antagonist eigentlich ein und dieselbe Person sind. Also auch die Prinzessin und die Zofe im Fall der "Gänsemagd". Das sind zwei Anteile einer Person: der Schatten der Figur. Das Böse wird unterdrückt und kommt nach oben. Der gute Anteil muss sich mit dem Bösen auseinandersetzen und versuchen, diesen Schatten zu integrieren, um zu reifen. Magdalena ist nicht nur die Böse, sondern die Prinzessin braucht Magdalena für ihren Reifungsprozess, denn durch die Herausforderung wird sie erst erwachsen und zur Frau. Auch wenn sie gegeneinander kämpfen, haben sie doch eine sehr intime Verbindung miteinander. Man kann davon ausgehen, dass Begegnungen und das Erlebte die Konsequenzen des eigenen Denkens und der eigenen Überzeugung sind, denn die echte Prinzessin macht durch ihre Passivität die Rolle der Zofe, die sich einfach zur Prinzessin erhebt, überhaupt erst möglich. Mit Karoline Herfurth ("Im Winter ein Jahr") hatte ich eine starke Partnerin und ich musste auch richtig mit ihr kämpfen, nach dem Motto: "Macht sie jetzt das, was ich will, oder macht sie es nicht? Aha!, sie macht was ich will, also geh ich noch einen Schritt weiter." Die Täterin konnte erst zur Täterin werden, weil die andere sich nicht wehrte.
Es gibt in "Die Gänsemagd" nicht eine Gute und eine Böse, sondern eine, die es nicht zu Wege bringt, Grenzen zu setzen. Die andere nutzt das aus und zieht ihren Vorteil daraus. Auch unter kleinen Mädchen gibt es solche Rivalitätskämpfe, und viele werden es wie im Film empfinden: das Wasser steht ihnen bis zum Halse und sie haben das Gefühl, überhaupt nichts dagegen tun zu können.
Du spieltest zwei Jahre am Staatstheater in Nürnberg. Wie lebte es sich als Preußin in Bayern? Gab es Schwierigkeiten/Vorurteile, gegen die du ankämpfen musstest?
Vorurteile? Klar, ich hatte spaßeshalber Vorurteile, war dann aber sehr positiv überrascht, weil ich dort eine viel aktivere Wohngemeinschaft hatte als in meiner Berliner Hausgemeinschaft. Man konnte immer mal klingeln und fragen: "Hast du Tomaten?“ oder ich wurde gefragt: "Kannst du mal die Katze füttern?". Man konnte sich echt auf den Hof stellen und rufen: "Hat noch jemand Milch?“ Und dann kam von irgendwo die Antwort: "Ja, kannst kommen und dir welche holen“. Diese Freundlichkeit hätte ich in Nürnberg nie vermutet und bisher in Berlin so leicht noch nicht gefunden.
Bevor deine Schauspielausbildung in Rostock begann, hattest du bereits jahrelange Schauspielerfahrungen und als Teenager bereits den "Adolf-Grimme-Preis“ gewonnen. Machte dich das bei den anderen Studierenden nicht zur beneideten Außenseiterin?
Bestimmt war es für einige nicht so leicht, sich das mit angucken zu müssen. In Anbetracht der Tatsachen hatte ich damit aber so gut wie gar nicht damit zu kämpfen. Es hätte extrem sein können. Meine Kollegen verhielten sich sehr fair. Da hatte ich Glück!
Du sagst: "Ich bin noch nicht lange da, wo ich hin will.“ Wohin will Susanne Bormann?
Ich bin immer noch auf dem Weg zu meinem Traumziel: Aus dem Vollen zu schöpfen! Bei allen angesagten Produktionen mit im Spiel zu sein und mit zu mischen! Bewusst entscheiden zu können: dieses Jahr will ich diese und jene Produktion spielen, denn ich wünsche mir unterschiedliche Herausforderungen. Bisher gab es öfters den Fall, dass sich im Nachhinein Projekte als gut erwiesen, die ich ohne finanzielle Not nicht gemacht hätte. Jetzt ist es natürlich wieder super, beim "Baader Meinhof Komplex“ (wurde von der New York Times als einer der besten 10 Filme des Jahres gewählt) dabei gewesen zu sein. Ich habe Lust, diesen Weg weiter zu gehen, denn das Gefühl, auf einem guten Weg zu sein, nimmt nicht ab.
"Die Gänsemagd"; ARD: 26. Dezember 2009, 15:45 Uhr
Darsteller:
Susanne Bormann
Karoline Herfurth
Florian Lukas
Henry Hübchen
Petra Kelling
Julius Römer
Musik: Enjott Schneider
Kamera: Wolfgang Aichholzer
Buch: Thomas Brinx und Anja Kömmerling
Regie: Sybille Tafel
