
- Lebende Krippe - Margit Kunzke
Eine besinnliche Advents- und Weihnachtszeit ist in Spanien weitgehend unbekannt. Die Weihnachtszeit in Spanien ist eine fröhliche Zeit. Adventskalender und Adventskränze sucht man vergeblich. Allerdings werden im Dezember Wohnhäuser und Geschäfte weihnachtlich geschmückt und die Städte erstrahlen im Glanz tausender Lichter. Noch vor wenigen Jahren war das unüblich. Doch mittlerweile hat sich Spanien ganz typisch, für die marktschreierische, extrem bunte und laute Weihnachtsversion der USA entschieden. Kitsch und Kunst mischen sich mit Religion und Kommerz und alle sind damit zufrieden.
Krippenfiguren mit Tradition
Was jedoch einen festen Platz in der spanischen Vorweihnachtszeit hat, sind die Krippen, "Belenes" genannt. Sie werden am 8. Dezember aufgestellt. Manche Familien besitzen da wahre Schätze, die von Generation zu Generation vererbt werden. Eine spanische Weihnachtskrippe enthält nicht nur die klassische Gruppe mit Hirten, Ochs’ und Esel, Maria und Josef und niño Jesús, sondern ein ganzes Dorfleben mit dem gewöhnlichen Alltages ist mit Figuren gestaltet. Wenn man die Krippenlandschaften betrachtet, glaubt an fast, die Weihnachtsgeschichte spiele in Spanien. Um den Stall von Bethlehem breitet sich das pralle spanische Leben auf dem Land aus.
Die Tradition der Krippen geht auf den spanischen König Carlos III. zurück, der als Carlo VII. König von Neapel und Sizilien war und die Krippentradition im 18. Jahrhundert von Italien nach Spanien brachte. In einigen Regionen wie Katalonien, Valencia Murcia und auf den Kanaren kommt zur Krippe unbedingt noch die Figur des caganer dazu. Das ist eine Figur in katalanisch-valencianischer Tracht, die mit heruntergelassenen Hosen in einer Ecke ihr Geschäft verrichtet. In jüngster Zeit ähnelt dieser caganer auch einmal einem Politiker oder einem Prominenten.
Auch in den spanischen Kirchen und auf öffentlichen Plätzen werden große Krippen mit kunstvoll gestaltete Figuren und Szenen aufgestellt. In vielen Orten findet man auch "belenes viventes", lebende Krippen. Da wird die Weihnachtsgeschichte von Personen nachgestellt.
Die Weihnachtslotterie am 22. Dezember
Für die Spanier beginnt Weihnachten erst so richtig am 22. Dezember. Da fangen in den Schulen nicht nur die Weihnachtsferien an, sondern viel wichtiger, es findet die Ziehung der Weihnachtslotterie statt. Ohne die Lotería de Navidad wäre Weihnachten für Spanier nur halb so schön.
Seit 1763, in der Regierungszeit des Königs Carlos III., wird der Sorteo de Navidad veranstaltet. Nicht ein einziges Jahr fiel die Ziehung seither aus. Es ist die größte Lotterie in ganz Spanien und viele Spanier haben alljährlich die Illusion, dass sie der "Dicke von Weihnachten berührt“. Der Hauptgewinn der Weihnachtslotterie, stolze 300.000 Euro für ein Zehntellos, wird nämlich El Gordo, der Dicke genannt. Und der Spruch "·ojalá que me toque el gordo" (hoffentlich trifft mich der Hauptgewinn) ist im Dezember in aller Munde. Im Jahr 2009 werden in der Lotería de Navidad 2,32 Milliarden Euro an Gewinnen ausgeschüttet.
Halb Spanien hängt deshalb am 22. Dezember von 9 Uhr morgens mit einem Ohr am Fernseher oder Radio, um dem Singsang der Kinder der Madrider Privatschule San Ildefonso zu lauschen. Die Niños de San Ildefonso singen seit mehr als zwei Jahrhunderten die Gewinnnummern der Weihnachtslotterie.
Der 24. Dezember – La Nochebuena
Obwohl der Heiligabend in Spanien fast ein normaler Arbeitstag ist, viele Geschäfte haben sogar bis 20 Uhr geöffnet – trifft sich die Familie am 24. Dezember zu einem besonderen Abendessen in der Nochebuena (Gute Nacht). Jede Region hat da ihre eigenen Spezialitäten. Im Norden in Kastilien hält man es eher mit einem knusprig gebratenen Spanferkel oder Lamm, im Süden, besonders in Andalusien zieht man den Truthahn vor. In ländlichen Regionen wird auch in der Nochebuena oft ein puchero gereicht, ein kräftiger Eintopf aus allerhand Fleisch, Speck, Hülsenfrüchten und Gemüse, der seit dem Morgen auf dem Herd vor sich hinsimmert, weil die spanische Hausfrau sich den letzten Vorbereitungen für Weihnachten widmet.
Wer möchte geht dann um Mitternacht zur Misa de Gallo, zur Mitternachtsmesse, in der die Geburt des Niño Jesús gefeiert wird. Diese Weihnachtsmesse wurde nach dem Hahn (gallo) benannt, der als erster die Geburt Jesu verkündete.
Der 25. Dezember - Día de Navidad: Meeresfrüchte und Edelfisch bis zum Abwinken
Am 25. Dezember, dem Día de Navidad, findet das große Schlemmerweihnachtsmahl im Kreise der ganzen Familie statt. Der Truthahn, lecker gefüllt mit Kastanien und Nisperos, ist zwar im Vormarsch, aber eigentlich kein typisch spanisches Weihnachtessen. Auch die Gans ist wenig gefragt. Da gibt es eher Lammkeule aus dem Backofen, Schweinefilet in Pfeffersauce, Rinderbraten oder Schweinebraten. Ein Muß sind Mariscos, Edelfische wie Besugo, Lubina, Dorade, Austern, Entenmuschel,Gambas, Langusten, Krebse, Hummer und vieles mehr. Die Liste ist endlos lang.
Was der spanischen Hausfrau nie Kopfzerbrechen macht, ist die Frage nach dem Weihnachtsdessert. Man bekommt alljährlich die gleiche Antwort „De postre… turrón“, „Zum Nachtisch Turrón“. Dies ist die typische spanische Weihnachtssüßigkeit, ein Erbe aus der Maurenzeit die im Prinzip aus Mandeln und Honig zubereitet wird. Variationen sind zahllos. Am bekanntesten sind der harte Turrón aus Alicante und der weiche aus Jijona. Es gibt Turrón auch gefüllt, getrüffelt, mit Eigelb und Schokolade. Außer Turrón werden noch Marzipan, Nüsse, Mandeln und spanisches Weihnachtsgebäck wie die Polverones aufgetischt. Heruntergespült wird alles mit landeseigenem Cava, die spanische Schaumwein, der nach Champagnerart hergestellt wird, oder mit Mistela, ein süßer Dessertwein aus der Muskatelltraube.
La Nochevieja - Sylvester mit Glückstrauben und roten Dessous
In der Nochevieja, der alten Nacht wie in Spanien Sylvester genannt wird, geht es so richtig rund. Wer kann, geht mit der Familie oder mit Freunden zu einem mehr oder weniger luxuriösen Sylversterdinner in ein Restaurant. Diese Cenas de Nochevieja werden schon Wochen vorher mit allen Details in den Medien offeriert.
Nicht vergessen sollte man, die rote Unterwäsche, die in Spanien von Männlein und Weiblein der Sylversternacht getragen wird. Das soll Glück bringen.
Glück sollen auch die doce uvas bringen, die 12 Weinbeeren, die man um Mitternacht verzehrt. Mit jedem Glockenschlag der Uhr an der Madrider Puerta del Sol, stopft man sich eine Traube in den Mund. Dieser Brauch stammt aus Elche, eine Stadt im Süden von Alicante. Als die 1909 die Weinernte überaus ertragreich war, fiel den Weinbauern ein, dass man die überschüssigen Trauben als uvas de la suerte, Glückstrauben, auf den Markt bringen und loswerden könnte. Seither werden alljährlich an Sylvester die Trauben verzehrt.
Danach wird mit Cava, dem spanischen Champagner oder mit asturianischem Apfelwein Cidra angestoßen.
Geschenke bringen die Heiligen Drei Könige
Mit den Geschenken müssen die spanischen Kinder bis Januar warten. Los Reyes Magos , die Heiligen Drei Könige, kommen am Spätnachmittag des 5. Januar in vielen Orten zu Schiff, mit dem Hubschrauber, in einer Kutsche oder auch auf Kamelen oder Pferden angereist. An der Cabalgata de los Reyes, dem bunten Umzug durch den Ort, nehmen manchmal noch Engel teil oder auch die Einwohner in Regionaltrachten gekleidet. Meist geht der Umzug zum Rathaus. Dort verteilen die Reyes Geschenke an die Kinder, die die Eltern am Vortag mit dem entsprechenden Namen versehen am Rathaus abgaben.
Rettet die Heiligen Drei Könige
Die Reyes Magos kommen auch ins Haus. Zumindest lassen sie ihre Geschenke da. Dafür stellen die Kinder die sauber geputzten Schuhe für die Geschenke vors Haus sowie Heu und Wasser als Futter für die Kamele. Böse Kinder bekommen keine Geschenke sondern carbón (Kohle), auch wenn die Kohle meist aus Schokolade ist.
Seit einiger Zeit gibt es eine Kampagne in Spanien, die unter dem Titel “Apoyemos los Reyes Magos” die Heiligen Drei Könige unterstützen wollen. In den vergangenen Jahren machte sich, gänzlich unspanisch, nämlich Papa Noël alias Santa Claus an Weihnachten als Geschenkebringer breit. Der Weihnachtsmann, der nach Meinung vieler traditionsbewusster Spanier nichts auf dem spanischen Weihnachtsfest zu suchen hat, macht den Reyes unerwünschte Konkurrenz.
